Scott Atran: Die Selbstzerstörung des Liberalismus

Thomas Couture - Die Römer der Verfallszeit (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Anthropologe Scott Atran ist Forschungsdirektor am französischen Centre National de la Recherche Scientifique (CRNS) und lehrt an der École Normale Supérieure. In Sicherheitskreisen ist er vor allem durch seine Forschung über die Motive islamistischer Selbstmordattentäter bekannt geworden. In einem aktuellen Aufsatz schreibt er über die mögliche Selbstzerstörung des Liberalismus im Zuge der durch ihn ausgelösten weltweiten sozialen und kulturellen Verwerfungen und seines Mangels an sinn- und identitätsstiftenden Narrativen.

Die liberale Globalisierung als Ursache kultureller und sozialer Brüche und Verwerfungen

Liberale Demokratie und Globalisierung hätten laut Atran eine „dunkle Seite“. Ihre zunehmende Verbreitung würde weltweit enorme soziale und kulturelle Brüche und Verwerfungen nach sich ziehen und kulturellen Vereinheitlichungsdruck in Form eines Materialismus erzeugen, der die Erfüllung des menschlichen Daseins weitgehend in der Anhäufung materieller Güter sehe.

Dieses Versprechen erfülle sich für sehr viele Menschen jedoch nicht, während gleichzeitig gewachsene Identitäts- und Sinnkonzepte durch sie zerstört würden.

Gegenkräfte liberaler Globalisierung

Dies erzeuge Gegenkräfte in Form radikaler religiöser, ethnischer und weltanschaulicher Bewegungen.

  • Da die Natur des Menschen vor allem von einem Bedürfnis nach Sinn, Identität und Gemeinschaft gekennzeichnet sei,  erzeuge die liberale Globalisierung bei vielen Menschen die Erfahrung existenzieller Bedrohung und Entwurzelung. Diese würden darauf mit der Suche nach Stabilität, Sicherheit, Gemeinschaft und beständigen Werten reagieren.
  • Dies wiederum führe zum Rückzug auf die eigene ethnische Gruppe, auf kriminelle oder extremistische Strukturen oder den Anschluss an nicht- oder anti-liberale Identitäts- und Sinnkonzepte.
  • In der Folge würden sich vorhandene ethnische und weltanschauliche Bruchlinien vertiefen und entsprechende Konflikte entstehen oder eskalieren. Das globale Erstarken etwa des Islamismus, aber auch von anderen extremistischen und populistischen Strömungen sei eine solche Folge des Wirkens von Globalisierung und Liberalismus.

Die Identitätsschwäche des Liberalismus

Eine potenziell fatale Schwäche des Liberalismus sei es, dass er nicht über starke Narrative verfüge, die an die Stelle der aufgelösten Bindungen und Identitätsentwürfe treten könnten. Er könne die Gegenkräfte, die er freisetze, daher kaum eindämmen und verliere gegenüber diesen zunehmend an Unterstützung.

  • Starke Identitätsentwürfe würden immer auf als absolut bzw. als heilig angesehenen Werten beruhen, die enge gemeinschaftliche Bindungen und Opferbereitschaft erzeugen würden.  Der Liberalismus verfüge nicht über entsprechende Werte und somit auch nicht über starke Narrative. Zudem bevorzuge er Individualismus gegenüber Bindungen.
  • Dies führe unter anderem dazu, dass die Bürger liberaler Demokratien in deutlich geringerem Maße als z.B. radikale Muslime dazu bereit seien, Opfer für ihr Gemeinwesen bzw. ihre Gemeinschaft zu erbringen. Die Herausforderer liberaler Demokratien könnten sich daher langfristig als stärker herausstellen.
  • Liberale Eliten würden dies noch verstärken, indem sie die Parteinahme und Präferenz für das Eigene in westlichen Gesellschaften als Ausdruck von „Hass“ und „Rassismus“ verurteilen und damit die wenigen verbliebenen Ansätze starker Narrative aufgeben würden, über die diese noch verfügten.

Auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos, an dem wesentliche Akteure der globalen liberalen Elite teilnahmen, habe er in Gesprächen den Eindruck gewonnen, dass diese Elite die Herausforderungen nicht verstehen würde, denen die liberale Ordnung gegenüberstehe. Man gehe davon aus, dass nur rückständige, nicht ernstzunehmende Verlierer diese Ordnung und die ihr zugrundeliegende Weltanschauung ablehnen würden. Man wolle diese durch Umverteilung ruhigstellen, verstehe dabei aber nicht, dass die Gegenkräfte der Globalisierung nicht primär durch ökonomische, sondern durch kulturelle Faktoren und das Bedürfnis nach Sinn und Identität erzeugt würden.

Die Bewahrung der freiheitlichen Ordnung gegen die Herausforderung durch diese Gegenkräfte würde vor allem voraussetzen, dass diese Ordnung starke Narrative finde, die das Bedürfnis von Menschen nach Sinn und Identität befriedigen, starke Bindungen erzeugen und Menschen dazu motivieren, notfalls für diese Ordnung auch zu kämpfen und zu sterben.

Bewertung und Folgerungen: Die freiheitliche Ordnung benötigt eine christliche Grundlage

Atran will mit seiner Forschung dazu beitragen, die freiheitliche Ordnung zu erhalten, ist aber letztlich ratlos, was die starken Narrative sein könnten, die dies leisten könnten. Dies liegt auch daran, dass er sich dieser Frage ausschließlich aus der Perspektive der Nützlichkeit heraus nähert und die Frage nach dem Wahren und Guten in der politischen Ordnung und dessen transzendenter Grundlage nicht stellt. Dabei hatte er selbst bemerkt, dass starke Narrative immer auf der Annahme der Existenz solcher Wahrheit beruhten. An diesem Punkt erweist sich liberale Weltanschauung aufgrund der ihr innewohnenden materialistischen Beschränkungen als untauglich, eine dauerhafte Ordnung zu begründen oder aufrechtzuerhalten.

  • Der katholische Rechtsphilosoph Ernst-Wolfgang Böckenförde hatte in diesem Zusammenhang bereits auf den scheinbar paradoxen Sachverhalt hingewiesen, dass freiheitliche Ordnung nicht auf der Grundlage liberaler Weltanschauung aufrechterhalten werden könne. Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebe von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren könne.
  • Indem moderne Weltanschauungen sich bewusst gegen die von ihnen als irrational bewerteten christlichen Wurzeln gewendet haben, aus denen die abendländischen Gemeinwesen hervorgingen und die sie ein Jahrtausend lang trugen, haben sie auch die vorhandene, christlich begründete Substanz an starken, bindungsstiftenden Narrativen zerstört, ohne auch nur annähernd gleichwertige Substanz an ihre Stelle setzen zu können.
  • Vieles spricht dafür, dass nicht nur der Liberalismus, sondern moderne Weltanschauungen allgemein in dieser Hinsicht erschöpft sind und nicht mehr dazu in der Lage sein werden, ausreichend starke sinn- und identitätsstiftende Narrative zu erzeugen. Strömungen wie Nationalismus, Kommunismus und Nationalsozialismus haben bereits mit katastrophalen Folgen versucht, auf der Grundlage modernen Denkens die von Atran geforderten, als absolut betrachteten Werte und damit verbundenen starken Narrative zu schaffen.

Eine Aufgabe des bewahrenden Dienstes des Christentums könnte es in diesem Zusammenhang sein, durch das Wirken als kreative Minderheit und Identitätskern westliche Gesellschaften und ihre freiheitliche Ordnung durch Wiederanbindung an ihre geistigen Wurzeln in der dazu noch verbliebenen Zeit vor der Selbstzerstörung zu bewahren. (ts)