Sozialgeograph Christophe Guilluy: Migration, kulturelle Verunsicherung und gesellschaftliche Konflikte in Europa

Ambrogio Lorenzetti - Die Allegorie der schlechten Regierung (Wikimedia Commons/Gemeinfrei)

Der französische Sozialgeograph Christophe Guilluy ist vor allem durch seinen Ansatz zur Erklärung der allgemeinen Krisentendenzen in westlichen Gesellschaften bekannt geworden. In einem Gespräch mit der Tageszeitung Die Welt hat er seine Thesen jetzt präzisiert. Er sagt Deutschland und anderen europäischen Gesellschaften dabei langfristig weiter zunehmende gesellschaftliche Polarisierung und Konflikte in Folge von Migration und Globalisierung voraus.

Die Globalisierung würde eine „gigantische kulturelle Umwälzung“ in westlichen Gesellschaften“ erzeugen und die Mittelschichten dieser Gesellschaften zunehmend dem Risiko sozialen Abstiegs aussetzen sowie mit negativen Begleiterscheinungen von Migration konfrontieren.

Laut Guilluy führe dabei vor die durch Migration erzeugte „kulturelle Verunsicherung“ zur zunehmenden Abwendung der Mittelschichten von konventionellen Parteien und der bestehenden politischen Ordnung.

Kulturelle Verunsicherung entsteht, wenn die Menschen das Gefühl haben, eine unsichtbare Grenze nicht mehr aufrechterhalten zu können und die Kontrolle über ihr Umfeld verlieren. Wenn ich in einem Pariser Migrantenviertel wie Belleville eine Wohnung für 600.000 Euro kaufe, dann weiß ich, wer meine Nachbarn sind. Ich kann es also cool finden, in einem Multikultiviertel zu wohnen, weiß aber, dass in meinem Wohnhaus nur Gleichgesinnte leben. Alles ist unter Kontrolle. Als Arbeiter oder Arbeitsloser verliert man die Kontrolle über die unsichtbare Grenze. Man kann nicht beeinflussen, wer sein Nachbar sein wird. Auch in Frankreich gibt es in bestimmten ländlichen Gegenden keinen einzigen Einwanderer, aber starke Wahlerfolge des FN, weil die Leute wissen: Wenn morgen Einwanderer kommen, können sie nicht weggehen. Diese soziale Fragilität überdeckt eine kulturelle Fragilität. Die Leute fürchten, zur Minderheit zu werden.

Die vorwiegend linksliberal eingestellten Globalisierungsgewinner und konventionelle Parteien würden darauf vorwiegend mit Realitätsverweigerung reagieren und versuchen, solche Abwendungsprozesse mit psychischen oder charakterlichen Defiziten der Globalisierungsverlierer zu erklären. Die tatsächlichen Ursachen blieben dabei unerkannt und seien auch nicht Gegenstand politischen Handelns, was Ohnmachtsgefühle bei Globalisierungsverlierern und die damit verbundene Abwendung weiter verstärke.

Insbesondere die Entscheidung der Regierung Merkel zur Öffnung der Grenzen Deutschlands für irreguläre Migranten 2015 habe die gesellschaftliche Polarisierung in Deutschland und die Abwendung vieler Menschen von der bestehenden politischen Landschaft gefördert.

Merkel hat etwas gemacht, was hochgradig brutal war. Es war, als hätte sie gesagt „Ihr werdet das schon schaffen. Es hängt von euch ab.“ Das ist eine bourgeoise Gewalt von oben. […] Auf dem Papier sieht es sehr schön aus, was sie gemacht hat: Deutschland hat endlich den Nationalsozialismus hinter sich gelassen. Aber das ist reine Theorie von Intellektuellen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Die populistischen Parteien wie die AfD oder der FN werden von den 30-, 40-Jährigen gewählt […]. Denen geht es nur um ihre Lebenswirklichkeit. Die fragen sich nur: Wie geht es mir und meinen Kindern? Hat Frau Merkel nicht gesehen, dass die kulturelle und wirtschaftliche Basis dieser Kategorien düster ist? Die westliche Mittelschicht ist verurteilt. Die Globalisierung bedeutet für sie, dass die Welt ohne sie, ohne Arbeiter, ohne Angestellte funktioniert. Gleichzeitig verlangt man von genau diesen Personen, dass sie den Multikulti-Traum der „United Colors of Benetton“ träumen. Das ist ungeheuer hart und von großer Arroganz. […] Damit eine Gesellschaft als Gemeinschaft funktioniert, müssen die Eliten das Interesse der unteren Schichten vertreten.

