Philosoph Josef Pieper: Disziplin als christliche Tugend

Christlicher Ritter - Aus dem Psalter von Westminster (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Disziplin ist ein wesentlicher Bestandteil des militärischen Ethos. Die Auseinandersetzung mit diesem Ethos erfolgt in den Streitkräften westlicher Nationen zunehmend auf der Grundlage postmoderner Weltanschauungen. Dabei zeigt sich jedoch, dass diese aufgrund ihrer Betonung individueller Ansprüche als Grundlage eines Dienstethos ungeeignet sind. Dass das Christentum auch auf diesem Gebiet wertvolle Impulse liefern kann, belegt das Werk „Zucht und Maß. Über die vierte Kardinaltugend“ des katholischen Philosophen Josef Pieper (1904-1997).

Disziplin als Kardinaltugend

Pieper bezieht sich in seinem Werk vor allem auf das Denken des hl. Thomas von Aquin (115-1274), der durch seine Integration antiker Philosophie in das Christentum zu einem der Begründer der abendländischen Philosophie wurde. Er definierte anknüpfend an Aristoteles die Tugend der „Temperantia“ neben Klugheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit als eine der vier Kardinaltugenden.

Pieper übersetzt „Temperantia“ nicht, wie es verbreitet geschieht, mit „Mäßigung“, sondern mit „Zucht“. Im Sprachgebrauch der Gegenwart würde man von „Disziplin“ sprechen.

Disziplin als Voraussetzung des dienenden Lebens

Gegenstand der Disziplin sei die Herstellung innerer Ordnung, ohne die ein dienendes Leben nicht möglich sei. Während die Tapferkeit die nach außen wirkende dienende Tugend sei, sei die Disziplin nach innen gerichtet und bewirke „selbstlose Selbstbewahrung“, indem sie sich gegen die „schlappe Zuchtlosigkeit eines unkeuschen Genusswillens“ richte.

Unzucht hingegen sei die „Selbstzerstörung durch selbstische Entartung der auf Selbstbewahrung zielenden Kräfte“. Der Drang des Menschen nach sinnlichem Genuss in Form von Essen oder sexueller Betätigung sei Teil seines Strebens nach Selbstbewahrung und somit prinzipiell gut. Diese Impulse seien jedoch so stark, dass sie in ungeordnetem Zustand die Kontrolle über den Menschen übernehmen und ihn schwächen oder sogar zerstören könnten. Disziplin hingegen ordne sie der Vernunft als Ordnungskraft unter. Keuschheit im christlichen Sinne sei der Zustand der gelungenen Unterordnung sinnlicher Impulse unter den Verstand. Dies befähige den Menschen durch Befreiung von der Herrschaft seiner Triebe zum Dienst.

Zucht ist ja, als die Quelle und Voraussetzung der Tapferkeit, die Tugend reifer Mannhaftigkeit. Die infantile Unordnung der Zuchtlosigkeit dagegen zerstört nicht nur die Schönheit, sie macht auch unbeherzt; durch Unzucht am meisten wird der Mensch unfähig und ungeneigt, sich ‚ein Herz zu fassen‘ wider die verwundende Macht des Bösen in der Welt.

Pieper zitiert Ernst Jünger, demzufolge Disziplin keine andere Bedeutung habe als das Leben in ununterbrochener Fühlung mit den Schmerz und dadurch in der Bereitschaft zu halten, „zu jeder Stunde im Sinn einer höheren Ordnung zum Einsatz gebracht“ zu werden.

Die geistliche Dimension der Disziplin

Die Vereinnahmung des Menschen durch seine Leidenschaften mache ihn nicht nur selbstbezogen und zum Dienst an Gott und am Nächsten unfähig, sondern verhindere auch zunehmend, dass die Seele sich überhaupt Gott öffnen könne. Unzucht sei Folge des Suchens nach einer falschen Erfüllung in den Leidenschaften anstatt im Glauben, und Unkeuschheit mache die Seele blind. Man müsse seinen inneren Raum durch Disziplin vor ihr schützen.

