Romano Guardini: Der ritterliche Mann

Vitore Carpaccio - Sankt Georg und der Drache (Wikimedia Commons/Gemeinfrei)

Romano Guardini (1885-1968) lehrte katholische Weltanschauung an verschiedenen deutschen Universitäten und gilt als einer der bedeutendsten Vertreter dieses Faches im 20. Jahrhundert. Sein Werk beeinflusste unter anderem Hannah Arendt und Papst Benedikt XVI. In seinem an junge Männer gerichteten Aufsatz „Vom ritterlichen Manne“, der im Band „Briefe über Selbstbildung“ enthalten ist, beschrieb er das traditionelle, das Dienstethos betonende abendländische Konzept von Männlichkeit.

Dieses Konzept ist gemeint, wenn neomarxistische Strömungen wie der Feminismus oder die Gender-Ideologie davon sprechen, dass sie traditionelle Geschlechterbilder auflösen wollen.

Der schützende Dienst als Berufung des Mannes

In der von Guardini beschriebenen christlichen Weltanschauung ist der Lebensbereich des Mannes der „ritterliche Dienst“ an Gott und am Nächsten.

Wer dient, sagt: Ich bin nicht für mein Behagen da, sondern für einen Menschen oder eine Sache, oder für eine Aufgabe. […] Der Knecht dient, weil er einen Lohn will, oder weil er gezwungen wird. Der Ritterliche dient, weil es einer große Sache gilt, unabhängig von Vorteil und Zweck. Daß die Sache siege, das ist sein Wille. Er dient nicht gezwungen, sondern aus freier Hingabe.

Der Dienst des christlichen Mannes sei Dienst am Heiligen, also an Gott. Zugleich sei er ein Dienst an denen, die schutzbedürftig seien.

Ritterlichen Dienst schuldet der Mann den Schwachen. Er schützt sie vor Not und äußeren Gefahren; schützt ihre Ehre und ihren guten Namen. Der ritterliche Mensch schlägt sich unwillkürlich auf die Seite des Bedrohten, des Schwächeren, des Unterliegenden. Edelster Ritterdienst gebührt dem Heiligen, das ist Gott und sein Reich. Wie einst die Kreuzritter für Christus einstanden.

Sein Leben in den Dienst stellen bedeute, mehr Verantwortung zu tragen als andere und größere Risiken auf sich zu nehmen. Dies zu tun, adele den Mann.

Aus dem Geiste des rechten Mannes, der aufrecht ist, stark und rein, selbstlos und vornehm, zuverlässig, ernst und fröhlich zugleich, muß auch ein Adelsbewußtsein herauswachsen. Denn was heißt das, adelig sein? Mehr Verantwortung in sich tragen als andere. Es heißt wissen, daß man für die Ehre da ist. Daß man dorthin gehört, wo die größere Gefahr ist.

Dienst ist Kampf

Jeglicher Dienst sei mit der Überwindung von Schwierigkeiten, Widerständen oder Gefahren verbunden, weshalb Dienst immer auch Kampf sei.

Im Werk stellt er seine Sache hin, stark und wohlgebaut. Im Dienst steht er für die Sache ein, für den Menschen, für die Überzeugung, tapfer und selbstlos. Beides aber bringt oft wüsten Kampf mit niedrig denkenden Menschen. […] Fest hinter seiner Sache stehen, aufrecht seinen Weg gehen, das ist eines rechten Mannes Art. Dafür will er freien Raum; und er weiß sich den Raum zu schaffen, wenn der nicht gutwillig gegeben wird. Gott hat ihn so gemacht, also hat er ein Recht, so zu sein.

Dienst und Tauglichkeit

Wer dienen wolle, müsse dazu tauglich sein und zunächt sein eigenes Leben im Griff haben und entsprechend formen. Wer mehr brauche als er geben könne oder wolle, könne nicht dienen.

Im Sport sei christliche Männlichkeit für viele junge Männer am direktesten erfahrbar und erlernbar.

Es geht allein um Kraft, Schönheit und Ehre. Also freier, ritterlicher Sinn. […] Das Beste wird eingesetzt, was  der Mann hat: Charakter und Vornehmheit. Der rechte Spieler will siegen, unbedingt, und sei die Übermacht noch so groß. Er hat keine Furcht. Er hält den Posten bis zum Äußersten, und oft genug macht ein kühner Angriff eine große Übermacht wett. Von Wehleidigkeit weiß er nichts. Schmerz, Müdigkeit, alles das bezwingt er. Er ist zäh im Willen zum Sieg. Aber er verachtet jeden Sieg, der durch Hinterlist, Gewalttat oder irgendwelche Unvornehmheit erkauft ist.

