Soziologe Thomas A. Becker: Die Globalisierung erzeugt kulturelle Konflikte in Europa

Pieter Bruegel der Ältere - Turmbau zu Babel (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Soziologe Thomas A. Becker ist Unternehmensberater und war zuvor Leiter des Bereichs Forschung am Gottlieb-Duttweiler-Institut in der Schweiz. In der Neuen Zürcher Zeitung beschreibt er, wie die Globalisierung und die ihr zugrundeliegende Ideologie ethnische und kulturelle Konflikte in europäischen Gesellschaften erzeugen würden.

  • Er kritisiert das Leitbild der Politik vieler westlicher Staaten, das davon ausgehe, dass kulturelle Identität ein beliebig veränderbares soziales Konstrukt darstelle, und dass der „gemeinsame Konsum von Waren und Dienstleistungen aller Art zu gemeinsam geteilten Identitäten führt“.
  • Bei dieser Vorstellung handele es sich jedoch um eine Illusion, da sich vor allem muslimische „Migranten mit starken kollektiven und moralischen Identitäten“ nicht wie erwartet in der angestrebten Einheitskultur auflösen würden. Anstelle der erwarteten Integration wären zunehmend die Bildung von Parallelgesellschaften sowie das Erstarken radikaler ethnischer und religiöser Akteure bei bestimmten Migrantengruppen zu beobachten.
  • Dieses Leitbild sei zudem auch deshalb falsch, weil es mit einer „Demontage der Unterscheidungsfähigkeit“ verbunden sei und die entsprechenden Gesellschaften dadurch zunehmend hilflos gegenüber den Herausforderungen mache, denen sie gegenüberstehen.

Die Globalisierung bringe nicht die angestrebte Einheitskultur hervor, sondern erzeuge Identitätsunsicherheit bei allen Beteiligten. Dabei sei zunehmend das zu beobachten, was die Soziologen Stuart Hall und Zygmunt Bauman als „Gegenidentifikation“ bezeichnet hätten.

Je stärker kulturelle und ethnische Identität durch die Globalisierung unter Vereinheitlichungsdruck geriete, desto stärker würden auch Gegenkräfte in Form radikaler ethnischer und religiöser Bewegungen hervortreten. Dies werde künftig auch in Europa zu entsprechenden Konflikten führen.

Hintergrund und Bewertung

Globalisierungsgetriebene Krisentendenzen und ihre Auswirkungen auf Europa in Form eines steigenden Risikos ethnischer und kultureller Konflikte hatten zuletzt unter anderem auch der Sozialgeograph Christophe Guilluy, der Soziologe Wolfgang Streeck, der Historiker Caspar Hirschi, der Politikwissenschaftler Fareed Zakaria und der Publizist Pankraj Mishra beschrieben.

Becker bezeichnet Naika Foroutan, eine an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrende Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik, als das „intellektuelle Gravitationszentrum“ des von ihm kritisierten Leitbildes in Deutschland. Dieses sei auch die Grundlage des kulturverleugnenden politischen Handelns, für das etwa die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, stehe.

  • Dass die zu diesem Leitbild bzw. seinen Annahmen und Prognosen gegenläufige reale Entwicklung keinerlei Auswirkungen auf die es begründende akademische Arbeit hat, zeigt, dass es sich dabei nicht um Wissenschaft, sondern um Zweckforschung handelt. Diese soll in erster Linie politische Entscheidungen legitimieren und wird auch deshalb zunehmend staatlich gefördert.
  • Zudem trägt diese Arbeit eher aktivistische als wissenschaftliche Züge, da es dabei nicht um die Suche nach Wahrheit bzw. um das Verständnis der Wirklichkeit geht. Ihr Anliegen ist statt dessen die revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft im Sinne eines utopischen Gleichheitsideals auf Grundlage eines irrationalen neomarxistischen Menschenbildes, das die natürlichen Bindungen des Menschen entweder für irrelevant hält oder sie entgegen der Natur des Menschen aufzulösen versucht.

Die hinter dieser Form von Globalisierung stehende, nach kultureller Auflösung strebende utopische Ideologie trägt bislang keinen Namen. Robert Kardinal Sarah bezeichnete sie als „Globalismus“. Wie alle utopischen Ideologien muss auch sie an der von ihr geleugneten Wirklichkeit scheitern, was mit größeren Verwerfungen in den betroffenen Gesellschaften verbunden sein wird. (ts)