Bassam Tibi: Das Problem der „Verherrlichung des Fremden“ in progressiven Ideologien

Lawrence Alma-Tadema - Die Rosen des Heliogabalus (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Bassam Tibi lehrte zuletzt an der Universität Göttingen und ist als Schöpfer des Konzepts der „Leitkultur“ bekannt geworden. In einem heute in der „Neuen Zürcher Zeitung“ erschienenen Aufsatz kritisiert er die Tendenz moderner progressiver Ideologien zur „Verherrlichung des Fremden“.

Solche Ideologien wollten dem Problem der „Verteufelung des Fremden“ durch bloße Umkehrung entsprechender Einstellungen und eine pauschale „Verherrlichung des Fremden“ begegnen. Dies sei laut Tibi jedoch irrational und führe zudem nicht zur Überwindung von Identitätskonflikten, sondern fördere diese, indem es Wehrlosigkeit und Schwäche gegenüber mit dem Fremden verbundenen Herausforderungen begünstige:

Ich wundere mich immer wieder, wie sogenannte „Progressive“ in westlichen Gesellschaften die Gefahr des Islamismus kleinreden. Sie veredeln uns Fremde – denn ein solcher war und bin ich in Europa bis heute – undifferenziert als Bon Sauvage und blenden alle gegen die Säkularisierung, Demokratie und offene Gesellschaft gerichteten Bestrebungen islamistischer Kräfte völlig aus.

Tibi kritisiert in seinem Aufsatz zudem die progressive Tendenz zum Kulturrelativismus, der europäische Gesellschaften unfähig zum Eintreten für ihr eigenes kulturelles Erbe, blind gegenüber problematischen kulturellen Phänomenen und unfähig zum Treffen notwendiger Unterscheidungen mache.

Außerdem kritisiert er die zunehmende Verdrängung des Konzepts individueller, unterschiedslos gewährter Freiheitsrechte durch kollektive Minderheitenrechte, insbesondere für Muslime. Dies führe zu einer „Ermächtigung des organisierten Islam, der von Islamisten getragen wird“. Progressive Kräfte würden durch die von ihnen vertretene Kombination von Kulturrelativismus, Forderung nach Minderheitenrechten für Muslime und Denunzierung kritischer Stimmen zu „Hilfssoldaten des Islamismus in Europa“.

Hintergrund

Tibi hatte in der Vergangenheit die Kirche in Deutschland wegen ihres Umgangs mit islambezogenen Herausforderungen scharf kritisiert. Dieser Umgang sei von „Wunschdenken“ und „Gesinnungsethik“ gekennzeichnet. Das Ergebnis seien weitgehende Blindheit gegenüber diesen Herausforderungen und schlechte Entscheidungen in Fragen ihrer Bewältigung.

  • Christen in Deutschland würden in der Auseinandersetzung mit solchen Herausforderungen eher „von ihrer eigenen dunklen Vergangenheit“ reden und sich einem „Ritual einseitiger Schuldzuweisungen“ unterziehen, als sich mit den eigentlichen Problemen auseinanderzusetzen. Das Ergebnis sei ein „verlogener Dialog“ mit dem Islam.
  • Nicht nur Islamisten, sondern auch viele orthodoxe Muslime würden dem Christentum auch dann feindselig gegenüberstehen, wenn Christen sich „vor dem Islam anbiedernd verbeugen“.
  • Christen sollten sich im Interesse des Gemeinwohls „mit dieser feindseligen Einstellung offen auseinander setzen, statt sie weiterhin zu verdrängen.“

Tibi kritisierte in diesem Zusammenhang, dass Christen diesbezüglich weniger ihrem Glauben als der „gesinnungsethisch verordneten Fremdenliebe der Deutschen, die es ihnen verbietet, zwischen demokratischen und undemokratischen Ausländern und Kulturen zu unterscheiden“, folgen würden. (ts)

 

 

(ts)

1 Kommentar

  1. Ein solches Verhalten ist nicht spezifisch deutsch, aber typisch für ernstlich erkrankte Gesellschaften. Vor der Französischen Revolution wimmelte es in Literatur und Theater von „Edlen Wilden“, vom Irokesen (eine Stammesföderation, die Krieg um des Krieges wegen führte, Nachbarstämme ausrottete und bei Folterexzessen rituellen Kannibalismus praktizierte) bis hin zu Persern, Kalmüken, Türken und Tataren hielten diese den Europäern sozialkritisch „den Spiegel vor“. Dass die Autoren von Irokesen und co. nicht die geringste Ahnung hatten, schmälerte ihren Erfolg bei den „für Alles offenen“ Teilen von Adel, Geistlichkeit und Bürgertum nicht im Geringsten.
    Um fair zu bleiben muss ich allerdings gestehen, dass das Werk, welches die Kinder der französischen Revolution in der Vendee und Tirol (Alles Gute zum Geburtstag und Gott wache über die Dich, lieber Andreas) vollbracht haben, sicherlich jeden Irokesen beeindruckt hätten.

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