Thomas D. Williams: Innere Sicherheit und Migration aus katholischer Sicht

Ambrogio Lorenzetti - Allegorie der guten Regierung (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Moraltheologe Thomas D. Williams ist Professor für katholische Soziallehre am Päpstlichen Athenaeum Regina Apostolorum in Rom. In einem aktuellen Beitrag stellt er Aussagen der Soziallehre zu den Fragen der inneren Sicherheit im Zusammenhang mit der Herausforderung durch Migration vor. Anlass dafür sind Darstellungen in manchen Medien, denen zufolge Papst Franziskus dazu die Position vertrete, dass die Forderung eines Migranten nach Einreise in ein Land Vorrang vor den Sicherheitsinteresse dieses Landes habe.

Williams stellt diesbezüglich klar, dass solche Interpretationen auf einem Missverständnis bzw. Unkenntnis des Kontextes der Worte des Papstes beruhen würden. Dieser Kontext sei die katholische Soziallehre und das, was sie über die Pflichten des Staates gegenüber dem Gemeinwohl sage.

Staaten und Regierungen hätten insbesondere die Pflicht, die Bedingungen sicherzustellen, die für das materielle und geistliche Wohl der einzelnen Menschen und der Familien erforderlich sind, die dem Gemeinwesen angehören. Sicherheit sei dabei ein zentraler Bestandteil des Gemeinwohls, wie im Katechismus der Katholischen Kirche betont wird:

Zum Gemeinwohl gehört schließlich der Friede, das heißt die Dauerhaftigkeit und Sicherheit einer gerechten Ordnung. Es setzt somit voraus, daß die Autorität durch rechte Mittel die Sicherheit der Gesellschaft und deren Glieder gewährleistet. Es begründet das Recht auf persönliche und kollektive Selbstverteidigung.

Jegliche Äußerungen von Papst Franziskus oder anderen Kirchenvertretern erfolgten grundsätzlich vor diesem Hintergrund und seien in diesem Kontext zu interpretieren. Zudem habe Papst Franziskus sich in der Vergangenheit konsequent im Sinne des Schutzes des Gemeinwohls auch im Zusammenhang mit Migrationsfragen geäußert:

Hintergrund

Katholische Positionen zum Umgang mit der Herausforderung durch Migration haben wir hier zusammengestellt. Sie beruhen auf den Erfahrungen von drei Jahrtausenden der Suche nach den Voraussetzungen gelingenden Lebens von Menschen und Gesellschaften. Sie alle betonen auf Grundlage der Soziallehre, dass die Pflicht eines Staates zum Schutz des Gemeinwohls dem Anspruch von Migranten auf Einreise und Aufenthalt in einem Staat übergeordnet sein müssten. Hier nur einige der wichtigsten Positionen:

  • Katechismus der Katholischen Kirche (1992 von Papst Johannes Paul II. approbiert): Ein Gemeinwesen solle nach seinen Möglichkeiten auch Fremden in Not helfen, aber ein Migrant hätte als Gast auch Verpflichtungen gegenüber seinen Gastgebern, etwa „das materielle und geistige Erbe seines Gastlandes dankbar zu achten, dessen Gesetzen zu gehorchen und die Lasten mit zu tragen.“
  • Thomas von Aquin (der bedeutendste Philosoph unter den Kirchenlehrern, der u.a. die Soziallehre wesentlich beeinflusst hat): Der Umgang mit Fremden sei gemäß der Erfordernisse des Gemeinwohls zu gestalten. Eine Präsenz von Fremden, die mit Bedrohungen für die Sicherheit eines Gemeinwesens verbunden sei, schade dem Gemeinwohl und sei daher moralisch abzulehnen.
  • Papst Johannes Paul II: Staaten seien sittlich verantwortlich, eine “Kontrolle der Zuwanderungsströme unter Berücksichtigung der Erfordernisse des Gemeinwohls durchzuführen. Die Aufnahme muß immer unter Einhaltung der Gesetze erfolgen und daher, wenn nötig, mit der Ausschaltung von Mißbräuchen einhergehen.“ Es müsse zudem das „besondere kulturelle Erbe jeder Nation bewahrt werden“.

Vor diesem Hintergrund kann man der Soziallehre der katholischen Kirche kaum unterstellen, die Sicherheit von Staaten im Zuge der Verfolgung utopischer politischer Anliegen zu gefährden, wie es manche ihrer Kritiker tun. Gleichzeitig wird vor diesem Hintergrund aber deutlich, dass Versuche, diese Lehre für solche eben solche Ideologien zu instrumentalisieren, in dieser Lehre keine Grundlage finden. (ts)