Laut Guilluy würden die Folgen von Globalisierung, Migration und islambezogenen Herausforderungen sowie die damit verbundenen Konflikte und sonstigen gesellschaftlichen Entwicklungen Europa langfristig prägen. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer bevorstehenden „historischen Zäsur“ und einer „politischen Neukomposition“ europäischer Gesellschaften.

Hintergrund

Mitarbeiter von Verfassungsschutz, Bundeskriminalamt, Bundesnachrichtendienst und Bundespolizei hatten nach der Entscheidung der Bundesregierung zur Öffnung der Grenzen 2015 in einem informellen Diskussionspapier eine ähnliche Warnung ausgesprochen wir Guilluy.

„Der hohe Zuzug von Menschen aus anderen Weltteilen wird zur Instabilität unseres Landes führen“, warnt demnach ein mit Sicherheitsfragen vertrauter Spitzenbeamter. „Wir produzieren durch diese Zuwanderung Extremisten, die bürgerliche Mitte radikalisiert sich, weil sie diese Zuwanderung mehrheitlich nicht will und ihr dies von der politischen Elite aufgezwungen wird“, befürchtet er weiter. Seine Prognose ist düster: „Wir werden eine Abkehr vieler Menschen von diesem Verfassungsstaat erleben.“

Globalisierungsgetriebene Krisentendenzen und ihre Auswirkungen auf Europa in Form eines steigenden Risikos ethnischer, sozialer und kultureller Konflikte hatten zuletzt unter anderem auch der Soziologe Wolfgang Streeck, der Soziologe Thomas A. Becker, der Historiker David Engels, der Historiker Caspar Hirschi, der Historiker Michael Lind, der Politikwissenschaftler Fareed Zakaria und der Publizist Pankraj Mishra beschrieben. (ts)

4 Kommentare

  1. John Michael Greer bezieht in seine Betrachtung unserer Zukunft auch Faktoren wie Klimawandel und Ressourcenerschöpfung ein und kommt u.a. zu folgenden, freundlich ausgedrückt, unerfreulichen Ergebnissen:

    „…
    Zu den Standardphänomenen des Abstiegs und Falls gehört in der Tat das Zerbrechen des kollektiven Konsenses, der einer aufstrebenden Gesellschaft die Fähigkeit gibt, gemeinsam zu handeln und vieles von allem zu erreichen. Die Spaltung zwischen der politischen Klasse und dem Rest der Bevölkerung – man kann sicherlich die einen „das eine Prozent“ und anderen „die neunundneunzig Prozent“ nennen – ist einfach die am meisten sichtbare der Bruchlinien, die durch jede absteigende Zivilisation gehen, und die sie in einen Flickenteppich abweichender Fragmente verwandeln, die konkurrierende Ideale und Agenden verfolgen. Dieser Prozess hat auch einen vorhersagbaren Endpunkt: während das zunehmend groteske Fehlverhalten der politischen Klasse diese jeden Respekt und jede Loyalität verlieren, die sie einstmals beim Rest der Gesellschaft genoss und während die Massen sich ihres Vertrauen in die politischen Institutionen ihrer Gesellschaft entledigen, füllen charismatische Führer von außerhalb der politischen Klasse das Vakuum. Gewalt wird der normale Vermittler der Macht, und die Herrschaft des Rechts wird eine höfliche Fiktion, wenn sie nicht einfach vollständig abgeschafft wird.

    Die ökonomische Sphäre einer Gesellschaft im Niedergang ist aus verschiedenen Gründen einer parallel verlaufenden Zersplitterung unterworfen. In Zeiten wirtschaftlicher Expansion wirft die Arbeit der arbeitenden Klasse genug Profit ab um die Kosten eines mehr oder weniger komplexen Überbaus zu decken, egal ob dieser Überbau aus den Pharaonen und Priestern des alten Ägyptens oder den Bürokraten und Investmentbankern des späten industriellen Amerikaners besteht. Wenn das Wachstum durch Kontraktion abgelöst wird, dann erzielt die Produktion von Gütern und Dienstleistungen nicht mehr den Profit den sie einst erzielte, aber die Mitglieder der politischen Klasse, deren Macht und Wohlstand von dem Überbau abhängt, sind vorhersagbar nicht gewillt ihren privilegierten Status zu verlieren und sie haben die Macht sich selbst auf Kosten aller anderen zu versorgen. Das zuverlässige Resultat ist ein Schrumpfen der produktiven wirtschaftlichen Aktivität, was eine im Abstieg begriffene Zivilisation von einer sie durchschüttelnd Finanzkrise zur nächsten bringt und schließlich ihre Fähigkeit zerstört, selbst die notwendigsten Güter und Dienstleistungen zu produzieren.

