Sophie Dannenberg: Die geistige Lage und Krise des Christentums in Deutschland

Karl Friedrich Schinkel - Gotischer Dom am Wasser (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

In der aktuellen Ausgabe des Magazins Cicero analysiert die Schriftstellerin Sophie Dannenberg die geistige Lage des Christentums in Deutschland und beschreibt damit verbundene Krisentendenzen.  Beide Konfessionen seien zunehmend durch das Eindringen säkularer utopischer Ideologien geprägt, welche die ursprünglichen Inhalte der Religion verdrängen und ersetzen würden. Zudem seien diese Ideologien weitestgehend glaubensfern und hätten keine transzendenten Bezüge. Die Kirche entwickele sich dadurch zu einer säkularen aktivistischen Vereinigung und werde in dieser Form weder ihren eigentlichen Auftrag erfüllen können noch eine Zukunft haben.

Sie stellt in ihrer Analyse vier wesentliche Krisentendenzen innerhalb der Kirche in Deutschland fest, die beide große Konfessionen betreffen würden.

  • Ideologisierung und staatskirchliche Tendenzen: Dem an der Freien Universität Berlin lehrenden Extremismusforscher Klaus Schroeder zufolge sei die evangelische Kirche „eindeutig dem linken Spektrum zuzuordnen“, und er beobachtet entsprechende Tendenzen auch in der katholischen Kirche. Das Wirken beider Konfessionen stelle laut Dannenberg zunehmend eine „Apologie politischen Handelns“ dar. Es gäbe Tendenzen zur Herausbildung einer Staatskirche, die das Handeln der Regierung nachträglich religiös legitimiere und etwa die Aufhebung des Schutzes der Grenzen 2015 zu einem Akt des Glaubens erklärt habe. Gleichzeitig wachse die finanzielle Abhängigkeit der Kirche vom Staat. Man unterwerfe sich weltlichen Ideologien, gegenüber denen Skepsis als Tabu gelte, und weiche Konflikten, etwa mit radikalen Tendenzen im Islam, aus. Gleichzeitig pflege man eine kritische und unangepasste Pose.
  • Verdrängung von Theologie, Tradition und Verantwortung durch Suche nach positiven Gefühlen: Säkulare Aktivisten, welche die Kirche zunehmend prägen, wollten in erster Linie „keine verknatterten Konservativen sein, sondern mindestens so hip wie alle anderen“. Sie würden die Bibel nach Schlagworten durchsuchen, mit denen sie ihren Aktivismus losgelöst von jeglichem Kontext und jeglicher Theologie oder Tradition zu rechtfertigen versuchen. Verantwortung spiele dabei keine Rolle, sondern es stehe der Wunsch nach einem Gefühl des Gutseins im Vordergrund. Dies gelte insbesondere für die aktuelle Welle von Migrationsaktivismus. Das Gemeinwohl spiele hier keine Rolle, und auch die Migranten selbst seien in erster Linie „Präsentationsobjekte“, die dem Zweck dienen, eine „Welle der Dankbarkeit, die warm auf sie, die Helferinnen, zurückrauscht“, zu erzeugen. Dahinter verberge sich letztlich eine Form von Egoismus, die auf Kosten des Gemeinwohls emotionale Bestätigung und sozialen Status anstrebe. Sünder seien in dieser Ideologie zudem immer andere Menschen, niemals man selbst.
  • Flucht vor dem Eigenen: Die euphorisiert-naive Sprache kirchlicher Migrationsaktivisten, die Migranten eine quasi-heilgeschichtliche Funktion zuschreibe und in ihnen bessere Menschen sähe, offenbare dabei „deren ontologische Funktion, uns alle zu erlösen, von unserer eigenen blöden Kultur“.
  • Verdrängung des Glaubens durch Aktivismus und Ideologie: Transzendenz und Glaube würden in der sich herausbildenden Verfallsform des Christentums praktisch keine Rolle spielen. „Neue Götter“ würden an Stelle des ewigen Gottes treten, etwa ein „Gender-Gott“ und ein „Antirassismus-Gott“ als höchste geistige Bezugspunkte. Die Kirche würde ihre CO2-Bilanz besser kennen als das Evangelium. Sie zitiert Aktivisten, die im Gespräch mit ihr äußerten, dass sie „eigentlich nicht“ beten würden, und dass Glaube für sie allenfalls eine sekundäre „Zusatzmotivation“ sei. Man könne ebensogut bei Attac oder den Grünen aktiv sein. Geistliche Fragen und alles, was die Seele des Menschen beträfe, werde praktisch nicht mehr thematisiert, auch weil es nicht verstanden werde und als fremd erscheine. Die Kernaussage der neuen Religion, die im Gewand des Christentums auftrete, sei: „Trennt den Müll und seid nett zueinander.“

Insgesamt sei zumindest das öffentlich-rechtliche Christentum in Deutschland „ermattet“:

Die Christen sind müde geworden, sie haben vergessen, wer sie sind. Sie retten keine Seelen mehr, nur noch die ganze Welt.

Bewertung und Folgerungen

Die Soziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton beschrieben die von Dannenberg am Beispiel Deutschlands dargestellte Verfallsform des Christentums 2005 als „Moralistic Therapeutic Deism“ (MTD). Ihre diebezügliche Studie bezog sich auf Jugendliche in den USA, aber das Phänomen ist im gesamten europäisch-geprägten Kulturraum zu beobachten. Andere Autoren hatten daran anknüpfend beschrieben, wie sich das Christentum bei Versuchen, für Menschen moderner Gesellschaften leichter konsumierbar zu werden, zunehmend irrelevant mache und auflöse.

