Das Böse in der Welt und die christliche Berufung zum schützenden Dienst

Paolo Uccello - Sankt Georg und der Drache (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Im Zusammenhang mit Terroranschlägen oder vergleichbaren Taten, bei denen zahlreiche Zivilisten getötet werden, wird häufig die Frage gestellt, wie diese aus christlicher Perspektive zu bewerten sind. Dabei wird das Geschehen teilweise zum Anlass genommen, an der Existenz Gottes zu zweifeln, von dem erwartet wird, dass er solches Geschehen verhindere. Das Christentum verspricht aber keine sichere Welt, sondern stellt dem Menschen in Aussicht, durch die Annahme der Berufung zum selbstlosen Dienst am Nächsten und damit verbundene Opfer Gott näher zu kommen.

Das Christentum nimmt das Geschehen in der Welt als Ausdruck eines überzeitlichen Kampfes zwischen Gott und ihm widerstrebenden Kräften wahr, dessen Fronten durch die Seelen der Menschen verlaufen. Die gleiche Willensfreiheit, die den Menschen Gott ähnlich macht, ermöglicht es vor dem Hintergrund menschlicher Schwäche, dass der Wille des Menschen durch das Böse korrumpiert wird, wie es bei islamistischen Terroristen oder im Fall von Stephen Paddock geschah, der aus noch unbekannten Motiven in Las Vegas 58 Menschen ermordet hatte.

Der Dienst am Nächsten als Weg der Nachfolge und der heroische Charakter des Christentums

Den korrumpierten, Gott zurückweisenden Seelen der Mörder und Terroristen stehen in diesem in die zeitliche Welt hineinreichenden Kampf die Seelen derjenigen gegenüber, die dem Ruf zum Dienst folgen, sich in den Dienst nehmen lassen, den Kampf zum Schutz des Nächsten aufnehmen und der Gefahr entgegentreten, wo andere fliehen oder zurückweichen.

Dies war auch beim Vorfall in Las Vegas zu beobachten, wo die Zahl der Opfer noch höher ausgefallen wäre, wenn nicht einige Menschen ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben und ohne Vorbehalte hervorgetreten und auf die Gefahr zugegangen wären, um andere zu schützen. Dazu gehören nicht nur jene, die unter dem Feuer des Täters Verletzte aus der Gefahrenzone bargen wie der Sanitäter Glen Simpson, sondern auch der Wachmann Jesus Campos sowie die Polizisten, die dem Täter mit der Waffe entgegentraten und sein Morden beendeten. Indem sie das Leben anderer höher achteten als ihr eigenes und sich in den Dienst stellten, folgten sie Jesus Christus nach.

Tut nichts aus Selbstsucht oder nichtigem Ehrgeiz, sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst. Jeder schaue nicht auf das Seine, sondern jeder auf das des anderen. Denn ihr sollt so gesinnt sein, wie es Christus Jesus auch war […] [E]r entäußerte sich selbst, nahm die Gestalt eines Knechtes an und wurde wie die Menschen; und in seiner äußeren Erscheinung als ein Mensch erfunden, erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz.

Philipper 2, 2-8

Mit dem Hervortreten dieser Menschen ist auch eine andere starke Botschaft verbunden, denn im modernen, die Optimierung des eigenen Vorteils und des eigenen Wohlergehens anstrebenden Denken, bleibt ihr Handeln unerklärlich und unverständlich. Da die Größe des Handelns solcher Menschen jedoch offensichtlich ist, widerlegen sie durch ihre Taten die Fehlannahmen modernen Denkens, das solche Taten weder verstehen noch hervorbringen kann.

Das Phänomen des Hervortretens von Menschen, die eine Berufung zum schützenden Dienst wahrnehmen, ihr eigene Leben entsprechend einsetzen und häufig dabei auch verlieren, tritt dabei universell auf, wie das Beispiel der Südkoreanerin Park Jee Young als eines von vielen zeigt. Die Besonderheit des Christentums ist es, dass die Jesus Christus nachfolgende, sich aufopfernde Liebe und der Dienst am Nächsten unter Einsatz und Aufgabe des eigenen Lebens sein religiöses Zentrum darstellen.