    Als Reaktion darauf beginnen die Menschen sich aus dem wirtschaftlichen Hauptkreislauf insgesamt aus zu klinken, weil weil es weniger fruchtlos ist an den wirtschaftlichen Rändern mühsam sein Dasein zu Fristen als in einem System zu überleben, das zunehmend gegen sie manipuliert wird. Steigende Steuern, abnehmende öffentliche Dienstleistungen und systematische Privatisierung öffentlicher Güter durch die Reichen, wetteifern darum mehr und mehr Menschen gegenüber der etablierten Ordnung zu entfremden. Die Entwertung des Geldsystems, in einem Versuch die abnehmenden Steuereinnahmen auszugleichen, führt dazu, dass mehr und mehr wirtschaftliche Aktivitäten durch ohne Geld auskommende Formen des Austauschs ersetzt werden. Während das Geldsystem versagt werden im Gegenzug große Wirtschaftsaktivitäten unmöglich; die Wirtschaft zersplittert und vereinfacht sich bis zur einfachen wirtschaftlichen Subsystemen mit lokalen Ressourcen, die gelegentlich durch Plünderungen angereichert werden. Das wird die einzige überlebende Form der wirtschaftlichen Aktivität.

    Zusammengenommen schicken diese Muster der politischen Fragmentierung und des wirtschaftlichen Zerfalls die politische Klasse einer versagenden Zivilisation mit den Füßen zuerst auf eine Reise durch die Ausgangstüren der Geschichte. Die einzigen Fähigkeiten die ihre Mitglieder im Großen und Ganzen haben, sind jene die nötig sind um komplexe politische und wirtschaftliche Hebel ihrer Gesellschaft zu manipulieren, und ihre Macht hängt vollständig von der aktiven Loyalität ihrer Untergebenen ab, die ganze Kommandokette hinunter, und vom passiven Gehorsam des Rests der Gesellschaft. Der Kollaps der politischen Institutionen nimmt der politischen Klasse jeden Legitimitätsanspruch; der Zusammenbruch des Wirtschaftssystems begrenzt ihre Fähigkeit die Loyalität jener zu kaufen, die sie nicht länger inspirieren können; der Zusammenbruch der Hebel der Kontrolle nimmt ihren Mitgliedern die einzige tatsächliche Macht die sie hatten; und das ist der Punkt wenn sie sich in die Lage versetzt sehen, um Anhänger zu konkurrieren, mit den charismatischen Führern die gerade von den niedrigeren Rängen der Gesellschaft aufsteigen. Sehr viel öfter als nicht kommt das Endspiel wenn die politische Klasse versucht die aufsteigenden Führer der Entrechteten an zu heuern um mit diesen eine Quelle der Kraft zu haben um den Rest der Bevölkerung kontrollieren zu können. Die politische Klasse findet dann auf die harte Tour heraus, dass die wirklich Machthabenden diejenigen sind, die Waffen tragen und nicht diejenigen die denken dass sie die Befehle geben.

    Die Implosion der politischen Klasse hat Auswirkungen die deutlich über einen einfachen Personalwechsel in den oberen Schichten der Gesellschaft hinausgehen. Die zuvor erwähnte politische und soziale Zersplitterung wirkt sich genauso kraftvoll auf die weniger greifbaren Dimensionen des menschlichen Lebens aus – seine Ideen und Ideale, seine Glaubensinhalte, Werte und kulturellen Praktiken. Wenn eine Gesellschaft in die Phase des Abstiegs kippt, dann werden ihre Bildungsinstitutionen und ihre kulturellen Institutionen, ihre Künste, Literatur, Wissenschaften, Philosophien und Religionen alle mit der politischen Klasse identifiziert; das ist kein Zufall da die politische Klasse generell alles versucht um diese Dinge zu nutzen um ihrem eigenen Verlust an Autorität und Einfluss aufzuhalten. Für jene außerhalb der politischen Klasse wiederum wird die Hochkultur der Zivilisation befremdlich und gehasst, und wenn die politische Klasse zugrunde geht, dann gehen die kulturellen Ressourcen diese sich zu Diensten gemacht hat mit ihr zugrunde.

