James Davison Hunter: Kulturelle Auflösung und das bevorstehende Ende der liberalen Demokratie

Thomas Cole - The Course of Empire - Desolation (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Religionssoziologe James Davison Hunter lehrt an der University of Virginia. In einem aktuellen Aufsatz analysiert er das Scheitern des „Projektes der Aufklärung“ im Zuge der Abwendung westlicher Gesellschaften von ihren religiösen Wurzeln. Dies habe kulturelle Auflösungsprozesse in Gang gesetzt, die auch der liberalen Demokratie zunehmend ihre Grundlage entziehen würden und zu ihrem Zusammenbruch führen könnten.

Die Krise westlicher Gesellschaften und der liberalen Demokratie

Hunters Gedanken und Beobachtungen decken sich dabei in weiten Teilen mit anderen Analysen langfristiger Krisentendenzen, die den gesamten europäisch geprägten Kulturraum zunehmend erfassen.

  • In westlichen Gesellschaften, vor allem in den USA, sei zunehmend die Tendenz zu immer stärkerer politischer, sozialer und ethnischer Fragmentierung und Polarisierung zu erkennen.
  • Viele Regierungen seien dysfunktional, was die Bewältigung existenzieller Herausforderungen angehe, und kulturelle Substanz und soziales Kapital würden sich zunehmend auflösen. Über entscheidende politische Fragen sei keine Debatte mehr möglich. Als Reaktion auf nicht mehr glaubwürdige politische Eliten erstarke ein Populismus, dem noch extremere Phänomen folgen könnten.
  • Zudem könnten diese Gesellschaften das Versprechen eines stetig steigenden Wohlstandes für eine breite Mittelschicht, mit dem sie sich legitmieren würden, nicht mehr einhalten.
  • Vor allem aber sei die liberale Demokratie nicht dazu in der Lage, Identitätsfragen zu beantworten und ein Narrativ zu schaffen, das zerfallende Gesellschaften zur gemeinsamen Verfolgung des Gemeinwohls befähige.

Bei anhaltender Tendenz werde die liberale Demokratie, die gegenwärtig weitestgehend nur noch aus ihren Institutionen bestehe und sich „im Zusammenbrechen“ befände, keine Zukunft haben.

Religionsverlust als Ursache kultureller Auflösungsprozesse

Die tiefere Ursache der Krise der liberalen Demokratie und der sich abzeichnenden Verwerfungen sind Hunter zufolge die Abwendung westlicher Gesellschaften von ihren religiösen Wurzeln und die dadurch ausgelösten kulturellen Auflösungsprozesse, die zum Verlust der kulturellen Grundlagen der gegenwärtigen politischen Ordnung führen würden.

Eine funktionierende politische Ordnung beruhe auf einem kulturellen Kern, der ihre Identität in Form der Annahmen und Normen definiere, auf denen sie beruhe. Dies legitimiere diese Ordnung und ermögliche Solidarität sowie die Vorstellung eines Gemeinwohls und erlaube zudem die geordnete und produktive Austragung politischer Konflikte in einem „geteilten kulturellen Raum“.

Das Christentum als Wurzel und Identitätskern der liberalen Demokratie

Die freiheitliche, liberale Demokratie beruhe auf der Schottischen Aufklärung, die, anders als der zum Totalitären neigende französische Zweig der Aufklärung, aus christlicher Weltanschauung hervorgegangen sei und diese auch grundsätzlich vorausgesetzt und bejaht habe.

Diese Weltanschauung in Form der Annahme einer transzendenten, für den Menschen unverfügbaren Ordnung und der durch sie definierten Standards des Wahren, Guten und Schönen sowie eine christliche Vorstellung der Natur des Menschen seien der kulturelle Kern der liberalen Demokratie. Da diese sich auf die Zustimmung freier Bürger stütze, setze sie zudem voraus, dass eine Mehrheit der Bürger christliche Weltanschauung teile und ihre Annahmen über die Welt und den Menschen für wahr halte, damit sie aufrechterhalten werden könne.

Mechanismen und Folgen kultureller Auflösung in liberalen Demokratien

Christliche Aufklärer und frühe Liberale hätten betont, dass christliche Weltanschauung auch mit dem Verstand nachvollziehbar bzw. „self evident“ sei und Zustimmung zu ihr christlichen Glauben daher nicht voraussetze. Dies habe einen geistigen Prozess ausgelöst, in dessen Verlauf die ursprüngliche religiöse Grundlage des Liberalismus immer weiter in den Hintergrund getreten sei.

