Soziologe Wolfgang Streeck: Willkommenskultur als säkulare Ersatzreligion

Nicolas Poussin - Die Anbetung des Goldenen Kalbs (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln tätige Soziologe Wolfgang Streeck ist vor allem durch seine Analyse der inneren Auflösungsprozesse liberaler westlicher Gesellschaften bekannt geworden. In einem aktuellen Beitrag in der Wochenzeitung Die Zeit hat er die inneren moralischen Widersprüche der „Willkommenskultur“ in Deutschland untersucht. In diesem Zusammenhang beschreibt er auch die ersatzreligiösen Züge der hinter dieser Kultur stehenden geistigen Strömungen.

  • Es falle auf, dass die Vertreter der „Willkommenskultur“ sich je nach Zusammenhang ökonomisch, bevölkerungspolitisch, moralisch oder humanitär rechtfertigen würden, wobei diese Rechtfertigungsansätze meist im Widerspruch zueinander stehen würden. Sie würden zudem meist auf offensichtlich unzutreffenden Annahmen und Behauptungen beruhen.
  • Ein besonders offensichtlicher innerer Widerspruch sei der zwischen antirassistischen Rechtfertigungen offener Grenzen einerseits und dem in Verbindung damit vertretenen biologistischen, „xenophil-rassistischen“ Vielfaltsbegriff mit seiner rein „pigmentpolitisch gemeinten Buntheit“ andererseits.

Streeck erklärt diese Widersprüche damit, dass es den Vertretern der „Willkommenskultur“ nicht um die von ihnen angegebenen Motive gehe. Die „Willkommenskultur“ sei statt dessen Ausdruck einer säkularen Zivilreligion, die Erlösung von der als schuldhaft betrachteten eigenen Existenz durch das Fremde suche.

Im Rückblick erscheint der Spätsommer 2015 wie ein erstaunliches gemeinschaftliches Bußritual, eine quasikultische Selbstreinigungsaktion zur Entlastung des schlechten Gewissens wegen des eigenen bürgerlichen Wohlergehens. Dabei scheint im kollektiven Unterbewussten durchaus so etwas wie der Foucaultsche Gedanke wirksam gewesen zu sein, wonach die Versorgung der „eigenen“ Bevölkerung das Sterben der anderen in dem Sinne verschuldet, als sie dieses nicht beendet. Nach dem Überschäumen der Gefühle im zivilreligiösen Ritual, in dem es, wie bei Durkheim nachzulesen, auf expressive Gemeinschaftsbildung ankommt und nicht auf instrumentelle Ergebnisse, ist nun freilich der – flüchtlingsfreie – Alltag zurückgekehrt.

Bewertung

Die Analyse Streecks stimmt mit den Beobachtungen Sophie Dannenbergs überein, die in der aktuellen Ausgabe des Magazins Cicero säkularen Ideologien anhängende Migrationsaktivisten innerhalb der Kirche beschrieben hatte. Diese würden irregulären Migranten die pseudo-heilgeschichtliche Funktion zuschreiben, „uns alle zu erlösen, von unserer eigenen blöden Kultur“.

Auch wenn in modernen Gesellschaften religiöse Bindungen schwächer werden, besteht in ihnen dennoch eine ideologisierte Vorstellung von Sünde in Form von Konzepten wie „Rassismus“ weiter. Diese ist jedoch in vielerlei Hinsicht verzerrt, was sich auch daran zeigt, dass sie sich im Fall des gegen jegliche Parteinahme für das Eigene gerichteten Rassismus-Vorwurfs auch auf die geordnete Selbstliebe erstrecken, zu der Christen verpflichtet sind.

Zudem gibt es in säkularisierten Vorstellungen von Sünde keine Möglichkeit der Vergebung. Ihre Antwort auf die erwähnten Pseudo- und Quasisünden beschränkt sich auf autoaggressives Verhalten und das Streben nach Selbstauslöschung. Somit verbirgt sich hinter der „Willkommenskultur“ ein lebensfeindlicher Impuls, der sie zu einem Teil dessen macht, was Johannes Paul II. als „Kultur des Todes“ bezeichnete. (ts)