Philosoph Christoph Türcke: Postheroischer Säkularismus und geistige Wehrunfähigkeit

Thomas Couture - Die Römer der Verfallszeit (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Philosoph Christoph Türcke lehrte bis zu seiner Emeritierung 2014 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. In der Süddeutschen Zeitung hat er sich vor dem Hintergrund islambezogener Herausforderungen für Europa mit der geistigen Wehrunfähigkeit des postheroischen Säkularismus und der von ihm geprägten Gesellschaften auseinandergesetzt.

In diesem Zusammenhang kritisiert er vor allem Versuche der moralischen Selbstvergewisserung in diesen Gesellschaften, die ihre Schwäche und ihren Unwillen zur Selbstverteidigung dadurch zu überdecken versuchten, dass sie die Taten islamistischer Angreifer als „feige“ bewerten.

Man soll nicht wahrnehmen, dass sich da Leute überwunden haben, für einen höheren Zweck ihr Leben herzugeben. Denn dann müsste man sich auch fragen: Gibt es etwas, wofür ich das tun würde? Wie steht es in der westlichen Welt mit höheren Zwecken? […] Zwar findet die überwiegende Mehrheit die Demokratie nach wie vor gut. Aber wie viele würden für demokratische Prinzipien gar ihr Leben einsetzen?

Das Handeln radikaler Muslime konfrontiere westliche Gesellschaften damit, dass die von ihnen betonten abstrakten Werte wie Freiheit oder Toleranz kaum belastbar seien, weil sie nicht auf Absolutheiten beruhen würden und daher keine Opferbereitschaft mobilisieren könnten.

Der islamistische Terror legt den Finger in die Wunde der „postheroischen Gesellschaft“, die von Herfried Münkler und anderen Interpreten konstatiert wird und die vorerst nur im Westen gedeiht. Sie hängt Staat und Nation nicht mehr so hoch, dass man sich dafür in Militärdienst und Zivilleben aufopfern müsste. Opfer sind ihr suspekt. Die Urbedeutung von „heroisch“ aber ist „opferbereit“. Der Heros war ursprünglich der junge Mann, der der griechischen Muttergöttin Hera dargebracht wurde. „Herakles“ heißt wörtlich „der von Hera Berufene“ (zum Opfer). Das war eine sakrale Berufsbezeichnung, ehe daraus der Eigenname eines Kämpfers wurde, der die größten Widrigkeiten überwand, bis er schließlich am Altar der Gottheit verbrannte.

Es sei eine Illusion postheroischer Gesellschaften anzunehmen, dass sie ohne solche Opferbereitschaft aufrechterhalten werden könnten. Indem sie den „Typus des allzeit opferbereiten Soldaten und Staatsbediensteten“ grundsätzlich ablehnten, würden sie auch Vorbilder dienenden Lebens „regelrecht eliminieren“. Die Folge sei, dass diese Gesellschaften zunehmend von „infantil Gebliebenen“ geprägt seien.

Bewertung und Folgerungen

Aus sich selbst heraus sind säkulare Gesellschaften kaum in der Lage, ein Ethos des schützenden Dienstes hervorzubringen, das über individuelle Nutzenerwägungen hinaus Opferbereitschaft erzeugen kann. Dies belegen auch Umfragen, denen zufolge nur noch rund ein Fünftel der Westeuropäer dazu bereit wären, ihre Heimat zu verteidigen, während die Werte in islamisch geprägten Gesellschaften zwischen siebzig und neunzig Prozent erreichen.

  • Um ihre Verteidigung sicherzustellen, müssen freiheitliche, säkulare Gesellschaften über ein ausreichend großes Potential von Menschen zurückgreifen können, die von Absolutheiten ausgehen, die von ihnen als wertmäßig über dem eigenen Leben stehend wahrgenommen werden und den freiwilligen Einsatz des eigenen Lebens rechtfertigen können. Solche Absolutheiten sind jedoch letztlich nur religiös zu begründen. was in westlichen Gesellschaften nur das Christentum in relevantem Maße leisten kann.
  • Eine Alternative dazu wären zivilreligiöse Ansätze, die dem Staat oder dem Gemeinwesen eine transzendente Rolle zuweisen und es dadurch an die Stelle Gottes setzen, was sie zu Pseudoreligionen macht. Ihre Führungen sehen sich zudem häufig keiner höheren Pflicht und Bindung unterworfen, was sie oft verantwortungslos handeln lässt. Zudem haben Zivilreligionen stets eine totalitäre Tendenz. Als Alternative fallen sie daher aus.

