Ulrich Greiner: Das Scheitern der Moderne und die Erneuerung des christlichen Konservatismus

Karl Friedrich Schinkel - Gotischer Dom am Wasser (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Literaturwissenschaftler und Kulturjournalist Ulrich Greiner, der für die Wochenzeitung Die Zeit als verantwortlicher Redakteur des Ressorts Literatur tätig ist, fand vor einiger Zeit zum christlich-katholischen Glauben und wandte sich von den progressiven Ideologien ab, denen er früher nahestand. In seinem jetzt im Rowohlt-Verlag erschienenen Buch „Heimatlos: Bekenntnisse eines Konservativen“ beschreibt er seinen geistigen Weg und setzt sich mit den Perspektiven einer Erneuerung des christlichen Konservatismus in Deutschland auseinander.

Das Scheitern der Moderne erfordert christlich-konservative Alternativen

Die Notwendigkeit eines christlichen Konservatismus ergebe sich aus dem Scheitern der Versprechen moderner Ideologien.

  • Diese hätten im Zuge ihrer Versuche, „den neuen Menschen zu erziehen“, „über Generationen hinweg in den Seelen der Menschen“ enorme Verwüstungen angerichtet. Auch ihre aktuellen Versprechen, etwa das auf ein friedliches, von gegenseitiger Bereicherung gekennzeichnetes Zusammenleben der Kulturen in multikulturellen Gesellschaften, seien zu einem von Konflikten begleiteten Scheitern verurteilt.
  • Eine „ganz große Koalition“ aus Parteien, Medien und gesellschaftlichen Institutionen, die von der Hegemonie des progressiven Denkens geprägt sei, das den scheiternden Ideologien zugrunde läge, würde die Auseinandersetzung mit entsprechenden Herausforderungen verweigern. Jeglichem Bezug auf das „historisch Gewordene und halbwegs Bewährte“ werde von ihnen mit „vernichtendem Verdacht“ begegnet. Insbesondere die Medien würden „strukturell und gewissermaßen ungewollt die Unwahrheit“ sagen und im Rahmen eines von „Anpassungsmoralismus“ geprägten „Volkserziehungsprojekts“ scheiternde ideologische Projekte stützen, anstatt sie zu hinterfragen.
  • Progressive Eliten würden zudem die Trennung Deutschlands von seinen im Christentum liegenden geistigen Wurzeln weiter vorantreiben. Der Herausforderung durch den „religiösen Ernst“ des Islams begegneten sie mit einem „seltsamen Selbsthass, der alles, was nach christlicher Tradition aussieht, unter dem Deckmantel der multikulturellen Fairness verleugnet“.

Eine Selbstkorrektur sei unter diesen Umständen nicht mehr zu erwarten. Um den mit dem Scheitern moderner Ideologien verbundenen Herausforderungen zu begegnen, sei daher eine Erneuerung des christlichen Konservatismus erforderlich.

Perspektiven der Erneuerung des christlichen Konservatismus

Weil christlicher Konservatismus in Deutschland gegenwärtig weder in organisierter Form vorhanden noch gesellschaftlich anerkannt sei, müsse er zunächst wiederbegründet werden. Parteien könnten diese Aufgabe nicht leisten, da Konservatismus eine geistige Haltung sei, die auf einer bestimmten Kultur und von ihr geprägten vorpolitischen Institutionen beruhe.

Die Erneuerung des christlichen Konservatismus setze darüber hinaus die Rekonstitution einer konservativen Elite voraus, die dem Wirken progressiver Eliten angemessen begegnen könne. Den Vertretern des Status Quo falle es gegenwärtig auch deshalb leicht, Kritik abzutun, weil Gegenpositionen häufig grob, unbeholfen und mit einem hohen Grad an Emotionalität durch Menschen vorgetragen würden, die primär aus Ohnmachtsgefühlen heraus handelten und nur selten über die kulturellen Voraussetzungen verfügen würden, die zur Erneuerung der Kultur erforderlich seien.

Die Kulturbotschaft des christlichen Konservatismus

Greiner erklärt, er habe sich vor allem aufgrund der Erfahrung der „bedeutenden Kunstwerke unserer reichen Vergangenheit“, angesichts derer „allzuviele Manifestationen der Gegenwart unerheblich“ seien, vom agnostischen Linksliberalen zum christlichen Konservativen entwickelt.

Es war die ehrfurchtgebietende Geschichte der christlichen Kultur samt ihren wunderbaren Werken der Architektur, der Musik und der bildenden Kunst, die mich allmählich nachdenklich stimmten und mich schließlich darauf brachten, dass dieser seitdem nie übertroffene Reichtum an Schönheit und gedanklicher Tiefe etwas mit seiner Ursprungsidee, also mit der christlichen Botschaft, zu tun haben müssen.

Christlicher Konservatismus solle vor diesem Hintergrund zur Gewinnung der Menschen verstärkt die Tiefenerinnerung an die oft nicht mehr bewussten christliche Bezüge deutscher und europäischer Kultur freilegen, die alles prägen würden, was in diese Kulturen wertvoll sei. (ts)

1 Kommentar

  1. Greiners Beobachtungen sind für uns zwar richtig, aber natürlich kalter Kaffee.
    Bedeutsam werden sie allerdings dadurch, dass sie von jemandem vorgebracht werden, ja bis in den „Deutschlandfunk“ hinein präsentiert werden, der sozusagen zum inneren Zirkel des bundesdeutschen „Kulturlebens“ gehört (hat).
    Ob er heute noch dazu gehört?

    Man sehnt sich danach, seine Äußerungen, sein offenbar ganz gutes Buch als Anzeichen einer beginnenden Trendwende zu sehen. Ob das berechtigt ist, kann heute noch nicht gesagt werden.
    Der Mann ist heute allerdings mit nun schon 72 Jahren schließlich längst in Rente.

    Greiner gehört zu jener kleiner Gruppe ehemaliger liberaler Mitglieder des Medienbetriebs, denen nach langen Jahren des Mitmachens und Niedermachens der konservativen Gegner nun, wo sie selbst an der Schwelle zum Alter stehen – und wo sie vielleicht ein Spur von Altersweisheit erreicht haben – angesichts des Übermaßes der Zerstörung, der Dekonstruktion, der düsteren Zukunft und der totalitär gewordenen Einseitigkeit als Folges des linksliberalen Triumphes nun spät, sehr spät, etwas unbehaglich zu werden beginnt …

    Schöne Worte schreibt er da, sicherlich:
    „Es war die ehrfurchtgebietende Geschichte der christlichen Kultur samt ihren wunderbaren Werken der Architektur, der Musik und der bildenden Kunst, die mich allmählich nachdenklich stimmten und mich schließlich darauf brachten, dass dieser seitdem nie übertroffene Reichtum an Schönheit und gedanklicher Tiefe etwas mit seiner Ursprungsidee, also mit der christlichen Botschaft, zu tun haben müssen.“

    Und doch ist nun schon so viel abgeräumt und zerstört, dass Erkenntnis als erster Schritt zu Besserung zwar schön, aber längst nicht ausreichend ist.

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