Hans Urs von Balthasar: Der Ernstfall als Maßstab des Glaubens

Vittore Carpaccio - Die Verherrlichung der heiligen Ursula (gemeinfrei)

Der Theologe Hans Urs von Balthasar veröffentlichte 1966 seine Schrift „Cordula oder der Ernstfall“. In ihr setzte er sich vor dem Hintergrund des kulturrevolutionären Geschehens der 1960er Jahre und dessen Eindringens in die Kirche in der Nachkonzilszeit mit der Frage auseinander, was der höchste Maßstab des Glaubens sei, mit dem man gute von schlechten religiösen Impulsen unterscheiden könne. Er kam zu dem Ergebnis, dass dieser Maßstab der Ernstfall und die eigene Bereitschaft zum Tod sei.

Von Balthasar warnt in seiner Schrift davor, dass der Glaube in Folge kultureller Auflösungserscheinungen drohe, zu „einem seichtem humanistischen Geplätscher“ voller Unverbindlichkeiten zu werden. Die Schrift enthält einen fiktiven Dialog zwischen einem kommunistischen Kommissar und einem liberalen Christen, in dem er dies illustriert. Während der Kommunist sich noch nicht sicher ist, wie er den Christen einzuordnen und wie er mit ihm verfahren solle, versucht der Christ dem Kommunisten zu erklären, wie nahe sich Christentum und Kommunismus doch eigentlich seien. Der Kommunist ist schließlich zufrieden und meint, er könne sich die Kugel sparen, weil das Christentum sich bereits selbst liquidiert habe.

Laut von Balthasar wirke die ständige Auseinandersetzung mit dem Ernstfall solchen Selbstauflösungstendenzen entgegen. Der Ernstfall sei für die Klärung von Glaubensfragen „das beste Kriterium […] weil er vor die christliche Wahrheit zwingt“ indem er die Frage stelle, ob man persönlich die richtige Antwort auf den dienenden Opfertod Jesu Christi gebe, die nur „meine Bereitschaft, für Christus zu sterben“ sein könne:

Warum hat Jesus Christus seinen Nachfolgern kein anderes Schicksal vorausgesagt als das seine: Verfolgung, Misserfolg und Passion? […] [W]er aber Jesus vorzieht, wählt das Kreuz als den Ort, wo nicht eventuell, sondern todsicher gestorben wird. […] Nach dieser Rede Christi ist der Stand der Verfolgung der Normalzustand für die Kirche in der Welt, und das Martyrium seine normale Bekenntnislage. […] Was soll der Christ sein? Einer, der sein Leben einsetzt für seine Brüder, weil er selbst sein Leben dem Gekreuzigten verdankt.

Nur von der Möglichkeit des eigenen Todes ausgehend könne der Christ seinem Leben Gestalt geben, offene Fragen zuverlässig beantworten und dadurch wissen, wer er wirklich sei. Dabei müsse nicht jeder Christ als Märtyrer sterben; es käme vielmehr auf die dienende Grundhaltung im Leben und dessen vorbehaltslose Indienststellung an:

Nicht vor allem auf das physische Sterben kommt es an, sondern darauf, täglich sein Leben für den Herrn und die Brüder hinzugeben.

Die hl. Cordula, von der im Titel der Schrift die Rede ist, wird in der Legende der hl. Ursula von Köln erwähnt. Cordula habe sich während eines von heidnischen Hunnen verübten Massakers an Christen im 4. Jhd. zunächst versteckt, am nächsten Tag aber dem Martyrium gestellt. Laut von Balthasar sei es nicht entscheidend, ob man einen Tag später falle als andere, „aber dabei muss man sein“.

Hintergrund

Der damalige Kardinal Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) schrieb 1992 über von Balthasars Schrift, dass diese im Kontext der Ausbreitung häretischer Strömungen in der Nachkonzilszeit zu betrachten sei:

Das bisher Unmögliche zu behaupten wurde als Fortführung des Geistes des Konzils ausgegeben. Ohne dass schöpferisch Neues hervorgebracht worden wäre, konnte man sich nämlich zu billigem Preis interessant machen, indem man alte liberale Ladenhüter nun als neue katholische Theologie anbot. Balthasar hat diesen Vorgang […] von Anfang an mit großer Schärfe wahrgenommen und mit der ganzen Unerbittlichkeit seines Denkens und Glaubens dagegen Stellung bezogen. Cordula oder der Ernstfall, 1966 erschienen, werden wir immer mehr als einen Klassiker sachlicher Polemik erkennen, der sich würdig den großen polemischen Schriften der Väter anschließt, die uns Gnosis und Christentum zu unterscheiden lehrten.

Der katholische Theologe Romano Guardini schrieb bezüglich des Märtyrertums, dass man darüber nur zurückhaltend sprechen solle. Der Mensch sei zu schwach, um dieses aus eigener Kraft anzustreben. Er müsse darum bitten, bis zur letzten Konsequenz dienen zu können, und dann gewähre Gott ihm diese Gnade vielleicht. Dies könne auf verschiedene Art und Weise erfolgen und mit großen Aufgaben, aber auch mit großem Leid verbunden sein. (ts)