Studie: Islamische Religion als Grundlage islamistischer Radikalisierung

Jean Léon Gérôme - Gebet in Kairo (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Unter der Leitung des Religionspädagogen Ednan Aslan und der Soziologin Evrim Ersan Akkilic haben Forscher der Universität Wien islamistische Radikalisierungsprozesse durch die Befragung inhaftierter Islamisten untersucht.

Eines der Ergebnisse ihrer Studie ist, dass eine pauschale Trennung zwischen der Religion des Islam und dem Phänomen des Islamismus nicht sinnvoll sei. Islamisten seien in der Regel gläubige Muslime, die sich intensiv mit ihrer Religion auseinandergesetzt hätten und primär aus religiösen Motiven handeln würden.

Islamistische Radikalisierung sei zudem kein passiver Vorgang, der durch sozioökonomische Faktoren ausgelöst werde, sondern die Folge aktiver Auseinandersetzung mit den „Inhalten, Normen und Wertvorstellungen der islamischen Lehre“. Bei Islamisten würde es sich um gläubige Muslime handeln, die primär aus religiösen Motiven agieren würden:
Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass sich die interviewten Personen in ihrem Radikalisierungsprozess aktiv mit Inhalten, Normen und Wertvorstellungen der islamischen Lehre auseinandersetzten. Diese intensive Auseinandersetzung mit theologischen Themen stellt bei vielen Befragten einen Wendepunkt in ihrem Leben dar, der mehrheitlich positiv bewertet wird. […] Die im gesellschaftlichen Diskurs herrschende Annahme, dass radikalisierte Personen mehrheitlich über eine geringe Kenntnis der Religion verfügen, hat sich in der Studie nicht bestätigt.

Die Autoren kritisieren insbesondere das Verhalten von Islamvertretern, die jegliche Islambezüge islamistischen Handelns leugnen würden:

Diese Einstellung ist symptomatisch für eben jene Abwehrhaltung, die alles kategorisch verneint, was die eigene Religion und deren Inhalte kritisiert, und eine ausführlichere Auseinandersetzung mit der Theologie radikaler Gruppen, die einen Teil des islamisch-theologischen Erbes für sich beanspruchen und um die Deutungshoheit im Islam kämpfen, scheut. Unter solchen Bedingungen kann ein differenzierter theologischer Diskurs nicht stattfinden.

Außerdem kritisieren die Autoren der Studie europäische Regierungen, die den politischen Islam primär als Problem der Sozialpolitik definieren und mit seinen Mitteln bekämpfen würden:

Wer das Phänomen auf frustrierte Individuen reduziert, die keine Perspektive hätten, ungebildet seien und den Islam falsch verstanden hätten, lässt wesentliche Dimensionen der Etablierung bzw. Präsenz des politischen Islams, der sich in den muslimischen Ländern auf eine lange Tradition beruft, in Europa außer Acht.

Es sei zudem Ausdruck einer verkürzten Bedrohungwahrnehmung, nur militante Islamisten als sicherheitspolitische Herausforderung wahrzunehmen. Zwischen militanten und nicht-militanten Islamisten bestehe ein „theologisches Naheverhältnis“. Beide würden die Durchsetzung der gleichen utopischen Ideologie anstreben, wenn auch mit unterschiedlichen Mitteln.

Bewertung

Die vorliegende Studie, die religiöse Faktoren ernst nimmt, stellt diesbezüglich eine positive Ausnahme in den Sozialwissenschaften dar.

In den Sozialwissenschaften und in auf ihnen beruhender behördlicher und sonstiger Politikberatung herrscht ansonsten die Tendenz vor, religiöse Aspekte menschlichen Verhaltens grundsätzlich auszublenden oder sie für sekundäre Erscheinungen zu halten, die von sozioökonomischen Faktoren abhängig wären. Radikale Tendenzen im Islam werden daher verbreitet als Ausdruck materieller Armut oder ähnlicher Faktoren erklärt.

Auf der Annahme, dass Religion ein vernachlässigbarer Faktor sei und zudem alle Religionen letztlich gleich seien, beruht auch die Annahme, dass Religion keine wesentliche Rolle spielt, wenn es um die Aufnahme und Integration von Migranten geht.

Beide Annahmen sind Teil eines fehlerhaften materialistischen Weltbildes, das wesentliche Aspekte der Natur des Menschen und seiner Motive ausblendet. Auf der Grundlage dieses Weltbildes gestaltete Forschung und auf ihr beruhende politische und behördliche Entscheidungen sind aufgrund der ihnen zugrundeliegenden falschen Annahmen an wesentlichen Stellen blind für die Wirklichkeit, in der sie sich bewegen, und daher zwangsläufig ebenfalls fehlerhaft.

Dies führt im Fall des vorherrschenden Umgangs mit islambezogenen Herausforderungen dazu, dass diese trotz enormen Aufwands tendenziell weiter zu- anstatt abnehmen. (ts)