Der christliche Mann „kämpft kraftvoll; aber Schreien, Toben, rohes Wesen verachtet er.“

Der Dienst als praktisches Ideal

Christliche Männlichkeit stelle zwar ein geistiges Ideal dar, verwirkliche sich aber ausschließlich in Werken sowie in der praktischen Lebensführung. Dieses Ideal könne zu Schwäche führen, wenn seine geistigen Aspekte überbetont würden und es nicht die Kraft habe, „sich im Wirklichen durchzusetzen“.

[V]ornehm sein und sich dabei von jedem übervorteilen lassen, oder sein Recht nicht fordern vor lauter Edelmut. Das alles wäre keine Ritterlichkeit, sondern Schwäche. Wir leben nun einmal nicht in einer idealen Welt, sondern in einer sehr harten, oft unter gewissenlosen Ellenbogenmenschen. […]

Der Mensch schmiedet sich selbst sein Schicksal und bis zum letzten Atemzug darf er ringen, daß es weit und schön werde. Aber alles kommt darauf an, daß er der Wirklichkeit darin standhalte, den wirklichen Pflichten, den wirklichen Bindungen. Und auch hier beginnt oft die Einsamkeit. Kann sein, eines Tages steht man seinem Schicksal allein gegenüber. Jetzt aber gilt es; und wer standhält, der ist Mann.

Ritterliche Menschen würden „ihren verdienten Vorteil wahren, ihr Recht fordern und im Notfall die Zähne zeigen“.

Die Achtung gegenüber dem Gegner

Der christliche Mann würde seine Gegner achten, also sie ernst nehmen, und sie nicht verleumden oder klein machen. Er sei sogar dankbar für starke Gegner und suche die Auseinandersetzung mit „dem besten Feinde“.

Das sei jener, der so entschlossen kämpfe, daß er einen zwinge, alle Kraft zusammenzunehmen. Er nötigt, die eigenen Ansichten immer tiefer zu durchdenken, damit sie bestehen können; fordert zu unermüdlicher Wachsamkeit; schreckt aus aller faulen Sicherheit auf und stellt einen dorthin, wo des Mannes Platz ist: In den Kampf. Im scharfen Waffengang sich seines Gegners freuen zu können, das ist ein hoher Beweis wahrer Manneskraft.

Dienst und Berufung

Spätestens um das dreißigste Lebensjahr würde die eigene Berufung, also der Auftrag Gottes, im eigenen Leben endgültig sichtbar werden. Man trage dann eine hohe Verantwortung und müsse sich für Bindungen entscheiden. Dabei würden Härten hervortreten, die mit inneren Kämpfen verbunden seien.

Mit der Zeit aber machen die Gegensätze sich geltend, und eines Tages stehen sie ganz scharf da. Da sieht man die Aufgabe in ihrer ganzen Schwere. Sieht, wie fern man den Menschen steht, wie tief im Gegensatz zu ihnen, auch zu Gutmeinenden, geschweige denn zu Rücksichtslosen und Feindseligen. […] Da fällt wiederum die Entscheidung; ob man sich fürchtet. Sich fürchtet vor der Aufgabe und ihr untreu wird; vor den Leuten und ihnen weicht; vor der Einsamkeit und zur Herde läuft  – oder ob man standhält. […] Mann sein heißt treu sein.

Dienst und Einsamkeit

Dienend zu leben wäre immer damit verbunden, an einem bestimmten Punkt den Eindruck zu haben, einer großen Aufgabe alleine gegenüberzustehen. Man sei jedoch nicht alleine, und andere, auf deren Dienst man aufbaue und an deren Dienst man anknüpfe, hätten diese Erfahrung zuvor durchlaufen.

Vor allem Jesus Christus sei diesen Weg vorausgegangen und habe „das Standhalten in der furchtbarsten Einsamkeit vorgelebt: am Kreuz.“ In der Firmung sei der Katholik zu der gleichen  Tapferkeit geweiht worden. Mit ihr ende das „kindliche Sich-Anklammern“ und der Mensch trete in den Dienst ein, den er zu durchlaufen habe, bevor er in die Ewigkeit eintreten könne. (ts)