Hochgemut: Das gute Streben nach Ehre und großen Dingen

Teil der Disziplin und der Zucht sei der Hochgemut (lat. Magnanimitas), also die innere Haltung, die sich nach großen Dingen ausstrecke und alles Niedrige verachte. Laut dem hl. Thomas strebe Hochgemutheit vor allem nach dem, was großer Ehre wert sei. Der Mensch, der sich dem Niedrigen zuwende, verleugne hingegen seine Berufung zur Gottessohnschaft und sein wahres Wesen.

Der Mensch sei zum Großen berufen und solle sich danach ausstrecken und sich vorbehaltlos in den Dienst an Gott stellen, auch wenn dies mit Opfern verbunden sei. Das Christentum stelle in diesem Zusammenhang einen strengen Anspruch an den Menschen, denn die Befreiung von der Unterwerfung unter seine Leidenschaften sei immer mit Schmerzen und Opfern verbunden. Christlicher Hochgemut komme dabei in einer starken, nicht klagenden Haltung zum Ausdruck, die sich innerlich vom Übel nicht überwältigen lasse.

Disziplin und das von ihr getragene Streben nach guten und großen Dingen würden dem Menschen zudem Schönheit verleihen; nicht in Form von sinnlicher Gefälligkeit, sondern durch die Verleihung des Glanzes des Wahren und Guten. Während man die Tugend der Gerechtigkeit nicht äußerlich erkennen könne, erkenne man den disziplinierten Menschen auch an seinem Äußeren:

Die Schönheit der Zucht hat ein geistigeres, strengeres, männlicheres Gesicht.

Gerechter Zorn als disziplinierende Kraft

In diesem Zusammenhang entfalte der durch die Disziplin geordnete Zorn eine gute Wirkung, weil er den Menschen im Sinne kämpferischer Leidenschaft für das Gute und für große Dinge entflamme, ihn das Widrige und Böse angreifen lasse und ihn dabei unterstütze, innere Schwäche und Trägheit zu überwinden. Zorn grundsätzlich abzulehnen würde bedeuten, die „Grundkräfte unseres Wesens zu schmähen“ und damit auch den Schöpfer. Ungeordneter Zorn hingegen könne den Menschen so zerstören wie andere ungeordnete Leidenschaften.

Der christliche Sanftmut sei nicht mit passiver Schwäche zu verwechseln, sondern sei als richtig geordneter Zorn zu verstehen:

Jene blaßgesichtige Harmlosigkeit, die sich, leider oft mit Erfolg, für Sanftmut ausgibt, soll doch niemand für eine christliche Tugend halten.

Pieper zitiert in diesem Zusammenhang den hl. Gregor den Großen, einen der Kirchenväter der Spätantike:

Mit größerer Wucht stellt sich die Vernunft dem Bösen entgegen, wenn Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.

Die Verbindung von Disziplinlosigkeit und Abwesenheit kämpferischer Leidenschaft hingegen bringe zum Dienst untaugliche Menschen hervor:

Erst die Verbindung der Zuchtlosigkeit des Genießenwollens mit der faulen Unkraft zu zürnen ist das Kenn-Mal völliger und eigentlich hoffnungsloser Entartung. Sie zeigt sich, wo immer eine Gesellschaftsschicht, ein Volk, eine Kultur reif ist zum Untergang.

Die Reinigung der Seele durch die Konfrontation mit der Gefahr

Der hl. Thomas spreche vom „Geschenk der Furcht“ (lat. Donum Timoris). Die existenzbedrohende Herausforderung und die „gnadenvolle Erfahrung der innersten Gefährung des Menschen“ an den Grenzen des Daseins oder in der Nähe zum Tod reinigten die Seele des Menschen von falschen Zielvorstellungen und der Suche nach falschen Erfüllungen. Diese Form der Reinigung sei „furchtbar vielleicht und tödlich“. Wenn sie jedoch mit der „kühnen Offenheit eines vertrauenden Herzens“ angenommen werden, entfalte sie im Menschen verwandelnde Kraft. Mit der so gewonnenen Reinheit könne der Mensch sich ganz in den Dienst Gottes stellen, so wie es Maria tat, die ihren von Gott erteilten Auftrag mit vorbehaltlosem Gehorsam annahm. (ts)