Guiseppe Gracia: Christliche Selbstbehauptung im postchristlichen Europa

Canaletto - Die Festung Königstein (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Schriftsteller und Journalist Guiseppe Gracia ist Sprecher des schweizerischen Bischofs Vitus Huonder. In einem aktuellen Beitrag beschreibt er die Herausforderungen für das Christentum in Europa in Folge zunehmender Intoleranz gegenüber christlichem Denken, etwa in Fragen des Lebensschutzes oder des Menschen- und Geschlechterbildes. Vor diesem Hintergrund regt er an, neue Strategien der christlichen Selbstbehauptung in Europa zu finden.

Das Eintreten für christliche Positionen stoße nicht nur zunehmend auf Intoleranz, sondern sei auch mit dem Risiko sozialen Drucks sowie gravierender beruflicher und anderer Nachteile verbunden. Christen würden sich in Folge dessen entweder nicht mehr öffentlich äußern oder sich auf andere Weise an kulturelle Auflösungstendenzen anpassen. Darunter würden vor allem die betroffenen Gesellschaften leiden, die dadurch ein notwendiges Korrektiv zu den sie zunehmend prägenden utopischen Ideologien verlieren würden.

Eine Antwort darauf sei eine christliche Strategie der Selbstbehauptung, die zunächst belastbare Netzwerke und kulturelle Rückzugsräume schaffen müsse.

Bei dieser Grosswetterlage wird es vielleicht notwendig, für glaubenstreue Christen neue Formen der Freiheit zu finden und diese zu verteidigen. Eigene Medien, eigene Schulen, eigene Unternehmungen und Arbeitgeber, warum nicht? Eigene Bildungseinrichtungen, Krankenhäuser, Familienstrukturen. Wenn man traditionellen Christen in der Mainstream-Gesellschaft keinen vernünftigen Platz zugesteht, wenn man sie auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt, müssen sie sich neu organisieren und gegenseitig unterstützen. Sie dürfen sich nicht ins Private abdrängen lassen oder sich zurückziehen. Weltflucht ist unchristlich. Aber sie müssen einen neuen Raum, neue Weisen der Vernetzung und Selbstbehauptung finden. Um sich zu sammeln und gegenseitig zu stärken. Um mit einem neuen Selbstbewusstsein wieder in der Welt wirken zu können.

Hintergrund

Der Ansatz Gracias ähnelt dem Konzept der „Parallel-Polis“, das Christen und andere Oppositionelle zur Zeit der kommunistischen Herrschaft in Osteuropa verfolgten. Es sah die Schaffung von Netzwerken vor, die geistig und materiell vom sie umgebenden Umfeld unabhängig waren. Diese verstanden sich dabei nicht als Gegner der durch die kommunistischen Herrschaft zunehmend deformierten Gesellschaft, sondern als Kern ihrer Erneuerung, der sich zu diesem Zweck zunächst von bestimmten Verfallserscheinungen und korruptiven kulturellen Tendenzen isolieren müsse.

Einen ähnlichen strategischen Ansatz verfolgt auch der amerikanische Publizist Rod Dreher in seinem Konzept der „Benedict Option“, das christliches Leben und kulturelle Erneuerung in postchristlichen westlichen Gesellschaften ermöglichen soll. (ts)