  • Die Vorstellung, dass als Maßstab der Rationalität geltendes Streben nach Eigennutz die Grundlage der politischen Ordnung sei, habe die Legitimation durch transzendente Bezüge zunehmend ersetzt, die schließlich als illegitime Einschränkung der Entfaltungsmöglichkeiten des Individuums weitgehend delegitimiert und zusammen mit der  Religion in den privaten Bereich verbannt worden seien.
  • Dies habe bereits im 19. Jahrhundert zu ersten kulturellen Auflösungserscheinungen geführt, die von rechter und linker Seite jeweils mit Versuchen beantwortet worden seien, die Nation oder Gleichheitsideologie als scheinbar rationale Grundlagen an die Stelle der Religion zu setzen. Später hätten politische und kulturelle Eliten mit noch geringerem Erfolg versucht, durch abstrakte Bezüge auf „Kultur“, „Werte“, „Freiheit“, „soziale Gerechtigkeit“ etc.  den verloren gegangenen kulturellen Kern zu ersetzen.

Von ihren Eliten ausgehend würden sich die kulturellen Grundlagen der liberalen Demokratie seitdem immer weiter auflösen. Diese habe in den USA lange nur noch deshalb funktioniert, weil eine Mehrheit der sich laut Barack Obama „an ihre Waffen und ihre Religion klammernden“ Bürger den Utopien der kulturellen Eliten und dem gemeinwohlfernen Machtzynismus der politischen Eliten distanziert gegenüber gestanden und an der ursprünglichen politischen Kultur festgehalten habe. Das Phänomen Trump sei jedoch ein Hinweis darauf, dass dies vorbei sei.

Das bevorstehende Ende der liberalen Demokratie

Hunter ist pessimistisch, was die Perspektiven der liberalen Demokratie angeht. Eine Erneuerung sei unwahrscheinlich, weil die christliche Kultur, die sie ursprünglich geschaffen und ermöglicht habe, nur noch in Fragmenten vorhanden sei.

Auch wenn die Institutionen freiheitlicher politischer Ordnung noch eine Zeit lang weiterbestehen könnten, drohe diese Ordnung selbst mangels kultureller Grundlagen in den Kämpfen zerfallender Gesellschaften zerrieben zu werden.

Ähnliche Prognosen gibt es auch von anderer Seite. So hatte etwa der Soziologe Wolfgang Streeck entsprechende Selbstzerstörungsprozesse liberaler Gesellschaften aus ökonomischer Sicht näher beschrieben und vor gravierenden Verwerfungen als Folge dieser Entwicklungen gewarnt. (ts)

1 Kommentar

  1. Als eine Ergänzung der oben geäußerten Gedanken empfehle ich die ersten beiden Vorträge (den Vortrag von Prof. Dr. Gerd Habermann, unter dem Motto: „der Markt wird es richten“ halte ich dagegen für äußerst kritikwürdig (dieses große Fass mache ich hier aber nicht auf), insbesondere aus christlicher Perspektive;
    empfohlene Literatur zu diesem Thema das großartige Alterswerk von Peter Brown – „Der Schatz im Himmel“ ), gehalten auf dem Forum Freiheit 2017 „Die Zukunft der Freiheit“ von

    Thilo Sarrazin (Das Problem offener Grenzen)

    Prof. Dr. Erich Weede (Welche Art Einwanderung?)

    Prof. Dr. Gerd Habermann, Berlin (Soziale Sicherheit und Freiheit)

    https://www.youtube.com/watch?v=gj96MnZ9rsk

    Abschließend eine Rezension von Peter Bowns – „Ein Schatz im Himmel“:

    Peter Brown weiß, wovon er spricht und schreibt. Sein gesamtes Forschungsleben war geprägt durch seine Arbeit als „Althistoriker“. Antike, Spätantike, das römische Reich, das sind die zentralen Themen seines Werkes, die durchaus immer auch Bezüge zu religiösen Einflüssen aufweisen und der Übergang von der Herrschaft Roms hin zum „christlichen Abendland“, wie es sich später aus den Anfängen des Christentums in Rom entwickelte.

    Dieses nun vorgelegte, umfangreiche Werk (was dennoch sehr gut und flüssig zu lesen ist) bündelt in bester Weise die Ergebnisse von Browns Forschung und verfolgt akribisch die „Zeitenwende“ durch die Ausbreitung des Christentums, die Setzung desselben zur offiziellen Staatsreligion und damit auch der Wandel des Christentums von einzelnen, weitgehend verfolgen Anhängern und Gemeinden zur „staatstragenden Kraft, je zu einem eigenem geistlichen „Stand und Staat“ samt aller weltlicher Verflechtungen, die damit einhergingen.

    Was auch die Frage nach den nötigen Mitteln der sich entfaltenden „Kirche“ aufwirft. Machtfragen beschäftigten das Christentum ja schon früh (Paulus und Petrus, das Primat des römischen Bischofs u.a.). Doch mit wachsender Macht geht in der Regel wachsender materieller Bedarf und wachsender Reichtum einher. Was Brown minutiös im Buch nachvollzieht.