Freiheitliche säkulare Gesellschaften sind daher auch was ihre Verteidigung angeht auf eine christliche Grundlage angewiesen, die ihre Führungen an höhere Pflichten und die Vorstellung eines Gemeinwohls bindet. Sie sind zudem darauf angewiesen, dass es in ihnen genügend zum schützenden Dienst am Gemeinwesen bereite Menschen gibt. Dieser kann für Christen eine Form des Dienstes am Nächsten sein, solange er im richtigen Rahmen auf die richtige Weise ausgeübt wird:

Solange allerdings „die Gefahr von Krieg besteht […] kann man, wenn alle Möglichkeiten einer friedlichen Regelung erschöpft sind, einer Regierung das Recht auf sittlich erlaubte Verteidigung nicht absprechen.“ […] Die staatlichen Behörden haben in diesem Fall das Recht und die Pflicht, den Bürgern die zur nationalen Verteidigung notwendigen Verpflichtungen aufzuerlegen. Diejenigen, die sich als Militärangehörige in den Dienst ihres Vaterlandes stellen, verteidigen die Sicherheit und Freiheit der Völker. Wenn sie ihre Aufgabe richtig erfüllen, tragen sie zum Gemeinwohl der Nation und zur Erhaltung des Friedens bei.

Moderne Gesellschaften, die sich von ihren christlichen Wurzeln abwenden, werden verwundbar. Es mangelt ihnen nicht nur zunehmend an im Sinne des christlichen Konzepts des Gemeinwohls verantwortlich handelndem politischem Führungspersonal, und an kultureller Substanz, die es wert wäre, verteidigt zu werden. Wie die erwähnten Umfragen zeigen, mangelt es ihnen vor allem auch an Verteidigern, da die von modernen Ideologien kulturell geprägten Menschen im Ernstfall kaum dazu bereit, Risiken im Dienst für andere oder das Gemeinwesen auf sich zu nehmen. (ts)

3 Kommentare

  1. Ronald M. Hahn und Volker Jansen schrieben über den Kultwestern „Der Schwarze Falke“, welcher an der texanischen Indianergrenze nach den Sezessionskrieg spielt, dass John Wayne zwar einen mörderisch-brutalen Reaktionär spielt, er aber dennoch eine Art Held ist, weil er die Realität jener Zeit und Region wiederspiegelt. Dem möchte ich hinzufügen: An der texanischen Frontier der 1860er Jahre hing das Überleben jeder Gemeinde davon ab, ob sie über genügend mörderisch-brutale Reaktionäre verfügte.

  2. @Attila Varga
    Danke für den Filmhinweis.Vielleicht sollte man man solche Rollenvorbilder einmal sammeln, schon weil die meisten normalen Bürger gar nicht wüssten, welche Art von Habitus und Haltung solche Lagen erfordern.

    • Lieber Morbrecht,
      da offenbar in linken Kreisen Filme beworben werden, in denen möglichst viele Deutsche ( nicht Nazis) getötet werden, kann man ja auch Filmlisten aufstellen, die sich nicht nach diesem Qualitätskriterium richten. Leider gibt es keine zeitgenössischen deutschen, ungarischen usw. Filme, die uns da weiterhelfen können und auch Clint Eastwood würde heute keinen Film mehr wie „Der Texaner“ drehen. In diesem Streifen werden zwar die Comanchen menschlich und fair dargestellt, am Ende findet eine Art Versöhnung zwischen Anhängern der Union und der Konföderation statt, doch Clint Eastwoods Held, ein Missouri-Partisan der Südstaatler, wird positiv dargestellt und die Frage der Sklaverei gar nicht behandelt- die hatte zwar in Wirklichkeit mit dem Ausbruch des Bürgerkriegs nur wenig zu tun, aber auch hier wurde die Geschichtsschreibung inzwischen von störenden Tatsachen gesäubert.
      Unsere türkischen Freunde sind da weiter, da werden patriotische Spielfilme gedreht und die Kultserie „Tal der Wölfe“ stellt ausgesprochen professionell und zeitnah das aktuelle Geschehen aus neo-osmanischer Sicht dar…Tja, so ist das bei Völkern, die zwar auch den I. Weltkrieg verlieren, sich aber ihr Geschichtsbild nicht von anderen vorschreiben lassen.

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