    Die Konsequenzen können in der Geschichte jeder kollabierenden Zivilisation verfolgt werden. Während die ländliche Wirtschaft als Folge des landwirtschaftlichen Versagens aufbauend auf den allgemeineren wirtschaftlichen Abstieg implodiert, konzentriert sich eine zunehmender Anteil der Bevölkerung in den städtischen Elendsbezirken. Während die Maßnahmen zur öffentlichen Gesundheit zusammenbrechen werden diese Slums zu Brutstätten für Infektionskrankheiten. Epidemien sind daher eine übliches Merkmal in der Geschichte absteigender Zivilisation. Natürlich sind Krieg und Hungersnöte ebenfalls signifikante Faktoren; aber einen noch größeren Tribut beansprucht der ständige Anstieg der Todesrate, der durch Armut, Mangelernährung, Zusammentrennung und Stress verursacht wird. Wenn die Sterberate die Geburtenzahl übersteigt kommt die Gesellschaft in eine Phase des Bevölkerungsrückgangs, der leicht einige Jahrhunderte andauern kann. Es ist alles andere als ungewöhnlich, dass die Bevölkerung in einem Gebiet, in der auf eine Zivilisation folgenden Zeit auf weniger als zehnt Prozent der Größe zur Zeit der Blütezeit vor dem Kollaps zurückgeht.

    Man rechne diese Muster zusammen, folge ihnen über die üblichen ein bis drei Jahrhunderte der Abwärtsspirale und man hat das Standardbild einer Gesellschaft in einem dunklen Zeitalter: eine größtenteils verwüstete ländliche Gegend mit kleinen verstreuten Dörfern wo selbst versorgende Bauern die verarmt sind und nicht lesen und schreiben können, kämpfen um die Fruchtbarkeit zurück in den ausgelaugten Mutterboden zu bringen. Ihre Regierung besteht aus der persönlichen Machtausübung lokaler Kriegsherren, die im Tausch für den Schutz vor Plünderern ihren Teil der jährlichen Ernte fordern, und die eine raue Rechtsprechung im Schatten jedes passenden Baumes anwenden. Ihre Literatur besteht aus Gedichten, liebevoll erinnert und gesungen zu den Klängen eines einfachen Saiteninstruments, die die großen Taten der charismatischen Führer eines verschwundenen Zeitalters erinnern, und diese selben Gedichte beinhalten alles was sie über ihre Geschichte wissen. Ihr Gesundheitswesen besteht aus Kräutern, ein wenig rauer Chirurgie und Zaubersprüchen die sie schlau zwecks Ausbeutung des Placeboeffektes nutzen. Ihre Wissenschaft – nun ich überlasse das der Fantasie der Leser.“

    Quelle: http://www.freizahn.de/2017/02/in-der-folge-der-industriellen-zivilisation/

    Mein Dank gilt Christoph Becker, der die Übersetzung aus dem Englischen besorgte.

    Wir wissen nicht, wann es wieder einmal soweit ist, daß folgende Gedanken gedacht werden:

    „…
    Ich erzähle meinen Enkeln, dass man Schlachten mit Selbstvertrauen gewinnt. Ich wünsche ihnen nicht, daß sie kämpfen müssen, lieber würde ich die Welt von Jeremias wahr werden lassen, sodass wir in Frieden und Eintracht miteinander leben, doch es gibt immer irgendwen, und gewöhnlich ist es ein Mann, der mit Neid auf unsere Felder blickt, der unsere Heimat begehrt, der seinen ranzigen Gott für besser als unseren hält und der mit Flamme und Schwert und Stahl kommt um sich zu nehmen, was wir aufgebaut haben, und wenn wir nicht zum Kampf bereit sind, wenn wir nicht all diese mühevollen Stunden damit verbracht haben mit Schwert und Schild und Speer und Sax zu erlernen, dann wird dieser Mann siegen und wir werden sterben.
    Unsere Kinder werden zu Sklaven, unsere Frauen zu Huren, und unser Vieh wird geschlachtet. Also müssen wir kämpfen, und der Mann, der mit Selbstvertrauen kämpft, wird gewinnen.
    …“ (Uthred, ihm in den Kopf gelegt von Bernard Cornwell, in „Der Flammenträger“)

