Papst Franziskus ruft Christen zu Patriotismus auf: „Ein Volk ohne Wurzeln ist ein krankes Volk“

Das christliche Europa - Ausschnitt aus dem Genter Altar (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Papst Franziskus betonte in der heutigen Frühmesse die Bedeutung der Bindung an die eigenen Wurzeln für die Völker der Welt und rief dazu auf, diese Bindung wiederzuentdecken und zu erneuern. Ohne Wurzeln „kann man nicht leben: ein Volk ohne Wurzeln oder ein Volk, das sich nicht um seine Wurzeln kümmert, ist ein krankes Volk“.

Hintergrund

Papst Franziskus hatte sich in der Vergangenheit mehrfach für einen christlichen Patriotismus ausgesprochen.

Er bezog sich bei seinen aktuellen Äußerungen auf das Buch Nehemia im Alten Testament. Dieses beschreibt die Taten des Statthalters Nehemia, der es nicht duldete, dass die heilige Stadt Jerusalem schutzlos innerem kulturellem Verfall und Angriffen ihrer Feinde ausgeliefert war. Er begab sich mit einer Gruppe von Soldaten in die Stadt, um sie zu sichern, ihre schützenden Mauern wieder in Stand zu setzen und die Wiederanbindung der Menschen an ihre Wurzeln durch die Erneuerung religiöser Bindungen zu unterstützen.

Kürzlich hatte auch Erzbischof Charles Chaput aus Philadelphia (USA) Christen zu Patriotismus aufgerufen. Es läge in der Natur des Menschen, an einen Ort und eine Gemeinschaft gebunden zu sein. Die eigenen Wurzeln abzulehnen und keine Liebe gegenüber der eigenen Heimat zu empfinden sei Ausdruck einer fragwürdigen Gesinnung, die nicht zum Dienst am Gemeinwohl in der Lage sei.

Die dem katholischen Glauben nahestehende französische Philosophin Simone Weil hatte ebenfalls die Bedeutung von Wurzeln und Bindungen für den Menschen betont.

Die Verwurzelung ist wohl das wichtigste und am meisten verkannte Bedürfnis der menschlichen Seele. […] Der Mensch hat eine Wurzel durch seinen wirklichen, aktiven und natürlichen Anteil am Dasein eines Gemeinwesens, in dem gewisse Schätze der Vergangenheit und gewisse Vorahnungen der Zukunft am Leben erhalten werden. Natürlicher Anteil heißt: automatisch gegeben durch den Ort, die Geburt, den Beruf, die Umgebung. Jeder Mensch braucht vielfache Wurzeln. Fast sein gesamtes moralisches, intellektuelles und spirituelles Leben muss er durch jene Lebensräume vermittelt bekommen, zu denen er von Natur aus gehört. Der Austausch von Einflüssen zwischen sehr verschiedenen Lebensräumen ist nicht weniger unentbehrlich als die Verwurzelung in der natürlichen Umgebung. Aber ein bestimmter Lebensraum darf einen äußeren Einfluss nicht als Beitrag empfangen, sondern als einen Antrieb zur intensiveren Gestaltung seines eigenen Lebens. Er darf sich von äußeren Beiträgen erst dann nähren, wenn er sie verdaut hat. […] Die Entwurzelung ist mit Abstand die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaften.

Dem Christentum wird von seinen Kritikern zum Teil vorgeworfen, einen unangemessenen Universalismus zu propagieren, weil es natürliche Bindungen des Menschen angeblich auflösen wolle. Entsprechende Kritik ist jedoch Ausdruck eines Missverständnisses christlicher Positionen. Das Christentum sieht in der Bindung an Gott grundsätzlich die höchste Bindung, der natürliche Bindungen nachzuordnen seien, ohne dass diese dadurch jedoch aufgelöst würden.

Indem der Mensch die Bindung an Gott als höchste Bindung betrachtet, richtet er alle anderen, natürlichen Bindungen auf ein gutes Ziel aus und bringt diese Bindungen in ein harmonisches Verhältnis zueinander. Dem christlichen Verständnis steht das Verständnis moderner Ideologien gegenüber, die je nach Strömung einzelne Aspekte menschlicher Identität auf Kosten anderer zum Schaden des Menschen und des Gemeinwohls überbetonen oder leugnen.

Johannes Paul II. schuf auf Grundlage dieses Gedankens eine Theologie der Nation und formulierte einen christlichen Patriotismus, der dem Wohl einzelner Menschen, dem Gemeinwohl einzelner Nationen und dem globalen Gemeinwohl gleichermaßen dient. Dieser christliche Patriotismus wirkt sowohl den Exzessen eines auf Kosten anderer Nationen betriebenen Nationalismus als auch den Exzessen der nach Auflösung von Nationen strebenden neomarxistischen Ideologien entgegen. (ts)

2 Kommentare

  1. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sagt der Papst bald schon wieder das genau Gegenteil, so dass man darüber rätseln darf, was denn nun sein Standpunkt ist. Aber wie hier schon einmal gesagt wurde, ist es vielleicht der richtige Ansatz, seine Worte im Kontext von Lehre und Tradition und nicht im Gegensatz dazu zu deuten und sich dabei auf seine konstruktiveren Äußerungen zu konzentrieren.

    • @Remigius
      Der Papst ist in dieser Frage doch absolut konsistent in seinen Äußerungen, wobei im Beitrag doch auch mehrere frühere Äußerungen in diese Richtung dokumentiert sind. Widersprüche gab es m.E. nur dort, wo der Papst sich gegenüber Medienvertretern am Rande seiner Reisen äußerte. Er hat ja mittlerweile auch eingeräumt, dass nicht jede dieser Äußerungen glücklich war oder angemessenen wiedergegeben wurde. Über manche seiner Aktionen, was das Thema Migration angeht, kann man auch als Katholik geteilter Meinungen sein, aber dazu, dass Christen sich im Sinne des Mottos „suchet der Stadt Bestes“ für ihre Gemeinschaften und Gemeinwesen und das Gemeinwohl im Sinne eines christlichen Patriotismus engagieren sollen, steht er (soweit es seine Äußerungen erkennen lassen) m.E. ebenso wie seine Vorgänger.

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