Jonathan Sacks: „Kultureller Klimawandel“ und Antworten auf die Krise westlicher Gesellschaften

Nicolas Poussin - Die Anbetung des Goldenen Kalbs (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Philosoph und jüdisch-orthodoxe Rabbiner Jonathan Sacks lehrt unter anderem am King’s College in London und ist Träger des Templeton-Preises, der als Äquivalent des Nobelpreises auf dem Gebiet der Religion gilt. In einem vor einigen Wochen erschienenen Aufsatz analysierte er kulturrevolutionäre Entwicklungen in westlichen Gesellschaften sowie deren absehbares Scheitern und beschrieb mögliche Antworten darauf.

  • In Europa und der gesamten westlichen Welt sei eine Kulturrevolution im Gange, die er als „kulturellen Klimawandel“ bezeichnet. Diese Entwicklung werde nicht nur gravierende Auswirkungen auf die Religionen haben, aus denen die westliche Welt ursprünglich hervorgegangen sei, sondern auch zu größeren Verwerfungen und Krisen führen.
  • Die Narrative der säkularen Moderne, die sich seit dem 17. Jahrhundert durchgesetzt hätten, seien gegenwärtig im Scheitern begriffen. Die immer weitere Bereiche westlicher Gesellschaften erfassenden Säkularisierungsprozesse sowie die globale Durchsetzung der westlichen Moderne seien an ihr Ende gelangt. Die früher für selbstverständlich gehaltene Annahme, dass die Zukunft der Welt oder auch nur Europas westlich geprägt sein werde, gelte nicht mehr.

Ursachen und Folgen der säkularen Kulturrevolution

Es sei der Moderne nicht gelungen, die vor allem durch das Christentum geschaffene kulturelle Substanz auf einem nicht-religiösen, vorgeblich rational begründeten Fundament aufrechtzuerhalten und fortzusetzen. Es zeige sich zunehmend, dass die in England im 17. Jahrhundert und in den USA im 18. Jahrhundert entstandene liberale Ordnung kulturell auf einer jüdisch-christlichen Grundlage beruhe, bei deren Verlust sie zusammenbreche.

Der im Zuge von Säkularisierungsprozessen eingetretene Verlust religiöser Bindungen setze Prozesse in Gang, die destruktive Wirkungen für die betroffenen Gesellschaften hätten:

  • Säkulare Gesellschaften würden auf „spektakuläre“ Weise an der Aufgabe scheitern, ihre demographischen Grundlagen aufrechtzuerhalten. Ursache dafür sei, dass im modernen Denken die Opfer und der Verzicht, die mit Kindern verbunden seien, als irrational erscheinen würden. Zudem würden religiös begründete, das Gemeinwesen tragende Institutionen wie Ehe und Familie in säkularen Gesellschaften zunehmend delegitimiert oder entlang hedonistischer Vorstellungen umdefiniert.
  • Säkulare Gesellschaften könnten ohne den Beitrag einer sie stützenden Religion zudem nicht ausreichend starke Bindungen, eine gemeinsame Identität sowie Altruismus bzw. Bereitschaft zum Dienst am Gemeinwesen und zur Unterordnung privater Interessen unter das Gemeinwohl erzeugen. Sacks knüpft hier u.a. an Analysen der Soziologen Robert Putnam und Charles Murray über das schwindende Sozialkapital säkularer Gesellschaften an.
  • Belastbare Gesellschaften würden auf dem Gedanken des Bundes beruhen, der das Gemeinwohl sowie Pflicht und Verantwortung gegenüber diesem betone. Moderne Gesellschaften hingegen würden im Rahmen des Konzepts des Gesellschaftsvertrags individuelle Ansprüche gegenüber dem Gemeinwesen betonen und Bindung an dieses davon abhängig machen, ob dies mit einem Vorteil verbunden sei. In dieser Vorstellung erscheine die Vorstellung des  Dienstes an anderen als irrational. In solchen Gesellschaften müsse der Staat immer mehr Aufgaben übernehmen, die früher von Familien und freiwilligen Zusammenschlüssen der Bürger geleistet worden seien. Auch hier würden moderne Gesellschaften ihre eigenen Grundlagen zunehmend zerstören.

Eine belastbare Gesellschaft entstehe auf der Grundlage geteilter, religiös fundierter Kultur. Mit der Auflösung dieser Grundlage würde auch der Bestand einer Gesellschaft in Frage gestellt. In modernen Gesellschaften wiederhole sich gegenwärtig ein Muster, das seit der Antike zu beobachten sei. Wohlstand erzeuge in gesellschaftlichen Eliten Individualismus und Hedonismus, die wiederum die Abwendung von der Religion nach sich zögen, was die oben beschriebenen Prozesse auslöse und zum Zerfall von Gesellschaften führen. Im damit verbundenen Chaos seien in der Vergangenheit stets neue religiöse Akteure hervortreten und hätten neue Kulturen und Gesellschaften begründet.