    https://www.youtube.com/watch?v=cQzcVGq4wZ0

    und hier eine reale Begebenheit aus alter Zeit:

    http://www.ardmediathek.de/tv/Wie-geht-das/3-000-Jahre-Geschichte-ausgraben/NDR-Fernsehen/Video?bcastId=33863514&documentId=46068068

  2. Leider ist es fast unmöglich, Otto Normalverbraucher ein solches Szenario des Untergangs der eigenen, gewohnten Zivilisation als reelle Gefahr auszumalen. In der Tat denkt der urbane Weltbürger in der Regel so gut wie nie daran, welche Ressourcen nötig sind, damit ein paar Millionen Menschen in einem Ballungszentrum tagtäglich mit Nahrung, Strom, Wasser und der Möglichkeit, seine Nordurft zu verrichten und den Müll los zu werden, versorgt werden, vom organisatorischen Aufwand gar nicht zu sprechen. Trotz rasant fortschreitender Computer- und Kommunikationstechnologie ist im Vergleich zu den 1980ern Jahren unübersehbar, dass Sand im Getriebe des Präzisionsinstruments „Urbane Zivilisation“ ist.
    In der Landwirtschaft ist es kaum besser, als sich meine Eltern von Jahrzehnten in einem Dorf niederließen, konnten sie nicht glauben, dass ihr Nachbar, ein Landwirt, nur noch mit Mühe in der Lage war, ohne die entsprechenden Maschinen seine Kühe zu melken oder den Rasen zu mähen.

  3. Sehr geehrter Attila Varga

    Der oben genannte Christoph Becker ist Pessimist, was die Zukunft Deutschlands/Westeuropas anbelangt:

    „…
    Wie ich schon in meinem Blogbeitrag Gedanken zum Film Bauer Unser geschrieben hatte, sind unter anderem die Europäer schon seit Jahrzehnten emsig damit beschäftigt, ihre Länder unter anderem per Industrialisierung der Landwirtschaft in große, komfortable Vernichtungslager zu verwandeln, bei denen dann am Ende nur noch jemand resolut die Stromversorgung oder/und ein paar Handelsrouten abschalten muss, um binnen weniger Monate ohne weitere Anstrengungen mehr als 90 % der Bevölkerung zu vernichten.

    Um ehrlich zu sein, sehe ich nicht mehr, dass und wie Deutschland und Europa überhaupt noch Krieg führen könnten. Das Problem ist, dass wir die Nationen und Völker in Europa faktisch aufgelöst und durch einen undefinierbaren multikulturellen Eintopf von Individualisten ersetzt haben.

    In einer überbevölkerten Welt mit sinkenden Ressourcen und sinkender Umweltbelastbarkeit ist es sehr wahrscheinlich, dass fehlende Kampfbereitschaft einer Gesellschaft zu deren vollständiger Vernichtung durch zum Krieg fähige und bereite Gegner führt.

    Fazit ist für mich jedenfalls, dass die scheinbar unlösbaren Probleme des 21. Jahrhunderts mit Gewalt und Krieg sehr wohl lösbar sind und dass sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann in den nächsten 5 bis 15 Jahren auch mit diesen Mitteln gelöst werden. Sicher ist auch, dass Deutschland und andere Staaten Westeuropas dieses Mal zu den Opfern von Angriffskriegen und Völkermordabsichten gehören werden. Unklar ist für mich, ob Deutschland und die anderen Staaten Westeuropas ihren Untergang und ihre Vernichtung wirklich praktisch kampflos und wehrlos hinnehmen wollen oder nicht. Ist es wirklich unklar? Einzig und allein bei den Wählern der Rechtsparteien wie AfD, NPD und Front National kann man sicher sein, dass sie überleben wollen. In Deutschland sind das weniger als 15 Prozent der Bevölkerung. Das ist so wenig, dass man diesen Leuten nur empfehlen kann, auszuwandern und den Rest der Deutschen ihrem Schicksal zu überlassen. Dabei ist daran zu erinnern, dass Deutschland heute fast keine Bodenschätze und da insbesondere fast keine eigenen Vorkommen an wirtschaftlich nutzbaren fossilen Energieträgern mehr hat. Ob mit oder ohne Krieg, der ökologische Fußabdruck und die Größe der Bevölkerung Deutschlands muss und wird in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts ziemlich heftig schrumpfen. Die Zeit diese Schrumpfung sanft und erträglich zu bewirken ist vorbei.
    …“.
    Quelle: https://www.freizahn.de/2017/09/gordischer-knoten-2-0/

