Philosoph Ryszard Legutko: Christentum und totalitäre Moderne

Pieter Bruegel der Ältere - Turmbau zu Babel (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Ryszard Legutko lehrt Philosophie an der Jagiellonen-Universität in Krakau, war im Widerstand gegen den Kommunismus in Polen aktiv und ist einer der Unterzeichner der Pariser Erklärung. In einem jetzt im „New Oxford Review“ veröffentlichten Gespräch beschreibt er totalitäre Tendenzen in progressiven Ideologien der Gegenwart und die damit verbundenen Herausforderungen für das Christentum.

  • Wie allen modernen Ideologien würde auch den progressiven Ideologien der Gegenwart totalitäres Potential innewohnen, das zunehmend hervortrete.
  • Diese Ideologien würden das politische Leben westlicher Gesellschaften durch eine Verbindung aus ökonomisch verkürztem Liberalismus und neomarxistischen gesellschaftspolitischen Konzepten zunehmend prägen.

Legutko erwähnt die Gender-Ideologie als Beispiel für entsprechende totalitäre Ansätze, die das Ziel verfolgten, einen kulturrevolutionären Bruch mit der Vergangenheit herbeizuführen und dabei den Anspruch erheben würden, den Menschen durch staatliches Handeln neu zu formen.

  • Diese Ideologien würden Begriffe wie „Vielfalt“ und „Toleranz“ in orwellscher Umkehrung ihres ursprünglichen Sinnes verwenden. So seien diese Begriffe nicht mit der Anerkennung der christlichen Perspektive oder der der traditionellen Kultur verbunden, sondern würden als Kampfbegriffe deren Auflösung und Verdrängung aus dem politischen und gesellschaftlichen Leben vorantreiben.
  • Mit zunehmender Durchsetzung solcher Ideologien würden diese sich radikalisieren und immer weiterreichende Ansprüche stellen und immer tiefer in den privaten Bereich eingreifen. Abweichende Positionen oder Kritik würden dabei immer weniger toleriert und zunehmend auch strafrechtlich verfolgt.

Für das Christentum sei mit dieser Entwicklung laut Legutko eine „tödliche Gefahr“ verbunden, weil der totale Anspruch dieser Ideologien sich auch auf das Christentum erstrecke.

  • Progressive moderne Ideologien und das Christentum würden von unvereinbar gegensätzlichen Welt- und Menschenbildern ausgehen. Das Christentum beruhe auf einem vertikalen Weltbild, das von der Existenz einer unverfügbaren, transzendenten Wahrheit ausgehe. Moderne Ideologien würden hingegen auf einem horizontalen Weltbild beruhen, für das Fortschritt in der Auflösung von Bindungen und Abkehr von Absolutheiten bestehe und Unterscheidungen Ausdruck illegitimer Ungleichheit seien. Zudem würden moderne Ideologien die Natur des Menschen leugnen und ihn für beliebig formbar halten.
  • Große Teile der Kirche in westlichen Gesellschaften würden den totalen Anspruch sowie das auf Auflösung von Bindungen beruhende Fortschrittsverständnis moderner Ideologien mittlerweile anerkennen, diese zum Maßstab zur Entwicklung des Christentums machen und seine Anpassung anstreben. Der Versuch, umgekehrt im Sinne des Christentums auf die Moderne einzuwirken, sei weitgehend aufgegeben worden.
  • Aufgrund des fundamentalen Widerspruchs auf der Ebene des Welt- und Menschenbildes und der stetigen Eskalation und Ausweitung der Anpassungsforderungen sei eine Anpassung des Christentums in letzter Konsequenz nur um den Preis seiner Aufgabe möglich.

Legutko deutet an, dass in diesem Zusammenhang eine Spaltung des Christentums westlicher Gesellschaften in eine moderner Ideologie untergeordnete Verfallsform und einen konservativen, Kontinuität anstrebenden Kern bevorstehen könnte. Dieser Kern müsse damit rechnen, von progressiven Ideologien künftig so wie von ihren totalitären Vorläufern als Feind betrachtet und behandelt zu werden. Für Christen bedeute dies, dass sie bereit dazu sein müssten, die damit verbundenen Opfer zu bringen.

Das traditionsorientierte Christentum sei dabei die einzige relevante Kraft in westlichen Gesellschaften, die auf einem realistischen Welt- und Menschenbild beruhe, und von der nach dem aufgrund ihres fehlerhaften Welt- und Menschenbilds absehbaren Scheitern moderner Ideologien eine kulturelle Erneuerung ausgehe könne.

Hintergrund

Legutko hat seine Gedanken ausführlich in seinem kürzlich erschienen Werk „Der Dämon der Demokratie. Totalitäre Strömungen in liberalen Gesellschaften“ beschrieben. Seine Analyse ähnelt der anderer osteuropäischer christlich-konservativer Denker, die durch die Erfahrung kommunistischer Herrschaft geprägt wurden.

  • Der tschechische Denker Václav Havel warnte, dass allen modernen Ideologien ein totalitärer Impuls innewohne. Dieser werde die kulturtragenden Akteure in westlichen Gesellschaften mittel- bis langfristig mit ähnlichen Herausforderungen konfrontieren, wie sie mit der Herrschaft des Kommunismus verbunden waren.
  • Der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn sagte der westlichen Welt in einer 1978 an der Universität Harvard gehaltenen Rede existentielle Krisen voraus, deren Ursache sei, dass sie ähnlich wie der Kommunismus auf dem fehlerhaften Welt- und Menschenbild der Moderne aufgebaut seien.

Auch der polnische Philosoph und Dissident Leszek Kolakowski warnte davor, dass die Krise der westlichen Welt mit dem Ende kommunistischer Herrschaft nicht überwunden sein werde. Eine westliche Welt, die „ihr religiöses Erbe und ihre historische Tradition vergessen hat“ und zugusten von Utopien aufgegeben habe, könne trotz allen technologischen und sonstigen Fortschritts keine Zukunft haben. Ohne Wiederanbindung an seine religiösen Wurzeln seien weder eine Erneuerung noch ein Überleben Europas möglich:

Das Überleben unseres religiösen Erbes ist die Bedingung für das Überleben der Zivilisation. […] Die moderne Chimäre, die dem Menschen totale Freiheit von der Tradition oder jeglichem vorexistentem Sinn verspräche, weit davon entfernt, ihm eine Perspektive göttlicher Selbsterschaffung zu eröffnen, schickt ihn in eine Finsternis, in der alles mit gleicher Gleichgültigkeit betrachtet wird. Das utopische Vertrauen in die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu erfinden, die utopische Hoffnung auf grenzenlose Perfektion könnte das wirkungsvollste Instrument des Selbstmords sein, das die menschliche Kultur je geschaffen hat.

Gleichzeitig schufen christlich-konservative Kräfte unter den Bedingungen kommunistischer Herrschaft erprobte Konzepte zur Bewältigung der damit verbundenen Herausforderungen. Dazu gehört auch das in den 1970er Jahren durch den katholischen Denker Václav Benda in der damaligen Tschechoslowakei entwickelte Konzept der „Parallel-Polis“, das kulturelle Kontinuität während der Zeit totalitärer Herrschaft sicherstellte und die Grundlage für die spätere Erneuerung der Kultur schuf. (ts)