Wie in keiner anderen Religion findet man im Christentum daher den Weg, der die Seele des Menschen Gott näher bringt und sie über die Grenzen der körperlichen Natur und des ichbezogenen Strebens nach Selbsterhalt hinaustreten lässt. Raymond Kardinal Burke sprach daher vom Christentum als der heroischen Religion.

Militärpsychologe Dave Grossman: Das Phänomen der Berufung zum Kampf

Der amerikanische Militärpsychologe Oberstleutnant Dave Grossman sprach in diesem Zusammenhang vom Phänomen der „Berufung zum Kampf“. Er habe in seiner Arbeit beobachtet, dass Menschen sehr unterschiedlich auf Bedrohung und Gefahr reagieren würden. Während die meisten Menschen unter solchen Bedingungen handlungsunfähig würden oder die Flucht ergriffen, würde eine Minderheit anders reagieren, sich selbst vergessen und auf die Gefahr zugehen, um ihr zu begegnen. Diese Menschen würden eine Reihe von besonderen Eigenschaften aufweisen:

Er lebt nach einer Regel […]. Seine Regel im Frieden ist die gleiche wie im militärischen Dienst: Tue Deine Pflicht, schütze die Schwachen, schütze die Gemeinschaft, trete dem Aggressor entgegen, stehe aufrecht, denke voraus, sei bereit, sei treu, vermeide es selbst aggressiv zu sein solange es möglich ist und falls nicht, dann kämpfe um zu siegen. […] Die Geschichte kennt tausende militärische Regeln, aber ich glaube, dass sie alle einige Kernaussagen teilen: Lebe ehrenhaft, und lasse deinen Tod nicht von Sargträgern namens Schande, Grausamkeit, Schwäche und Angst begleitet werden.

Karl Marlantes: Der „Tempel des Mars“ und der Ernstfall als Ort der Begegnung mit Gott

Mit den spirituellen Aspekten des schützenden Dienstes am Nächsten setzte sich auch Karl Marlantes, der als Offizier der amerikanischen Marineinfanterie im Vietnamkrieg diente und mehrfach für seine Tapferkeit ausgezeichnet wurde, in seinem Werk „Was es heißt, in den Krieg zu ziehen“ auseinander. Er sprach in diesem Zusammenhang vom „Tempel des Mars“ als dem spirituellen Zustand, in den jene einträten, die sich im Angesicht der Bedrohung von etwas über dem Menschen stehenden in den Dienst nehmen ließen.

Er habe es häufig erlebt, dass der Wille, seinen Nächsten (etwa einen verwundeten Kameraden) zu schützen, von Menschen Besitz ergriffen und sie über sich selbst hinaustreten lassen habe. In solchen Situationen hätten Soldaten unter feindlichem Feuer ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben und ohne einen Befehl erhalten zu haben ihre Deckung verlassen und seien aufgestanden, um den Verwundeten zu bergen. Dies sei mit intensiven Transzendenzerfahrungen und dem Verlust der Wahrnehmung als Individuum verbunden gewesen. Die damit verbundenen elementaren Erfahrungen würden Menschen ein Leben lang prägen.

Damit ist jedoch auch eine Gefahr verbunden, denn die mächtigen Kräfte, die hier in der Seele des Menschen wirken, können, wenn sie nicht in den Dienst Gottes gestellt werden, sondern für säkulare oder eigene Zwecke instrumentalisiert werden, umso größeren Schaden für alle Beteiligten anrichten. Wer aber Gott mehr dienen will als allem anderen, der kann ihm gerade im Ernstfall und in den Extremsituationen begegnen, in denen andere an Gott zweifeln. (ts)

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