    Wir haben wahrscheinlich heute ein ähnliches Problem wie die Byzantiner um 1350 herum (ca. 100 Jahre vor ihrem Untergang):

    „Nichts trägt mehr zur Zerstörung eines Staatswesens bei, ob Republik oder Monarchie, als der Mangel an weisen oder intelligenten Menschen. Hat eine Republik viele Bürger oder eine Monarchie viele Diener mit ausgezeichneten Eigenschaften, erholt sie sich rasch von den Verlusten, die ihr ein Ungemach bereitet hat. Fehlt es jedoch an solchen Menschen, fällt sie in tiefste Schande. Deshalb beklage ich den gegenwärtigen Zustand des Reichs, das nun, nachdem es in der Vergangenheit so viele hervorragende Menschen hervorgebracht hat, so unfruchtbar geworden ist, daß den Regierenden von heute nichts gegeben ist, was sie über die von ihnen Regierten erhebt.“
    (Johannes Kantakuzenos, Kaiser von Byzanz 1347-1354)

    Um noch einmal auf das Schlachtfeld vom Tollense zurückzukommen

    https://www.welt.de/geschichte/article153340519/Die-Invasoren-der-Bronzezeit-kamen-aus-dem-Sueden.html

    Was wollten die „Südländer“ im Norden? Mit mehreren tausend Mann eine Brücke im Sumpf erobern, wie manche Archäologen meinen?

    Diese fand in etwa zeitgleich mit oder aber kurz vor der sogenannten „Apokalypse in der Bronzezeit“ im (gesamten) östlichen Mittelmeerraum statt

    https://www.youtube.com/watch?v=3oLGma2DxJw

    Beispiel Mykene:

    „Zerstörung der Paläste von Theben, Mykene, Tiryns und Pylos
    Nachpalastzeit 1190–1050/30 – starker Bevölkerungsrückgang“

    In diesem Zusammenhang lohnt ein Blick auf das Ende Westroms in Britannien:

    https://www.youtube.com/watch?v=L7klApDH5iU

    (ungeachtet des Infotainment-Charakters dieser Dokumentation können wir uns etwas herausziehen)

  4. Sehr geehrter Konservativer,
    Ihre Beiträge sind wieder einmal Balsam für das Gemüt von uns Geschichtsverliebten!

    Sowohl in der Bronzezeit als auch am Ende des Weströmischen Reiches fand ein Systemkollaps statt. „Fast-globale“ Zivilisation brachen unter ihrem eigenen Gewicht zusammen und wurden von gesünderen Barbarenvölkern überrannt. Wahrscheinlich trugen die „Mecklenburger“ und „Südländer“, deren Krieger sich an der Tollense diese (mit Sicherheit nicht einzige) Schlacht lieferten, zur Seevölkerwanderung bei, die die Welt bis nach Ägypten hin erschütterte und Dark Ages auslöste, die sich mit jenen nach dem Fall Roms vergleichen ließen.
    Trost mag uns, so sonderbar dies auch klingt, die Byzantinische Staatskrise des 14. Jhr. bringen-zu welcher Johannes Kantakuzenos in nicht unerheblichem Maße beitrug.
    Damals ging es im Grunde genommen nur um die Frage, ob Konstantinopel an die Serben oder Osmanen fällt. Es sollte noch ein qualvolles Jahrhundert dauern, bis die Osmanen triumphierten. Byzanz jedoch hinterließ durch Christentum, römische Staatskunst und griechische Kultur genug ideologische Erbmasse, um als Russisches Reich wieder aufzuerstehen.
    Es ist zu hoffen, dass auch der Okzident solche Kräfte freisetzen kann…und zwar ohne dass Rom noch einmal fallen muss.

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