Das Christentum als Erbe und Auftrag

Das christliche Europa - Ausschnitt aus dem Genter Altar (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Im Zusammenhang mit der Formulierung des Auftrags des Bund Sankt Michael, zur Kontinuität des Christentums in Europa beizutragen, musste auch definiert werden, was genau gemeint ist, wenn vom Christentum die Rede ist.

Das Christentum als heiliges Erbe

Das Christentum ist die Verwirklichung des christlichen Glaubens im Leben der Menschen, in der Kultur und in der gesellschaftlichen Ordnung. Es entstand und wächst aus der Berührung des Menschen durch das Heilige, das über die Jahrhunderte hinweg das, was es in allen Kulturen und allen menschlichen Werken an Gutem vorfand, in seinen Dienst stellte, veredelte, formte, vollendete und zu einer Einheit verband. Seine Grundlage ist Jesus Christus und der Dienstgedanke, den er verkörpert, welchen den Menschen über sich hinaus und zum Ziel seines Daseins führt.

  • Das Christentum beinhaltet einen Glauben, eine Religion, eine Lehre und eine Tradition. Es beinhaltet zudem eine bestimmte Vorstellung des Wahren, Guten und Schönen und schuf daraus eine viele Völker vereinende Kultur und Identität, eine soziale Ordnung und eine auf Gott hingeordnete Weise zu leben, die den Blick des Menschen über diese Welt hinausweist.
  • Das Christentum gleicht dabei einem Strom, der aus einer übernatürlichen Quelle stammt und, immer mächtiger werdend, die Zeiten durchfließt und die Welt verwandelt. Es gleicht auch einem Baum, der, aus göttlichem Keim stammend, über die Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch Gott entgegenwächst.

Der Historiker Christopher Dawson beschrieb die christlich-abendländische Kultur als eine „Weiterwirkung von einem Volk zum anderen in einer ununterbrochenen Reihe von geistigen Bewegungen“. Das dabei geschaffene Erbe sei größer als die Völker, die seine Träger waren und sind, und werde diese überdauern.

Kein materielles Erbe kann auf Dauer Bestand haben, doch das Erbe des Christentums hat einen Ursprung, der jenseits dieser Welt liegt. Das Christentum wird daher bis zum Ende der Zeit bestehen, und die in seinem Dienst getanen Werke wirken in die Ewigkeit hinein.

Dabei ist das Christentum auch an Fehlern und Irrwegen gewachsen und hat sie durch ständige Neuausrichtung auf sein Ziel immer wieder überwunden und daraus Lehren gezogen.

Das Christentum und Europa

Das Christentum erreichte Europa vermutlich im Jahre 49, als der hl. Paulus einem im Traum an ihn gegangenen Ruf gehorchend von Troja aus nach Philippi segelte. Christopher Dawson beschrieb die Bedeutung dieses Moments folgendermaßen:

Er brachte Europa das Samenkorn eines neuen Lebens, das letztlich bestimmt war, eine neue Welt zu schaffen.

Für Europa hat das Christentum eine besondere Bedeutung:

  • Das Christentum ist die geistige Wurzel Europas und bildete die Grundlage, auf der sich aus den vorchristlichen europäischen Stämmen die Völker Europas, die abendländische Kultur, die Identität Europas und seine wichtigsten kulturellen Leistungen entwickeln konnten.
  • Das Christentum hat in Europa seit der Antike über die Jahrtausende hinweg die besten Gedanken und Werke in sich aufgenommen, denen es begegnete, sie zusammengeführt und auf ein höheres Ziel hingeordnet.
  • Das Christentum hat dadurch in Europa kulturelle Bestände von höchstem Wert geschaffen, die alle Völker und Kulturen der Welt inspiriert haben.

Die Verbindung zwischen dem Christentum und Europa war während der kulturellen Blütezeit Europas so eng, dass das Christentum und Europa hier weitgehend identisch waren. Benedikt XVI. schrieb über das christliche Europa:

Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewusstsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.

