Gabriele Kuby: Christliche Prinzipien des politischen Kampfes

Eugene Thirion - Jeanne d'Arc (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die Soziologin und Publizistin Gabriele Kuby ist vor allem durch ihre Kritik an der Gender-Ideologie international bekannt geworden. In ihrer jetzt erschienenen Schrift mit dem Titel „Christliche Prinzipien des politischen Kampfes“ setzt sie sich mit der Frage auseinander, wie Christen auf die Erosion der kulturellen Grundlagen westlicher Gesellschaften und die damit verbundenen Herausforderungen antworten können.

Neomarxistische Ideologien als Herausforderung für das Christentum

Kuby sieht diverse neomarxistische Strömungen und das Wirken „atheistischer Kulturrevolutionäre“ als die wesentlichen Treiber kultureller Auflösungserscheinungen in der Gegenwart an.

Entsprechende Akteure würden die durch das Christentum geschaffene Kultur und Ordnung ablehnen und versuchen, sie aufzulösen. Dies erfolge in Anknüpfung an marxistisches Denken durch die Mobilisierung von Gruppen, die zu Opfern dieser Kultur und Ordnung erklärt und denen eine Befreiung von mutmaßlicher Unterdrückung oder Benachteiligung für die Zeit nach deren Zerstörung in Aussicht gestellt würde. So versuche die feministische Strömung des Neomarxismus, Frauen gegen die vorhandene kulturelle Substanz in Stellung zu bringen, während die multikulturalistische Strömung Migranten mobilisieren solle. Dabei wird die Zerstörung des Gewachsenen stets als die Voraussetzung für die Erreichung des versprochenen utopischen Zustands dargestellt, wodurch deutlich werde, dass es neomarxistischen Utopien in erster Linie um Zerstörung gehe.

Aufgrund des von entsprechenden Aktivisten seit den 1960er Jahren erfolgreich vollzogenen „Marschs durch die Institutionen“ seien Politik und meinungsbildende Institutionen mittlerweile weitestgehend von diesen Ideologien geprägt, weshalb Angriffe auf die verbliebene kulturelle Substanz künftig noch an Radikalität zunehmen würden. Dies sei mit der Gefahr des erneuten Hervortretens der totalitären Tendenzen verbunden, die in allen modernen Ideologien angelegt seien.

Christliche Antworten auf die Herausforderungen der Gegenwart

Da die Herausforderungen der Gegenwart letztlich eine geistige Ursache hätten bzw. durch das Wirken geistiger Kräfte erzeugt würden, sollte die Auseinandersetzung mit ihnen von christlicher Seite in erster Linie auf geistiger Ebene erfolgen.

Wir leben zwar in dieser Welt, kämpfen aber nicht mit den Waffen dieser Welt. Die Waffen, die wir bei unserem Feldzug einsetzen, sind nicht irdisch, aber sie haben durch Gott die Macht, Festungen zu schleifen; mit ihnen reißen wir alle hohen Gedankengebäude nieder, die sich gegen die Erkenntnis Gottes auftürmen.

Paulus nach 2 Kor 10, 3-5

Christen sollten sich vor allem geistig diesen Auflösungstendenzen entziehen, indem sie untereinander belastbare  Netzwerke bildeten, die sich auf Familie, Glaube und Bildung stützen. Inseln intakten christlichen Lebens in von Auflösung geprägten Umfeldern könnten wie die von Jesus Christus erwähnte „Stadt auf dem Berg“ wirken, deren Licht „nicht verborgen bleiben“ kann.

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Jesus Christus nach Mt 5, 13-16

Zudem sei es wichtig, dass Christen die innerliche Anpassung an Ideologien der Auflösung verweigern, nicht mit ihnen kooperieren und keine Kompromisse mit ihnen eingehen. Gleichzeitig sei es wichtig, dass Christen sich in der Auseinandersetzung mit ihnen nicht dazu bringen ließen, deren Methoden zu übernehmen und Verleumdung, Lüge oder übler Nachrede zu praktizieren. Die andere Seite solle nicht zerstört werden, sondern zu Einsicht und Umkehr geführt werden.

Die bevorstehenden Zeiten der Verwerfung würden für Christen dabei vor allem eine Gelegenheit zum Dienst darstellen:

  • Die durch die Folgen kultureller Auflösung erzeugten Nöte würden das Wirken von Christen als „kreativer Minderheit“ erfordern. Hier werde es künftig große Aufgaben zu leisten geben, und sie beobachte in diesem Zusammenhang eine Zunahme von Berufungserfahrungen.
  • Christliche Antworten auf kulturelle Auflösung dürften keine bloßen Gegenutopien zu den erwähnten neomarxistischen Utopien sein, die Menschen mit falschen, utopischen Versprechen korrumpieren, indem sie ihre Schwächen ansprechen.

Christliche Gegenentwürfe würden nicht die Gesellschaft verändern wollen, sondern die Notwendigkeit des inneren Kampfes gegen die eigenen Schwächen und den Dienst am Nächsten betonen. Positive gesellschaftliche Veränderungen ergäben sich daraus als sekundäre Wirkung.

Christen selbst könnten in diesem Kampf nicht verlieren, da der Dienst am Nächsten und im erweiterte Sinne am Gemeinwesen für sie einen Selbstzweck darstelle, der unabhängig von seinen Erfolgsaussichten zu führen sei und der gerade dann einen Weg darstelle, Jesus Christus nachzufolgen, wenn er zunächst mehr mit Opfern als mit sichtbaren Erfolgen verbunden sei. (ts)