Antworten auf die Krise westlicher Gesellschaften

Die geeignete Antwort auf die Krise der Moderne seien weder revolutionäre, auf Machtgewinn zielende Bestrebungen im Sinne von Tradition und Religion, noch der Rückzug in Parallelgesellschaften. Laut Sacks habe der katholische Philosoph Alasdair MacIntyre in seinem Werk „Der Verlust der Tugend“ eine bessere Antwort entworfen, die auf dem Gedanken der religiösen Erneuerung und des Wirkens kreativer Minderheiten beruhe:

Es ist immer gefährlich, zu enge Parallelen zwischen einer historischen Periode und einer anderen zu ziehen; und zu den irreführendsten dieser Parallelen gehören jene, die zwischen unserer eigenen Zeit in Europa und Nordamerika und der Epoche vom Niedergang des Römischen Reichs bis ins frühe Mittelalter gezogen worden sind. Dennoch gibt es gewisse Parallelen. […] Was in diesem Stadium zählt, ist die Schaffung lokaler Formen von Gemeinschaft, in denen die Zivilisation und das intellektuelle und moralische Leben über das neue finstere Zeitalter hinaus aufrechterhalten werden können, das bereits über uns gekommen ist. Und da die Tradition der Tugenden die Schrecken der letzten Finsternis überstanden hat, sind wir nicht ganz ohne Grund zur Hoffnung. Diesmal warten die Barbaren allerdings nicht jenseits der Grenzen; sie beherrschen uns schon seit einiger ganzen Weile. Und gerade das mangelnde Bewußtsein dessen macht einen Teil unserer mißlichen Lage aus. Wir warten nicht auf einen Godot, sondern auf einen anderen, zweifelohne völlig anderen Benedikt.

Gestützt auf noch zu schaffende religiöse Erneuerungsbewegungen könne es vielleicht gelingen, das zerstörte Gewebe moderner Gesellschaften wieder zu reparieren und ein neues dunkles Zeitalter abzuwenden. (ts)

8 Kommentare

  1. Die Ausführungen haben sicher etwas für sich, insbesondere bezüglich des „Opfer“-und Gemeinwohl-Gedankens. Beide Begriffe stehen (verständlicherweise) in einer hedonistischen Gesellschaft nicht gerade hoch im Kurs – ein jahrzehntelang gepflegter maßloser Individualismus und moralischer Relativismus haben als Ergebnis eben jene oberflächliche, genussorientierte Gesellschaft hervorgebracht. Sie kann nachwachsende Generationen (sofern diese nicht gleich „verhütet“ oder abgetrieben wurden) nicht mehr formen, sondern läßt sie hilflos in eine sich ständig rapide (aber kaum belegbar, weil diffus) ändernde Umwelt taumeln (vgl. Baumans „flüssige Moderne“ – https://kirchfahrter.wordpress.com/2017/11/13/zygmunt-bauman-von-der-festen-moderne-ueber-die-postmoderne-zur-fluechtigen-moderne/).

    Allerdings fehlt mir bei der Betrachtungen von Jonathan Sacks noch die Beleuchtung des steuernden Elements. Grundlage dieser Erziehung waren doch Lehrpläne, jahrzehntelange mediale Beeinflussung, rechtliche Weichenstellungen. Von wem ermöglicht? Mit welcher Absicht? Denn zufällig ist die derzeitige Situation sicherlich nicht…

    • @Kirchfahrter Archangelus
      Sacks spricht unter Berufung auf den Historiker Will Durant davon, dass kulturrevolutionäre Bestrebungen vor allem von intellektuellen Eliten ausgehen würden, die über die Kontrolle der Universitäten und meinungsbildender Institutionen schrittweise ihre Vorstellungen in andere Bereiche der Gesellschaft verbreiten würden. Ein Autor, dessen Name mir gerade entfallen ist, hatte in diesem Zusammenhang kulturrevolutionäre Persönlichkeiten beschrieben und sie als postreligiöse Erscheinungen dargestellt. So hätten etwa in manchen französischen Revolutionären noch Reste katholischer Weltanschauung in korrumpierter Form weitergewirkt, während bei Nietzsche noch Reste seiner protestantischen Prägung festzustellen gewesen seien und Freud und Adorno postjüdische Erscheinungen gewesen seien.

      • An diesem Punkt setzt meine Frage ein: handelt eine zufällige Abfolge von intellektuellen Eliten im jeweiligen Zeitalter mehr oder weniger willkürlich nach ihren gerade „zeitgemäß“ kulturrevolutionären Ideen oder ist generationsübergreifend eine Orientierung an einer einheitlichen Zielvorstellung erkennbar?

