Paul Collier: Gemeinwohl, Solidarität und die Schwächen des Liberalismus

Ambrogio Lorenzetti - Die Allegorie der schlechten Regierung (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Ökonom Paul Collier lehrt Wirtschaftswissenschaften an der Universität Oxford. In einem in der Neuen Zürcher Zeitung erschienenen Aufsatz kritisiert er das Welt- und Menschenbild des Utilitarismus, der eine der weltanschaulichen Grundlagen des Liberalismus ist.

Utilitaristisches Denken, das bestimmten Formen der Globalisierung sowie der Forderung nach offenen Grenzen zugrunde liege, führe tendenziell zur Entsolidarisierung mit der eigenen Gemeinschaft sowie zur Vernachlässigung ihrer Sorgen und Nöte und füge dem Gemeinwohl europäischer Gesellschaften dadurch großen Schaden zu.

  • Der Schöpfer des Utilitarismus, der liberale Philosoph Jeremy Bentham, sei aufgrund seines Autismus psychisch nicht dazu in der Lage gewesen, Gemeinschaftssinn zu entwickeln. Sein Ziel, “das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl” von Menschen zu gewährleisten, habe zu einem globalistischen Denken geführt, das keine Rücksicht auf die Lebenssorgen konkreter Gemeinwesen und Gemeinschaften nehme. Insbesondere die Nöte der eigenen Gemeinschaft würden von Utilitaristen unter dem Verweis auf abstrakte globale Zusammenhänge tendenziell vernachlässigt.
  • In Großbritannien seien im Zuge der Globalisierung und Massenzuwanderung innerhalb weniger Jahrzehnte über Jahrhunderte gewachsene Bindungen, Gemeinschaften und Traditionen zerstört worden. Dies sei von den dafür verantwortlichen Utilitaristen mit dem Verweis darauf gerechtfertigt worden, dass die Globalisierung global betrachtet einen wirtschaftlichen Gewinn darstelle und die Interessen der Briten gegenüber denen ärmerer Migranten nachrangig seien.
  • Utilitaristisches Denken schade dabei entgegen seiner Versprechungen allen Beteiligten. Man löse etwa durch offene Grenzen die Probleme der Herkunftsgesellschaften von Migranten nicht, sondern verschärfe sie. Man habe zum Beispiel durch die humanitär begründete Aufnahme irregulärer Migranten vor allem vergleichsweise gut qualifizierte Menschen “gerettet”, so dass es inzwischen mehr sudanesische Ärzte in London gebe als im gesamten Sudan. Mit den Mitteln, die für ihre Versorgung in Europa erforderlich seien, hätte man zudem einer hundertfach größeren Zahl tatsächlich Not leidender Menschen vor Ort helfen können.

Zu den schädlichen Folgen utilitaristischer Politik gehöre es auch, dass sich die von der Solidaritätsverweigerung seitens der liberalen Eliten in Europa betroffenen Menschen politisch zunehmend radikalisieren würden.

Collier fordert eine Wiederzuwendung der Politik zur eigenen Gemeinschaft, um weiteren Schaden für Europa abzuwenden:

Die meisten Menschen fühlen sich stark an einem Ort verwurzelt. […] Aus der Erkenntnis, gemeinsam einem Heimatort verbunden zu sein, entstanden in Gemeinden wie Sheffield Interessengemeinschaften, die daraus große Kraft schöpften. […] Aus dem Überlegenheitsgefühl ihrer neuen, globalen Klassenidentität heraus haben die Technokraten das Gefühl der heimatlichen Verbundenheit aktiv in Verruf gebracht. […] Rückblickend wird man die Jahre der utilitaristischen Dominanz innerhalb der Mitte-links-Parteien als das erkennen, was sie waren: eine destruktive Phase der Arroganz und Selbstüberschätzung. Die Mitte-links-Parteien werden sich dadurch erholen, dass sie zu ihren kommunitaristischen Wurzeln zurückkehren und die Aufgabe annehmen, das auf Gegenseitigkeit und Vertrauen basierende Netz von Verbindungen und Verpflichtungen wiederherzustellen, das die Arbeiterfamilien mit ihren Sorgen auffangen kann.

Collier hatte zuvor in seiner wissenschaftlichen Arbeit als Migrationsforscher herausgearbeitet, warum offene Grenzen dem Gemeinwohl aller Beteiligten schaden würden.

Hintergrund und Bewertung

Die Bindung politischen Handelns an die Grundsätze des Gemeinwohls und der Solidarität gehören zu den Grundlagen der katholischen Soziallehre. Besondere Verpflichtungen würden dabei gegenüber der eigenen Gemeinschaft bestehen. Der katholische Philosoph Robert Spaemann sagte in diesem Zusammenhang, dass der Grad der eigenen Nähe zum jeweiligen Anliegen ausschlaggebend für die ethische Bewertung von Entscheidungsoptionen sein solle:

Es gibt verschiedene Grade der Nähe, und hier hat Augustinus den entscheidenden Begriff geprägt: ordo amoris, also eine Rangordnung der Liebe. Wo unserer Hilfe Grenzen gesetzt sind, da ist es auch gerechtfertigt auszuwählen, also zum Beispiel Landsleute, Freunde oder auch Glaubensgenossen zu bevorzugen. Johannes schreibt in einem Brief: Tut Gutes allen. Besonders aber den Glaubensgenossen. Es gibt rational nachvollziehbare Gründe der Auswahl.

Die grundsätzliche Zurückstellung des Gemeinwohls der eigenen Gemeinschaft zugunsten anderer, mutmaßlich übergeordneter Interessen durch die Politik, wie es der Utilitarismus und auf ihm gründende Ideologien wie der Liberalismus vorsehen, steht demnach in einem deutlichen Gegensatz zu christlicher Weltanschauung.

Auch wenn einige Liberale solches Denken zum Teil als Ausdruck christlicher Nächstenliebe darzustellen versuchen, kann man nicht mit der Nächstenliebe argumentieren, wenn man das Wohl des eigenen Gemeinwesens auf die von Collier beschriebene Weise gefährdet. In solchen Fällen dürfte das Motiv häufig nicht echte, Verantwortung übernehmende Nächstenliebe im christlichen Sinne sein, sondern das, was Psychologen als „pathologischen Altruismus“ bezeichnen. (ts)

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