Romano Guardini: Das Europa der Nationen und das abendländische Dienstethos

Ambrogio Lorenzetti - Allegorie der guten Regierung (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Theologe Romano Guardini (1885-1968) gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Disziplin der katholischen Weltanschauung im 20. Jahrhundert, dessen Werk unter anderem Hannah Arendt und Benedikt XVI. beeinflusste. In seinem Aufsatz „Europa – Wirklichkeit und Aufgabe“ untersuchte er die sittliche Bedeutung des Nationalstaates, dessen Rolle in Europa sowie die historische Berufung Europas. Diese sah er darin, das christlich-abendländische Dienstethos weiterzuentwickeln und zu verbreiten, das politische Macht in Abgrenzung zu totalitären Ideologien als „dienende Stärke“ verstehe.

Treue und Bindung an eine Lebensgemeinschaft als Grundlagen der Nation

Ausgangspunkt seiner Betrachtungen sind die sich damals bereits abzeichnende Internationalisierung des wirtschaftlichen und politischen Lebens sowie diesbezügliche Gedanken über die Tugend der Treue.

Der Begriff der Treue sei zwar von jenen missbraucht worden, die selbst keine Treue geübt hätten, aber andere gebraucht hätten, die ihnen gegenüber treu waren. Dies dürfe jedoch nicht dazu führen, das Konzept der Treue als solches abzulehnen:

Es muss aber Treue geben; die Ehre des Menschen hängt daran, dass etwas sei, für das er bereit ist, sich wirklich einzusetzen – jenes, worin seine Wurzeln liegen: Heimat und Lebensgemeinschaft.

Ein stärkeres Zusammenwachsen der Welt sei prinzipiell wünschenswert, solange es nicht auf Kosten der Bindungen an eine Nation erfolge:

Ist die Über-Nationalität so geartet, dass ich in ihr auch Heimat und Ehre haben kann? Wo ist der Raum der Treue […]? Hier gewinnt die Nation eine neue Bedeutung. Es gibt eine Weise, kontinental, gar global zu fühlen, die interessant sein mag, aber die Menschen heimatlos macht und einem tieferen Appell des Ehrgefühls nicht genügt. Aus ihr entsteht der Kosmopolit, als jener Mensch, der nirgends mit seinem Leben einsteht, weil er anderswo ebenso gut weiterkommen kann.

Die Nation sei zudem der „Ort der lebendigen Einwurzelung des Menschen“.

Die Nation und Europa

In Europa sei die Nation nicht abgeschlossen und auf sich bezogen entstanden, sondern sie sei eingeordnet gewesen in einen europäisch-abendländischen Kontext bzw. eine „von Geschichte gesättigte Form charakteristischen Lebens, die aber ein Organ im umfassenderen Zusammenhang bildet“.

Die Moderne habe die im Christentum wurzelnde abendländische Einheit zerstört, wobei auch der die Nationen gegeneinander in Stellung bringende Nationalismus eine moderne Ideologie sei. Die Nationen Europas müssten wieder umdenken und die Nation so denken, „dass sie ihre Vergangenheit auf das Werden dieser großen Lebensgestalt hin verstehe“.

Das abendländische Dienstethos und die Berufung Europas

Zur historischen Berufung Europas gehöre es angesichts der Herausforderung durch den modernen Totalitarismus auch, auf der Grundlage christlicher Weltanschauung ein Denken hervorzubringen, das Macht nicht nur als Fähigkeit zur Unterwerfung verstehe, sondern als „dienende Stärke“:

Es gibt aber noch eine andere Form, wie Macht geübt wird, nämlich die des Dienstes. Damit ist nicht die Unterordnung des Schwächeren gemeint; dieser Dienst ist im Gegenteil Sache der Stärke, die sich für das Leben verantwortlich fühlt – für alles das, was Leben heißt: Mensch, Volk, Kultur, Ordnung des Landes und der Erde.

Dieses Machtverständnis könne jedoch nicht auf Grundlage modernen, säkularen Denkens entstehen, da es von der Legitimation politischen Handelns durch einen göttlichen Auftrag ausgehe, in dessen Rahmen der Dienst ausgeübt werde, und an dem er sich zu messen habe. Die politischen Eliten, die das künftige Europa schaffen, sollten dies in Abgrenzung von den Entwürfen der Moderne auf Grundlage des Gedankens der „dienenden Stärke“ tun:

Dienende Stärke, die will, dass die Dinge der Erde wieder Recht werden. In dieser Form der Machtübung ist kein Glanz, keine Erhabenheit, sondern schlichte Sachlichkeit.

Hintergrund: Nation und christliche Soziallehre

Die von Guardini dargestellten Gedanken bildeten die Grundlage der durch den christlichen Konservatismus geprägten politischen Ordnung Westeuropas der Nachkriegszeit. Die christliche Soziallehre, auf der dieser Konservatismus beruht, betrachtet die Nation als Teil einer Reihe von aufeinander bezogenen, sich ergänzenden Bindungen, die bei der Familie beginnen und alle auf ein transzendentes Ziel hin ausgerichtet sind. Gedanken und Impulse dazu haben wir hier zusammengestellt.

Die Soziallehre grenzt sich dabei ab vom Konzept des Nationalismus, der die Nation als die höchste Form der Bindung des Menschen betrachtet, die zudem in Konkurrenz zu anderen Nationen und Bindungen stehe. Sie grenzt sich auch ab von liberalen und neomarxistischen Konzepten, die nach der Auflösung von Bindungen und nach Entgrenzung streben und die Vorstellung transzendenter Autorität ablehnen. (ts)