Viktor Frankl: Dienst und Opfer als Sinn des Lebens

Matthias Grünewald - Die Kreuzigung Christi (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der jüdische Psychologe Viktor Frankl lehrte unter anderem an der Universität Wien und ist vor allem für seine Auseinandersetzung mit psychischen Herausforderungen in Extremsituationen bekannt geworden. In seinem Werk „… trotzdem Ja zum Leben sagen“ beschreibt er seine Gedanken dazu, die auf persönlichen Erfahrungen im Konzentrationslager Auschwitz beruhen. Sein Werk stellt dabei keine Anleitung zum physischen, sondern zum seelischen Überleben dar. Er betont, dass der Mensch nur durch die Entscheidung zu Dienst und Opfer seine Würde auch unter extremen Bedingungen bewahren und dadurch zum Ziel seiner Existenz gelangen könne.

Der Mensch hat keine natürlichen Ansprüche gegenüber dem Leben

Unter Extrembedingungen wie denen des Konzentrationslagers werde deutlich, dass der Sinn des menschlichen Lebens offensichtlich nicht in individuellem Wohlergehen bestehe. Zudem werde unter solchen Bedingungen erkennbar, dass der Mensch über keinerlei natürliche Ansprüche gegenüber dem Leben verfüge. Das Leben bestehe stattdessen aus einer Serie von Forderungen an den Menschen. Es stelle Fragen an ihn, die er in Form von Entscheidungen und Taten zu beantworten habe.

Was hier not tut, ist eine Wendung der Fragestellung nach dem Sinn des Lebens: Wir müssen lernen und die verzweifelnden Menschen lehren, dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet!

Leid, Dienst und Opfer als Inhalte sinnvollen Lebens

Es läge in der Natur des Lebens, dass es Menschen „vor ein großes Schicksal“ stelle und ihnen heroische Entscheidungen abfordere. Dazu erlege es dem Menschen Leid auf, das als Auftrag erkannt werden müsse. Der Mensch sei dabei vor die Entscheidung gestellt, „aus seinem bloßen Leidenszustand eine innere Leistung zu gestalten“.

  • Das Leben habe immer und unter allen Umständen einen Sinn, auch unter den Bedingungen von „Leiden und Sterben, Not und Tod“. Die an den Menschen gerichtete Forderung sei damit verbunden, „dass wir nicht armselig, sondern stolz zu leiden und zu sterben verstehen!“
  • Die vom Menschen geforderte Entscheidung sei die zu Dienst und Opfer. Nur auf diesem Weg behalte er auch unter Extrembedingungen seine Würde, entgehe dem seelischen Tod und verhindere, dass er „im bis aufs äußerste zugespitzten Kampf um die Selbsterhaltung sein Menschentum vergisst und vollends zum Herdentier wird“. Im Konzentrationslager habe Dienst etwa darin bestanden, Menschen zu versorgen, deren Lage besonders schwierig gewesen sei.
  • Es läge im Wesen des Opfers, „unter der Voraussetzung gebracht zu werden, dass scheinbar, dass in dieser Welt – in der Welt des Erfolgs – nichts damit erreicht würde. […] Freilich, derjenige unter uns, der im religiösen Sinne gläubig ist, der könne dies leicht einsehen […].“

Während einige Menschen in Folge ihrer Entscheidung zum Dienst einen besonders frühen Tod gefunden hätten, hätten andere im Bewusstsein ihres Auftrags länger durchhalten.

Die Widerlegung des modernen Menschenbildes durch die Freiheit des Willens und die Entscheidung zum Dienst

Unter den Bedingungen des Konzentrationslagers, die vor allem auch auf die seelische Zerstörung des Menschen und seine Reduzierung auf primitivste Bedürfnisse ausgelegt gewesen seien, sei dies nur wenigen Menschen gelungen, und Frankl beansprucht nicht, zu ihnen gehört zu haben. Zu „solcher Höhe sind nur wenige und seltene Menschen fähig“. Ein einziges Beispiel reiche jedoch aus, um das moderne, materialistische Menschenbild zu widerlegen, das den Menschen nur als biologisches Produkt materieller Umstände betrachte und seine Willensfreiheit leugne.

Einen Rest an innerer Freiheit und die Möglichkeit der Entscheidung zum Dienst habe es „auch noch in den schwierigsten Situationen und noch bis zur letzten Minute des Lebens“ gegeben. Frankl schreibt, dass er Menschen beobachtet habe, die Leid und Tod sogar dankbar angenommen hätten, weil sie erst unter Extrembedingungen erkannt hätten, dass sie in ihrem früheren, materialistisch geprägten bürgerlichen Leben seelische Fragen nicht ernst genug genommen hätten.

Bewertung: Dienst und Opfer als Praxis der christlichen Nächstenliebe

Der von Frankl größtenteils ohne direkte religiöse Bezüge aus einer jüdischen Perspektive beschriebene Dienst an Gott und dem Nächsten und die damit verbundenen Opfer stellen das Zentrum der christlichen Botschaft und ihrer Forderungen an den Menschen dar. Frankl unterstreicht mit seinen Ausführungen somit die Universalität der christlichen Botschaft, die in Jesus Christus, der sich zum dienenden Opfertod entschloss, „den Weg, die Wahrheit und das Leben“ sieht. Zu den am häufigsten in den Evangelien wiederholten Aussagen Jesu gehört diese:

Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten.

Vor dem Hintergrund des Sprachverfalls und der Umwertung von Begriffen führt es häufig zu Missverständnissen, wenn gesagt wird, dass Liebe das Zentrum der christlichen Botschaft darstelle. Der Begriff der Liebe beschrieb ursprünglich die Entscheidung zur dienenden Unterordnung der eigenen Bedürfnisse und Interessen unter etwas, das dem eigenen Leben bedeutungsmäßig übergeordnet wird. Liebe beinhaltet in diesem Verständnis immer auch Opfer und beweist sich durch sie.

Aus dem modernen Verständnis des Begriffes hingegen wurden seine ernsten und harten Aspekte vollständig getilgt, weshalb er einen süßlichen Klang angenommen hat. In diesem Verständnis bedeutet Liebe nur noch ein angenehmes Gefühl, das einem andere Menschen bereiten. Wo Bindungen mit Opfern und Zurückstellung der eigenen Bedürfnisse verbunden sind, entfällt im modernen Verständnis die Grundlage für Liebe, während im christlichen Verständnis Liebe erst an diesem Punkt beginnt.

Der moderne Liebesbegriff mit seiner ganz auf Bedürfnisbefriedigung ausgerichteten Ichbezogenheit ist dem christlichen Begriff somit diametral entgegengesetzt, was bedeutet, dass der Mensch durch moderne Weltanschauungen vom Sinn und vom Ziel seiner Existenz weggeführt wird. (ts)

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