Hamed Abdel-Samad: Kritik am Umgang der Kirche mit dem politischen Islam

Rembrandt - Christus im Sturm auf dem See Genezareth (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad hat den Umgang der Kirche in Deutschland mit dem politischen Islam kritisiert.

  • Die Kirche lasse sich durch Islamisten instrumentalisieren, die unter anderem Dialoginitiativen ausnutzen würden, um auch mithilfe der Kirche ihre „Infra- und Machtstrukturen auszubauen“.
  • So habe die evangelische Kirche etwa bei einer Gedenkfeier nach dem Terroranschlag in Berlin Ende 2016 mit von Verfassungsschutz beobachteten Islamisten zusammengearbeitet. Die Kirche mache sich laut Abdel-Samad hier „mitschuldig“, indem sie Islamisten „hoffähig“ mache.
  • Zudem würden die Kirchen im Umgang mit Muslimen zu sehr auf Islamverbände setzen, die häufig fragwürdige Positionen vertreten oder durch Staaten wie die Türkei gesteuert würden.

Abdel-Samad bezog sich offenbar auf die Aktion „Religionen für ein weltoffenes Berlin“, die von der durch den Verfassungsschutz als islamistisch eingestuften Neuköllner Begegnungsstätte/Dar-Assalam-Moschee zusammen mit der protestantischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde initiiert worden war. Der Aktion hatten sich neben anderen islamistischen Gruppierungen auch katholische und protestantische Organisationen angeschlossen hatten.

Hintergrund und Bewertung

Defizite beim Umgang mit islambezogenen Herausforderungen in der Kirche in Deutschland

In der Kirche in Deutschland sind derzeit praktisch keine konkreten Schritte in Richtung einer strategischen Ansprache islambezogener Herausforderungen zu erkennen. Dies trägt dazu bei, dass Teile der Kirche wie in den von Abdel-Samad kritisierten Fällen solche Herausforderungen sogar noch verstärken.

  • Es mangelt nicht nur an einer Strategie zur Bewältigung islambezogener Herausforderungen, sondern auch an deren realistischer Analyse. Zudem mangelt es in der Kirche an Expertise zu strategisch wichtigen Themen, etwa zum politischen Islam oder migrationsbedingten Herausforderungen sowie zu Sicherheitsfragen. An die Stelle von Analyse würden laut dem Politikwissenschaftler Bassam Tibi auch in der Kirche häufig „Wunschdenken“ und „Gesinnungsethik“ treten. Dies führte dazu, dass unter anderem die Risiken der seit 2015 anhaltenden Migrationswelle nach Europa sowie ihre Hintergründe durch große Teile der Kirche unzutreffend bewertet oder nicht erkannt wurden.
  • Die Betonung von Gemeinsamkeiten zwischen Christentum und Islam durch die Kirche trägt dazu bei, dass Menschen wie Hamed Abdel-Samad, der sich vom Islam abwandte, häufig zu Atheisten oder Agnostikern werden, weil sie das Christentum nicht als religiöse Alternative zum Islam erkennen können. Die Betonung von Gemeinsamkeiten führt zudem dazu, dass islamspezifische Probleme zunehmend als allgemeine religiöse Probleme wahrgenommen und negativ auf das Christentum projiziert werden. Eine Gewinnung von Muslimen für das Christentum würde daher eine stärkere Abgrenzung und die Betonung der Unterschiede zum Islam durch die Kirche voraussetzen.
  • Die Muslime, die sich dennoch für das Christentum entscheiden, finden den Zugang zu ihm fast immer über dessen theologisch und in Fragen der Lebensführung konservative Richtungen, wozu auch die evangelischen Freikirchen gehören. Progressive Richtungen haben sich gegenüber Muslimen als kaum integrationsfähig erwiesen, was damit zusammenhängt, dass sie auch gegenüber ihren eigenen Anhängern nur wenig Bindungskraft entwickeln. Den Herausforderungen eines zunehmend multireligiösen Europas werden diese Strömungen daher nicht gewachsen sein.

Ansätze der katholischen Soziallehre zum Umgang mit islambezogenen Herausforderungen

Die katholische Soziallehre hat vor allem unter Johannes Paul II. eine Reihe von strategischen Ansätzen zum Umgang mit islambezogenen Herausforderungen formuliert. Diese sehen einen selbstbewussten Dialog mit dem Islam mit dem Ziel dessen besseren Verständnisses, dem friedlichen Zusammenleben und der Sicherstellung christlicher Interessen bei gleichzeitiger Bekämpfung vor allem militant-islamistischer Strömungen vor. Zudem gilt auch gegenüber dem Islam der Missionsauftrag des Christentums. Entsprechende Ansätze haben wir hier zusammengefasst.

Folgerungen

Ein wirksamerer Umgang mit islambezogenen Herausforderungen seitens der Kirche würde nicht nur im größeren Maße als bisher Realismus und strategisches Denken verlangen, sondern auch den Willen zur Abgrenzung, Selbstbewusstsein und die Bereitschaft zur Austragung der Konflikte, die dies nach sich ziehen würde.

Das gegenwärtig bis an die Grenze der Christusverleugnung gehende Bestreben zur Vermeidung von Konflikten und die damit verbundene Verweigerung der Solidarität mit verfolgten Christen hingegen lassen nicht nur Muslime an der Glaubwürdigkeit des Christentums und der Kirche zweifeln, sondern auch viele Christen, wie die unverändert hohe Zahl der sich von der Kirche abwendenden Menschen zeigt. (ts)

2 Kommentare

  1. Noch mehr „katholische“ Neuigkeiten aus Berlin: https://www.civitas-institut.de/index.php?option=com_content&view=article&id=2643:heisse-tips-vom-erzbischof&catid=1:neuestes&Itemid=33
    Abdel-Samed war mit seiner Kritik geradezu liebenswürdig, was vermutlich daran liegt, dass er die Tiefe des Abgrunds nicht kennt. Ich bin von der FSSPX keinesfalls überzeugt und stehe ihr auch nicht nahe, aber wenn ich so etwas lese, dann weiß ich, warum manche Katholiken es tun. Und ich kann es ihnen nicht verübeln.

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