Papst Benedikt XVI. bzw. Joseph Ratzinger hatte diese Entwicklung bereits im Jahre 1958 erkannt:

Dieses dem Namen nach christliche Europa ist seit rund vierhundert Jahren zur Geburtsstätte eines neuen Heidentums geworden, das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen her auszuhöhlen droht.

Die Kirche sei zunehmend bestimmt „von Heiden, die sich noch Christen nennen, aber in Wahrheit zu Heiden wurden“.

Im Jahre 1970 sagte Ratzinger das Scheitern dieser Verfallsform des Christentums voraus:

Eine Kirche, die in politischen „Gebeten“ den Kult der Aktion feiert, brauchen wir nicht. Sie ist ganz überflüssig. Und sie wird daher ganz von selbst untergehen. […] So scheint mir gewiss zu sein, dass für die Kirche sehr schwere Zeiten bevorstehen. Ihre eigentliche Krise hat noch kaum begonnen. Man muss mit erheblichen Erschütterungen rechnen.

Es werde nur das Christentum eine Zukunft haben, das „tiefe Wurzeln“ hat:

Die Zukunft der Kirche kann und wird auch heute nur aus der Kraft derer kommen, die tiefe Wurzeln haben und aus der reinen Fülle ihres Glaubens leben. […] Sie wird nicht von denen kommen, die nur dem jeweiligen Augenblick sich anpassen. […] Die Zukunft der Kirche wird auch dieses Mal, wie immer, von den Heiligen neu geprägt werden. Von Menschen also, die mehr wahrnehmen als die Phrasen, die gerade modern sind. Von Menschen, die deshalb mehr sehen können als andere, weil ihr Leben weitere Räume umfasst. […] Bleiben wird die Kirche Jesu Christi. […] Nicht die Kirche des politischen Kultes, die schon in Gobel gescheitert ist, sondern die Kirche des Glaubens.

Die Zukunft des Christentums liege in kleinen entschlossenen Gemeinschaften, die sich innerlich von den Verfallsformen des Christentums abgrenzen:

Aus der Krise von heute wird auch dieses Mal eine Kirche morgen hervorgehen, die viel verloren hat. Sie wird klein werden, weithin ganz von vorne anfangen müssen. Sie wird viele der Bauten nicht mehr füllen können, die in der Hochkonjunktur geschaffen wurden. Sie wird mit der Zahl der Anhänger viele ihrer Privilegien in der Gesellschaft verlieren. Sie wird sich sehr viel stärker gegenüber bisher als Freiwilligkeitsgemeinschaft darstellen, die nur durch Entscheidung zugänglich wird. Sie wird als kleine Gemeinschaft sehr viel stärker die Initiative ihrer einzelnen Glieder beanspruchen. […] Es wird eine verinnerlichte Kirche sein, die nicht auf ihr politisches Mandat pocht und mit der Linken so wenig flirtet wie mit der Rechten. Sie wird es mühsam haben. […] Der Prozess wird lang und mühsam sein, so wie ja der Weg von den falschen Progressismen am Vorabend der Französischen Revolution, bei denen es auch für Bischöfe als schick galt, über Dogmen zu spotten und vielleicht sogar durchblicken zu lassen, dass man auch die Existenz Gottes keineswegs für sicher halte, bis zur Erneuerung des 19. Jahrhunderts sehr weit war.

Nach dem Scheitern der säkularen utopischen Ideologien der Moderne würden diese Gemeinschaften gebraucht werden:

Aber nach der Prüfung dieser Trennungen wird aus einer verinnerlichten und vereinfachten Kirche eine große Kraft strömen. Denn die Menschen einer ganz und gar geplanten Welt werden unsagbar einsam sein. Sie werden, wenn ihnen Gott ganz entschwunden ist, ihre volle, schreckliche Armut erfahren. Und sie werden dann die kleine Gemeinschaft der Glaubenden als etwas ganz Neues entdecken. Als eine Hoffnung, die sie angeht, als eine Antwort, nach der sie im Verborgenen immer gefragt haben.

Dannenberg deutet in ihrer Analyse an, dass es solche Gemeinschaften schon jetzt in beiden Konfessionen gibt. Sie zeichneten sich dadurch aus, dass sie nicht ein bloßes konservatives Gegenstück zu säkular-progressiven Strömungen darstellten, sondern dadurch, dass es in ihnen in erster Linie um Fragen des Glaubens und der Seele des Menschen ginge. Wie auch Benedikt XVI. sagte, sei dies die Voraussetzung dafür, dass im zweiten Schritt Gläubige richtig und angemessen in der Welt handelten und den Herausforderungen für die Menschen und das Christentum begegnen könnten. (ts)

3 Kommentare

  1. Ausgezeichneter Artikel. Danke!

    Ja, auf den Irrweg der Verweltlichung kann es als heilsamen Ausweg nur die Verinnerlichung geben.

    • @Waldgänger
      Vielen Dank, wobei der eigentliche Dank Frau Dannenberg gebührt, denn sie hat die Lage ja so gelungen beschrieben.

  2. Ja, die gute Frau Dannenberg hat einen sehr gelungenen Beitrag verfasst, wobei die Leserschaft des Cicero gar nicht so klein ist. In der aktuellen Ausgabe des Tumult findet sich auch einiges zu Glaubensfragen, das erwähnenswert wäre. Aber wieviele Menschen in Deutschland interessieren sich überhaupt für solche Fragen? Und wenn es zehntausend unter achtzig Millionen wären, wäre ihre Zahl immer noch zu gering.

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