  2. Unser Problem mit den intellektuellen Eliten besteht leider auch darin, dass es durchaus genügend Denker und Autoren gibt, welche unsere Vorstellungen teilen, diese aber trotz Internet und anderer Medien kaum Einfluss auf „die Massen“ haben.
    Besuchen sie doch einmal um 6 Uhr eine zentral gelegene Bushaltestelle in einer beliebigen deutschen Großstadt.Um diese Zeit strömen Gruppen gut gelaunter Bereicher, die vom Feiern aus der City kommen, in ihre Unterkümfte zurück und treffen auf jene unglücklichen Proletarier, die auf dem Weg zur Arbeit sind. Die weiblichen Proletarier drängeln sich unauffällig um jene männlichen Arbeitgeber, denen Gott unser Herr in seiner Güte das Aussehen nicht sehr umgänglicher Neandertaler gab. Männern vom Typ „Sloterdijk“, „Woody Allen“ oder „Hippster Sylvester 2015/16“ traut der Instinkt des weiblichen Proletariers eher nicht zu, im Notfall kampftauglich zu sein.
    Über die Unterschiede beim Bildungsniveau hinaus hegt der kleine Arbeiter und Angestellte ein gewisses Misstrauen gegenüber den intellektuellen Eliten. Die linksliberalen, grünen usw. Eliten können dies über ihre Hegemonie bei den meisten Medien und in den Schulen kompensieren, unsere Denker und Autoren nicht. Die konservativen Eliten haben nicht die Sprache gefunden, die in den Herzen und Hirne der Massen Anklang finden. In den USA haben Leute wie Steve Bannon es geschafft, eine Sprache zu finden, die sowohl konservative Intelletuelle als auch Arbeiter und Farmer erreicht, im deutschen Sprachraum sind wir noch nicht soweit.

  3. @Kirchfahrter Angelus
    Was das steuernde Element und die gemeinsame Zielvorstellung in den diversen kulturrevolutionären Strömungen angeht, scheint es m.E. einige übergreifende Themen zu geben, die über die Jahrhunderte hinweg immer wieder hervortreten. Dazu gehören die Überschätzung der Fähigkeiten des Menschen und eine Überbewertung der Bedeutung der materiellen Aspekte der Wirklichkeit.
    Zurückverfolgen lässt sich diese Tendenz offenbar bis ins späte Mittelalter, und was sie so gefährlich macht, waren ihre zunächst großartigen naturwissenschaftlichen und technischen Leistungen, die fast alle späteren Kritiker dieser Tendenz trotz allem gewürdigt haben.

    @Attila Varga
    In Deutschland scheint es in allen Bevölkerungsschichten ja immerhin noch einige positive Erinnerungen an Begriffe wie „Abendland“ zu geben. Da die Kirche anscheinend leider fast vollständig Abstand genommen hat, daran anzuknüpfen, tun dies eben andere. Eine von vielen vergebenen Chancen.

  4. Sehr geehrter ts,
    in den letzten Monaten habe ich den Eindruck gewonnen, dass die „üblichen Verdächtigen“ hier Konservative sind, welche die Autorität von Kirche bzw Glaube an eine höhere sakrale Macht, Volk und Staat hoch schätzen, aber eben auch das Wissen und gesunden Menschenverstand.
    Daher kommt uns die ständige Propaganda und mediale Dauerberieselung der „Eliten“, die impertinenten Belehrungen, die Bereitschaft zu Beweihräucherung und Empörung auf Knopfdruck ekelerregend und albern vor. Doch ist deren Strategie aufgegangen, die beharrlich wiederholten Lügen werden dem Volk vertraut und klingen irgendwann nach Wahrheit-bis die Kluft zwischen Ideologie und Wirklichkeit so breit ist, dass die Massen sie einfach nicht mehr übersehen können.

    • Sehr geehrter Herr Varga,
      dem kann ich wohl nur zustimmen. Selbst unter Offizieren der Bundeswehr, die es besser wissen könnten und müssten, ist es häufig so, dass in Gesprächen erst einmal die offiziellen Botschaften wiederholt werden. Ein Grund dafür sind aufgrund von Präzedenzfällen durchaus berechtigte berufliche Sorgen. Bei vielen ist es aber auch so, dass sie es gar nicht besser wissen wollen. Man will seine Ruhe haben und stört sich an denen, die diese Ruhe durch Ansprache bestimmter Sachverhalte durchbrechen, mehr als an den problematischen Tendenzen in Europa. Ganz anders sind übrigens meine Erfahrungen mit Reserveoffizieren, die sich weniger Sorge um ihre Karriere in der Bundeswehr machen müssen und m.E. oft deutlich stärker als viele aktive Offiziere durch den Willen motiviert zu sein scheinen, ihrem Land zu dienen. Ein in Bundeswehrkreisen für seine unorthodoxen Ansichten bekannter Rechtslehrer sagte einmal vor Stabsoffizieren der Reserve, dass diesen in den bevorstehenden schwierigen Zeiten noch wichtige Aufgaben bevorstehen könnten.

  5. Sehr geehrter ts,
    Stalin hatte schon seine Gründe, warum er es in Katyn vor allem auf die polnischen Reserveoffiziere abgesehen hatte. Die Polen haben sich bis heute nicht vom Verlust dieser geistigen und wirtschaftlichen Substanz erholt.

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