    Und was umgehend die Frage auch nach der „Ursprungsbotschaft“ stellt, denn materiellen Reichtum lehnt die Lehre Jesu vielfach (Aufruhr im Tempel) praktisch und theoretisch (Gütergemeinschaft urchristlicher Gemeinden in der Apostelgeschichte, das berühmte Gleichnis vom „Kamel und Nadelöhr) in den Evangelien ab. Wenn auch die alltäglichen Dinge auch der Apostel, bei aller unklaren historischen Quellenlage, durchaus mit einer gemeinsamen Kasse und Geld wohl zu tun hatte.

    Eine Auseinandersetzung, die gerade da begann, noch einmal und sehr weltlich drängend zu werden, als mit der Erhebung zur Staatsreligion und der damit einhergehenden Strukturen von Gemeinden und einer Kirche auch die Oberschicht Roms mehr und mehr sich dem Christentum zuwandte (und damit auch das Geld zu strömen begann).

    Der untersuchte Zeitraum reicht hierbei von der Mitte des 4. Jh. n.Chr. bis ca. 550, der Periode des Untergangs Roms.

    Dabei geht Brown zunächst auf die römische Gesellschaft im vierten Jahrhundert ein, wechselt dann über zur gesellschaftlichen Stellung der Christen zu jener Zeit mach der Bekehrung Konstantins 312 und dem allmählichen Zuwachs der Kirche durch reiche Bürger des römischen Reiches. Mit der Haltung der Kirche, die Brown hervorragend beschreibt, in der diese die „traditionelle Idee der Gabe an die Heimatstadt“ geschickt ablöst durch den Erwerb eines „Schatzes im Himmel“ (zu dem die deutsche Übersetzung des Originaltitels bestens passt) durch „Geschenke an die Kirche und die Armen“.

    Durch eine klare Konkretisierung der Entwicklung „typischer“ Haltungen in Form einer Personalisierung der Themen (namhafte Persönlichkeiten aus verschiedenen geographischen Bereichen des römischen Reiches) gelingt es Brown, den Leser nachgerade zu fesseln und die Probleme, Reibungen, die Entwicklung zur „reichen Kirche“, die internen Auseinandersetzungen und die Entfaltung eines wahren „Hofstaates“ der Kirche lebendig zu schildern und die verschiedenen Einstellungen zum „Umgang mit dem Reichtum“ charakteristisch vorzulegen.

    Quintus Aurelius Symmachus, Ambrosius von Mailand, der junge Augustin (später Bischof), den Brown besonders rege auf dessen Weg durch verschiedene religiöse Gemeinschaften begleite und so ein lebendiges Bild der religiösen Vielfalt jener Zeit dem Leser zur Verfügung stellt. Vom „Einsammeln“ des Reichtums bis zu Haltungen, diesem zu entsagen und darauf zu verzichten (Paulinus von Nola 394).

    Bis dann das „Finale“ des Werkes in den dramatischen Spannungen innerhalb des Reiches und durch militärischen Druck von außen und der dennoch erstarkenden Kirche mündet.
    Mit einer ebenso wichtigen „Schlacht“ für das geistig-geistliche, wie auf den Schlachtfeldern jener Tage zwischen Augustin und Pelagius, dem wohl hartnäckigsten Kritiker des Vermögens und Reichtums der Kirche jener Zeit der entscheidenden Weichenstellungen.

    Und auch wichtig und bestens dargestellt ist jener Verlust des Reichtums der Gesellschaft, der nach der Krise des Weströmischen Reiches breit um sich griff und auch die Kirche vor Veränderungen stellte. Ganz handfeste, denn mehr und mehr übernahm die römische Kirche Funktionen des alten römischen Senates. Nicht nur, was die materielle Sorge um die Unterschicht anging, sondern auch, was rein weltliche Regierungstätigkeiten betraf.

    Eine umfangreiche Betrachtung, die als roten Faden im Hintergrund durchgehend verfolgt, wie der Reichtum das Gefüge des Christentums und dessen Struktur selbst dauerhaft veränderte. Ging vom „inneren Glaubensweg“ zu einem fast modern wirkenden Management eines immer größer, einflussreicher und reicher werdenden „Betriebes“. Eine Entwicklung, die die gesamte westliche Welt bis in die Gegenwart hin prägt. Nicht unbedingt, was die Nähe zum Glauben und der Kirche angeht, wohl aber, was die innere Haltung zu weltlichen Gütern und die Finanzierung des „Seelenheils“ betrifft. Ein Weg, der nicht gradlinig verlief, aus des schildert Brown überzeugend, aber nachhaltigen und tiefgreifenden Einfluss nach sich zog.

    Eine sehr empfehlenswerte, lebendige und fundierte Lektüre über die Grundlagen und verschiedenen, teils unvereinbaren Haltungen zu einem „Schatz im Himmel“ und wie diese Haltungen Schritt für Schritt die Welt in einer entscheidenden Wendezeit prägten.

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