Die Menschen, die am Aufbau des Christentums mitwirkten, hätten laut Johannes Paul II. „als ,lebendige Steine‘ mit Christus, dem ‚Eckstein‘, verbunden, Europa als geistiges und moralisches Bauwerk errichtet und den Nachkommen das kostbarste Erbe hinterlassen.“

Der übernatürliche Wert des Christentums

Der eigentliche Wert des Christentums liegt nicht in seinen kulturellen Leistungen und materiellen Werken, sondern im Beitrag dieser Leistungen und Werke zum Heil der Seelen.

  • Der Mensch als Mängelwesen braucht eine aus dem Glauben heraus lebende Kultur, um das Ziel seines Daseins erreichen zu können und Gott besser erkennen und ihm dienen zu können. Das Christentum ist identisch mit dieser Kultur.
  • Diese Kultur stellt eine geistige und materielle Substanz dar, die Fäden gleicht, aus der ein Schutz gegen die Dunkelheit gewoben wird. Sie gleicht auch dem Material, aus dem Dämme gegen die Kräfte der Auflösung und des Verfalls errichtet werden.
  • Wo diese Kultur nicht vorhanden ist, ist der Mensch dem Wirken dieser Kräfte preisgegeben, die ihn zum Sklaven der schwächsten Teile seiner Natur machen und seine Seele hinabziehen.

Der eigentliche Wert des Christentums besteht somit über seine materiellen Leistungen hinaus darin, dass es durch seine Werke Menschen zum Glauben inspiriert und ein zur Heiligkeit strebendes und ein auf Gott sowie das Wahre, Gute und Schöne ausgerichtetes Leben fördert, wodurch es zum Heil des Menschen beiträgt. Alle Werke des Christentums erhalten ihren Wert dadurch, dass sie diesem Zweck dienen.

Die Kontinuität des christlichen Erbes als Auftrag

Der Dienst am Christentum ist letztlich ein Dienst an Gott und gehört zu den größten und wichtigsten Aufgaben, die ein Mensch überhaupt leisten kann. In Europa konnte das Christentum nur deshalb wachsen, weil immer wieder Menschen diesen Auftrag annahmen, sich in den Dienst stellten und gegen die Kräfte der Auflösung und des Verfalls in sich selbst und in ihrem Umfeld kämpften.

Die Achtung gegenüber diesem Erbe erfordert persönlichen Einsatz zu seiner Weitergabe, damit es auch kommenden Generationen dienen kann. Das Christentum gleicht dabei gemäß dem biblischen Bild einem Weinberg, der von Generation zu Generation weitergegeben wird und zu pflegen ist, damit er immer wieder neu Frucht bringen kann.

Wie alles von Wert musste auch das Erbe des Christentums gegen Widerstände errungen und immer wieder gegen Herausforderer verteidigt werden. Immer wieder brachte das Christentum aber auch die Abwehrkräfte hervor, die erforderlich waren, um diese Aufgabe zu leisten. Der Historiker Michel Mourre beschrieb in diesem Zusammenhang die Kirche als Trägerin nicht nur des christlichen, sondern des gesamten kulturellen Erbes Europas:

Die Kirche lebte, sie umschloß und gab Gott und den Menschen, was an Werten verflossener Jahrhunderte übrigblieb. Was abgestorben war, hatte den Tod verdient. Doch was im abendländischen Erbe lebenswürdig gewesen war, lebte in der katholischen Kirche.

Große Opfer wurden erbracht, damit das Christentum seine Größe und Kulturhöhe erreichen und behaupten konnte. Entsprechend groß ist die Verantwortung jeder neuen Generation von Christen, der dieses Erbe anvertraut ist, um es fortzusetzen.

Johannes Paul II. hatte in diesem Sinne zum Einsatz für die Weitergabe des christlichen Erbes aufgerufen:

Doch dieses Erbe gehört nicht nur der Vergangenheit an; es ist ein Zukunftsplan zum Weitergeben an die künftigen Generationen, weil es der Ursprung des Lebens der Menschen und Völker ist, die miteinander den europäischen Kontinent geschmiedet haben.

Auch Papst Franziskus rief vor dem Hintergrund der Herausforderungen, denen das Christentum in Europa immer stärker ausgesetzt ist, dazu auf, „die europäische Identität zu bewahren und wachsen zu lassen“. Ein Europa, das seine christliche Seele verliert, werde letztlich auch seine säkularen Errungenschaften verlieren, die auf diesem Erbe beruhten. (ts)

 

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