Heinrich August Winkler: Das Europa der Nationen als kulturelle Errungenschaft

Ambrogio Lorenzetti - Allegorie der guten Regierung (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Historiker Heinrich August Winkler lehrte an der Humboldt-Universität zu Berlin. In der aktuellen Ausgabe des Magazins Der Spiegel beschreibt er die „historisch gewachsene nationale Vielfalt“ als eine der kulturellen Errungenschaften Europas und warnt vor Bestrebungen zur Auflösung des Nationalstaates.

  • Winkler kritisiert in seinem Beitrag neomarxistische Stimmen wie den Schriftsteller Robert Menasse und den Publizisten Jakob Augstein sowie die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, die zuletzt für eine „Überwindung der Nation“ eingetreten waren.
  • Winkler beschreibt zudem, dass die christlich-konservativen Akteure, die nach dem Zweiten Weltkrieg die bis heute stabile Friedensordnung Westeuropas schufen, dies bewusst auf der Grundlage des Konzepts eines Europas der Nationen getan hätten. Ihre Ansätze zur Stärkung der Einheit Europas hätten mit den Worten Walter Hallsteins das Ziel gehabt, die „Kraftquellen der Nationen zu erhalten, ja sie zu noch lebendigerer Wirkung zu bringen“.

Versuche, in die Geschichte der Einigung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg einen Impuls zur Auflösung der Nationalstaaten hineinzudeuten seien „Ausfluss einer postfaktischen Geschichtsbetrachtung“.

Zudem sei die Behauptung, dass Nationalstaaten grundsätzlich kriegerischer handeln würden als andere Staaten, ein unbelegtes „Produkt ahistorischen Wunschdenkens“. Versuche zur Auflösung des Nationalstaates würden zudem häufig gegen den Willen der betroffenen Völker angestrebt und dadurch gerade den Nationalismus provozieren, der eigentlich überwunden werden solle.

Die Abschaffung der Nationen und Nationalstaaten aber lag nicht in der Absicht der Wegbereiter der Europäischen Union und auch nicht in der von Walter Hallstein, dem Verfechter eines bundesstaatlich verfassten Europas. Sie waren sich bewusst, dass die Wurzeln der meisten europäischen Nationen bis tief ins Mittelalter zurückreichen und die der älteren Nationalstaaten ebenfalls. Sie hatten recht: Zu den Besonderheiten Europas gehört seine historisch gewachsene nationale Vielfalt. Wer die Nationen und die Nationalstaaten abschaffen will, zerstört Europa und fördert den Nationalismus.

Diejenigen, welche die Nationalstaaten Europas auflösen wollten, würden zudem die Zerstörung des Gewachsenen anstreben, ohne eine konkrete Vorstellung zu haben, was an seine Stelle treten könnte. An die Stelle des Nationalstaates als Raum demokratischer Ordnung könne aber allerfalls die Herrschaft einer demokratisch nicht mehr legitimierten „universalen Klasse“ treten.

Hintergrund

Den europäischen Nationalstaat hatten in auch der Philosoph Jens Halfwassen und der Migrationsforscher Ruud Koopmans verteidigt.

Die christliche Soziallehre, auf der die Nachkriegsordnung Westeuropas beruht, betrachtet den Nationalstaat als wesentliches Element einer internationalen Friedensordnung. Als Erweiterung der natürlichen Gemeinschaft der Familie beruhe er auf Bindungen, die das gemeinsame Verfolgen des Gemeinwohls fördern würden, wie es Johannes Paul II. beschrieben hatte.

  • Der Nationsgedanke der christlichen Soziallehre wirkt dabei sowohl den Exzessen eines auf Kosten anderer Nationen betriebenen Nationalismus als auch den Exzessen der nach Auflösung von Nationen strebenden neomarxistischen Ideologien entgegen.
  • Die Gemeinschaft der durch das gemeinsame christliche Erbe verbundenen Nationen Europas sollte nach dem Willen ihrer Gründer nicht die einzelnen Nationen auflösen, sondern diese ursprünglich gegen äußere Bedrohungen wie die durch den Kommunismus stärken.

Dieses Denken war prägend für das Handeln christlich-konservativer Persönlichkeiten der Nachkriegszeit wie Konrad Adenauer, Robert Schuman und Alcide de Gasperi. Ihrem bis heute trotz aller Versuche zur Trennung Europas von diesem Erbe nachwirkenden Handeln und der christlichen Soziallehre verdankt Westeuropa die längste Friedensperiode der letzten Jahrhunderte. (ts)

1 Kommentar

  1. Das vereinte Europa war immer ein Drahtseilakt. Alles, was über die Pläne der Gründerväter hinausging, hat Europa nicht näher zusammengeführt, sondern gespalten: Der Euro, das Gefasel vom Einheitsstaat und die Forderung nach einem freien=wurzellosen euro-afro-orientalischen Völkerbrei.
    In der Paneuropa-Union scheint sich die Kalergi-Linie gegen die von Otto von Habsburg verfolgte Politik durchgesetzt zu haben, was die ideologische Krise noch verschärft.
    Europa muss zusammenstehen, unser Kontinent kann von der Eurasien-Strategie Russlands und Seidenstraßen-Strategie Chinas profitieren, aber nur, wenn wir als starker Partner und nicht als schwächlicher Vasall auftreten. Ein Verwischen der nationalen Konturen würde zwar Herr Macrons finanzielle Probleme kurzfristig lösen, Europa aber in den Abgrund führen.

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