Robert Spaemann: Die heilige Erzählung vom „tausendjährigen Abwehrkampf der christlichen Zivilisation“

Józef Brandt - Die Schlacht von Wien (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der katholische Philosoph Robert Spaemann ist ein Berater Benedikts XVI. und lehrte zuletzt an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Im 2016 erschienenen zweiten Band seiner „Meditationen eines Christen“ schreibt er unter anderem über christliche Identität und ihre Weitergabe durch „heilige Erzählungen“. Dazu gehöre auch der „tausendjährige Abwehrkampf der christlichen Zivilisation gegen den islamischen Imperialismus“.

Identität werde durch „große Erzählungen“ gestiftet und weitergegeben. Christen seien dazu verpflichtet, die Tradition, in der sie stehen, durch entsprechende Weitergabe dieser Erzählungen fortzusetzen.

Was begründet die Identität eines Volkes? Die Gemeinsamkeit der Erinnerung. Die Gemeinsamkeit einer ‚großen Erzählung‘. Und das gilt erst recht für das Volk Gottes. Es lebt von der Tradition, vom Empfangen und von der Weitergabe des Empfangenen. […] Der heutige christliche Beter steht selbst in dieser Tradition und ist verpflichtet, sie weiterzugeben.

Die weiterzugebenden „heiligen Geschichten“ würden dabei nicht nur Inhalte der Bibel umfassen, sondern auch die Traditionsbestände der ersten zwei Jahrtausende christlicher Geschichte. Dies gelte vor allem für die Geschichten der christlichen Heiligen und Märtyrer, von denen man lernen könne, was Nachfolge Christi bedeute, und wie vielfaltig diese Nachfolge aussehen könne.

In diese Geschichte gehört der tausendjährige Abwehrkampf der christlichen Zivilisation gegen den islamischen Imperialismus, die Erzählung von Karl Martell und der Schlacht von Tour und Poitiers, vom Sieg der Christen in der Seeschlacht von Lepanto mit Don Juan d’Austria, begleitet vom Rosenkranzgebet der ganzen Christenheit. Schließlich die Rettung Wiens durch den Prinzen Eugen und den König von Polen. Und so geht es weiter […].

Eine „Aneignung der großen heiligen Erzählung“ durch Christen im Europa der Gegenwart bewertet Spaemann positiv. Dies „könnte Zeichen für eine Wende sein, in der die Christenheit ihre Identität zurückgewinnt“.

Hintergrund

Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck hatte vor einiger Zeit einen Mangel an großen Erzählungen im europäischen Identitätsverständnis der Gegenwart kritisiert. In diesem Zusammenhang forderte er ein „Gründungsmythos nach Art einer Entscheidungsschlacht“.

Wir Europäer haben bis heute keinen Gründungsmythos nach Art einer Entscheidungsschlacht, in der Europa einem Feind gegenübertreten, siegen oder verlieren, aber jedenfalls seine Identität bewahren konnte.

Das Christentum hat nicht nur Europa kulturell begründet und geformt, sondern dabei auch reiche Traditionsbestände der von Gauck geforderten Art geschaffen, auf die Europa jederzeit wieder zurückgreifen könnte.

Mit der Erschließung und Aufbereitung der Elemente dieser großen Erzählung befassen wir uns auf unserer Portalseite über das christliche Kulturerbe des schützenden und bewahrenden Dienstes. (ts)

1 Kommentar

  1. Wunderbar! Schon lange ist es ein Anliegen von mir, dass Geistliche und Laien erzählen, was Gott für sie an Liebe und guten Fügungen und Eingebungen geschenkt hat und wie der christliche Glaube und die christliche Hoffnung ihre menschliche Nächstenliebe geformt hat. Das könnte Europa nur gut tun.

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