Bayern: Katholizismus als Identitätskern und Träger des Gemeinwohls

Eine Analyse in der Süddeutschen Zeitung untersuchte vor einigen Tagen unter dem Titel „Aufstand der Aufstrebenden“ den Verlust des Rückhalts der CSU in Niederbayern in Folge der Abwendung der Partei von konservativen Positionen. In diesem Zusammenhang betonten die Autoren auch die Bedeutung katholischer Milieus als Träger von Kultur, Identität und Gemeinwohl in dieser im Vergleich zu anderen Teilen Deutschlands kulturell vergleichsweise intakten Region.

Die Kultur der Region sei „seit jeher vom Katholizismus“ geprägt gewesen, was sich in vieler Hinsicht bis in die Gegenwart positiv auswirke.

  • Die Region habe in den vergangenen Jahrzehnten einen „geradezu märchenhaften wirtschaftlichen Aufschwung“ vollzogen. Ursache dafür seien die intakte Kultur und „das Vertrauen auf eine feste Ordnung, die auf Privateigentum, Eigenverantwortung, Leistungsbereitschaft und Gemeinsinn gründet.“
  • Bürgerliches Engagement und Heimatverbundenheit würden als Selbstverständlichkeit gelten, was eine belastbare Grundlage des Gemeinwesens schaffe.
  • In der Vergangenheit sei die Bevölkerung in Folge ihrer katholischen Prägung politisch ausgeprägt konservativ und daher in besonderer Weise resistent gegenüber totalitären und utopischen Ideologie gewesen, etwa zur Zeit des Nationalsozialismus.

Weite Teile der Bevölkerung seien zudem resistent gegenüber den kulturellen Tendenzen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich in anderen Teilen Deutschlands zunehmend problematisch auswirken, und würden sich deshalb von einer gewandelten CSU, die sich als „moderne Großstadtpartei“ versteht, zunehmend abwenden.

Was im vergleichsweise kosmopolitische München als Errungenschaft gilt, das wird hundert Kilometer weiter östlich von vielen als ungebührliche Einmischung des Staates und Bedrohung der Lebensweise empfunden […] all das hat nach anfänglichem Widerstand ausgerechnet die CSU mitgetragen und vorangetrieben. Einerseits beugte sich die Partei damit dem Wandel der Gesellschaft, andererseits verprellte sie einen Teil ihrer konservativen Wähler, die sich wunderten, warum die CSU droben in München beim Christopher Street Day mitmarschiert, während daheim die Flurprozession vor Pfingsten zur Exotenveranstaltung verkommt. Die Landbevölkerung kam sich in der öffentlichen Debatte, gerade wenn es um die Rolle der Familie ging, als gebrandmarkt vor. Das waren diejenigen, die es halt immer noch nicht kapiert hatten, wie es zu laufen hat.

Auch die Konfrontation mit den Folgen irregulärer Migration, denen das niederbayerische Grenzgebiet und Städte wie Passau und Deggendorf besonders stark ausgesetzt sind, und die Wahrnehmung der Untätigkeit der Politik dieser Entwicklung gegenüber habe diese Abwendung ausgelöst.

Bewertung und Folgerungen

In der Analyse der Autoren wird deutlich, dass die katholische Prägung der Kultur Niederbayerns überwiegend positive Folgen für das Land hat, und der Verlust dieser Prägung im Zuge von gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen häufig nur scheinbar einen Fortschritt darstellt. Die sichtbare Distanz gegenüber solchen Prozessen kann vor diesem Hintergrund auch als Folge der Erkenntnis ihrer problematischen Folgen gedeutet werden.

Bereits vor einiger Zeit hatte der sich als Atheist wahrnehmende, als „Don Alphonso“ für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibende Autor die anhaltende und zum Teil sogar wieder zunehmende kulturelle Kraft des Katholizismus im ländlichen Bayern beschrieben.

Es ist nur eine Kapelle am Wegesrand, mag man vielleicht glauben, aber ich komme hier oft vorbei, und ich kenne sie auch an den Tagen, da sie benutzt wird. An Maria Himmelfahrt beispielsweise, einem Feiertag, den man im Norden nur kennt, weil die Bayern ungerechterweise schon wieder frei haben. An diesem Tag sind bei der Kapelle Andachten, inzwischen mit Priester, mit Gebeten, Musik und Fahnen. Fahnen des Landes und Fahnen der Kirche. Und weil ich hier seit 10 Jahren vorbei komme, sehe ich auch, wie sich das entwickelt. Gemäss dem Fortschreiten der Aufklärung dürften hier nur noch alte Männer und Frauen sein. Aber dieses Jahr war es völlig überfüllt mit Menschen jeden Alters. Dieses Jahr bremsten dort Radler und schlossen sich an. Die Leitkulturdebatte wird hier nicht mehr geführt. Sie ist bereits entschieden. […]

Junge Männer werden zu alt für Frei.Wild-Konzerte, und irgendwann bekommen sie auch Kinder, die Annamirl heissen, oder sie geben ihnen Zweitnamen wie Korbinian, Agatha und Quirin, passend zum Heiligenkalender der Kirche. Das war in meiner Jugend wie die meisten Traditionen völlig aus der Mode, heute kommt es wieder. Es gibt mit der kulturell verwurzelten Religion noch etwas, an das sich die Menschen hier halten können, also tun sie es. Das gibt ihnen sonst keiner.

Die Schaffung der beschriebenen kulturellen Substanz erforderte das Werk von vielen Generationen und die enge Bindung an eine Religion bzw. an das Christentum.

  • Wo diese Substanz einmal aufgelöst oder zerstört wurde, ist sie nicht ohne weiteres regenerierbar. Das Beispiel der intakteren Teile Bayerns ist daher nicht ohne weiteres auf andere Regionen und auf Bedingungen übertragbar, in denen der Prozess der Auflösung der kulturellen Substanz bereits zu weit fortgeschritten ist.
  • Aus der Erfahrung von Entwurzelung entstandene Ansätze kultureller Erneuerung, die zwar traditionelle Symbole und Bezüge nutzen, dabei aber auf säkularen und modernen Ideologien beruhen oder diese nur in Form von aus ihrem Kontext gelösten Oktoberfesten und Trachtenmode konsumieren wollen, konnten in der Vergangenheit keine kulturelle Erneuerung bewirken und werden dies wohl auch künftig nicht leisten können.
  • Tatsächliche kulturelle Erneuerung in Europa würde die Wiederanbindung an seine religiösen Wurzeln und die Wiederdurchdringung des sozialen Lebens und der Kultur durch die Religion, die diese Kultur ursprünglich hervorgebracht hat, voraussetzen.

Wo es entsprechende Ansätze der Erneuerung gibt, stellen diese dabei keine Rückkehr zu vergangenen Zuständen dar. Ihnen ist gemeinsam, dass sie das, was an traditioneller kultureller Substanz noch vorhanden ist und das, was sie an anderen Impulsen vorfinden, auf christlicher Grundlage bewerten und zu etwas Neuem formen. (ts)