Papst Pius II.: Die Ausbildung der Verteidiger Europas

Bernardino di Betto - Papst Pius II. (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Humanist und Universalgelehrte Enea Sylvio Piccolomini trat kurz nach der Eroberung Konstantinopels und der Vernichtung des Byzantinischen Reiches durch die Osmanen im Jahre 1453 sein Amt als Papst Pius II. an. Vor dem Hintergrund der Bedrohung Europas entwickelte er ein humanistisches Bildungskonzept, das Adelige dazu befähigen sollte, den mit der osmanischen Bedrohung verbundenen Herausforderungen in militärischen und politischen Führungsfunktionen sowie als kulturelles Vorbild entgegenzutreten.

Nach dem Fall Konstantinopels hatte er in einer Rede auf dem Frankfurter Reichstag vor der Herausforderung durch die gewaltsame Expansion des Islams gewarnt:

Wenn wir die Wahrheit gestehen wollen, hat die Christenheit seit vielen Jahrhunderten keine größere Schmach erlebt als jetzt; denn in früheren Zeiten sind wir nur in Asien und Afrika, also in fremden Ländern, geschlagen worden, jetzt aber wurden wir in Europa, also in unserem Vaterland, in unserem eigenen Haus, an unserem eigenen Wohnsitz, niedergemetzelt.

Seine Förderung humanistischer Bildung, für die er bis in die Gegenwart bekannt ist, war auch der Erkenntnis geschuldet, dass die Bewältigung dieser existenziellen Bedrohung die Indienstnahme des ganzen Menschen erfordern werde, weshalb bei den Verteidigern Europas alle Fähigkeiten entsprechend entwickelt werden müssten.

Seine Gedanken dazu hat er in seiner um 1450 entstandenen, an den besonders von osmanischen Angriffen bedrängten böhmischen Könis Ladislaus gerichteten Schrift mit dem Titel „De Liberorum Educatione“ festgehalten. Diese enthält ein umfassendes Bildungsprogramm für jene Adligen, die für die Verteidigung Europas und des Christentums tauglich gemacht werden sollten.

  • Der Autor betont die Gleichwertigkeit von geistiger und körperlicher Bildung bzw. Ausbildung sowie die Bedeutung der Bildung des Charakters. An den Erfordernissen der Verteidigung Europas ausgerichtete Bildung entwickele alle diese Aspekte im Menschen.
  • Weiterhin fordert der Autor als Bildungsziel die Entwicklung einer von Selbstkontrolle und Würde geprägten, von Vulgarität und der Herrschaft der Triebe und Leidenschaften freien Haltung. Außerdem fordert er die  Herausbildung einer an den Anforderungen des militärischen Dienstes ausgerichteten Belastbarkeit und Härte durch asketische Lebensführung.
  • Die Entwicklung des Charakters erfordere insbesondere das Studium der Philosophie, die sich mit dem Wesen der Tugenden auseinandersetze und die eigenen Pflichten gegenüber Gott, den Vorfahren und dem Gemeinwesen besser erkennen lasse.
  • Das Studium der Geschichte entwickele durch Vermittlung der Erfahrungen früherer Generationen die Fähigkeit, bessere Entscheidungen zu treffen. Das Studium der Werke der Antike wie die Ilias würden außerdem heroischen Geist vermitteln.
  • Darüber hinaus sollten das Studium der Rhetorik, Logik und Mathematik die Fähigkeit des Denkens schulen und  Fremdsprachen, Naturwissenschaft und Technik wegen ihrer praktischen Anwendungen gelehrt werden.

Dieses Programm und seine Nachfolger wirkten über Jahrhunderte nach und prägen die Identität der kulturtragenden Eliten Europas bis in die Gegenwart. Die Offizierausbildung an einigen Militärakademien westlicher Staaten, etwa in den USA, Frankreich und Großbritannien, knüpft weiterhin dieses Verständnis von Bildung an. Denen, die sich auf das humanistische Erbe Europas berufen, ist dabei oft nicht bekannt, dass es seinen Ursprung auch in christlichen Anstrengungen zur Verteidigung Europas hat. (ts)