EU-Terrorismuskoordinator: Militanter Islamismus bleibt langfristig Bedrohung für Europa

Józef Brandt - Die Schlacht von Wien (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Gilles de Kerchove studierte Rechtswissenschaften an der Katholischen Universität Löwen in Belgien und ist derzeit als Koordinator für die Terrorismusbekämpfung der Europäischen Union tätig. Vor einigen Tagen äußerte er sich zu aktuellen Entwicklungen im Zusammenhang mit der Bedrohung Europas durch militante Islamisten.

  • In der EU gäbe es gegenwärtig mindestens 50.000 Personen, die dem militant-salafistischen Spektrum zuzurechnen seien. 25.000 davon würden in Großbritannien und 17.000 in Frankreich leben. Rund 5.000 militante Salafisten seien aus Europa in den Nahen Osten gereist, um dort als Kämpfer für den Islamischen Staat aktiv zu werden.
  • Die Bedrohung durch militante Islamisten sei hoch und nehme weiter zu. Militanter Islamismus werde in Europa zudem langfristig, d.h. über Jahrzehnte, eine Herausforderung bleiben.

Im diesem Zusammenhang äußerten sich jüngst auch andere Experten zur Lage, wobei sie durchweg eine Verschlechterung feststellten.

Bewertung und Folgerungen

In seinen Äußerungen begründet de Kerchove seine Prognose bezüglich der langfristigen Bedrohung Europas durch islambezogene politische Gewalt nicht näher. Sie wird jedoch durch die folgenden Beobachtungen gestützt.

  • Islamistische Strömungen werden nicht nur in Europa, sondern weltweit im Islam stärker. Wesentliche Gründe dafür sind ihr im Vergleich zu anderen Strömungen höherer Organisationsgrad sowie ihre finanzielle Unterstützung aus arabischen Golfstaaten. Außerdem sind sie auch religiös meist glaubwürdiger als jene Strömungen, die etwa europäische Regierungen zu fördern oder neu zu etablieren versuchen, weil sie mutmaßlich besser integrierbar sind.
  • Zahlreiche Untersuchungen zeigen zudem, dass der Grad der Integration von Muslimen in Europa mit der Dauer der Präsenz in Europa bei einem signifikanten Teil der Muslime eher ab- als zunimmt. Im Zuge des verbreiteten Scheiterns insbesondere jüngerer Muslime in Europa machen diese zunehmend europäische Gesellschaften für dieses Scheitern verantwortlich und wenden sich islamistischen Gegenentwürfen zu.
  • Im Zuge von Migration und demographischer Entwicklung nimmt das Potential kaum integrierbarer junger muslimischer Männer in Europa zudem weiter zu.

Aus diesen Entwicklungen ergibt sich langfristig ein erhebliches und tendenziell immer größer werdendes Potential islambezogener Militanz in Europa. Dieses wird die mit diesen Entwicklungen verbundenen zunehmenden Werte- und Verteilungskonflikte begleiten und sich nicht nur terroristisch äußern, sondern auch andere Formen politischer Gewalt umfassen.

Die gegenwärtig von den meisten westeuropäischen Staaten verfolgte Strategie, diesen Herausforderungen durch verstärkte Überwachung und Verfolgung militanter Islamisten einerseits sowie durch Versuche zur Verbesserung der sozioökonomischen Lage der muslimischen Bevölkerungen in Europa andererseits zu begegnen, greifen bislang nur unzureichend. Diese Strategie wird künftig zudem voraussichtlich in immer geringerem Maße greifen, da die dazu Verfügung stehenden Ressourcen zurückgehen, während die Herausforderungen parallel dazu zunehmen.

Christen und andere Nichtmuslime in Westeuropa werden im Zuge dieser Entwicklung zunehmend Bedingungen ausgesetzt sein, wie sie weltweit in vielen islamisch-geprägten Gesellschaften bereits jetzt zu beobachten sind. Der allgemeine Trend ist auch hier negativ und erfasst zunehmend auch Staaten wie Indonesien, das in der Vergangenheit vielfals als Erfolgsbeispiel für ein vergleichsweise friedliches Zusammenleben von Muslimen mit Nichtmuslimen angesehen wurde.

Günstiger wird die Entwicklung diesbezüglich hingegen voraussichtlich in Teilen Osteuropas verlaufen, wo die Strategie der Risikoprävention durch Steuerung von Migration sowie der präventiven Kontrolle der Präsenz von Risikogruppen wesentlich besser greift als die reaktiven Strategien westeuropäischer Regierungen. Das Risiko islamistischer Terroranschläge und anderer Formen islambezogener Militanz ist etwa in Polen, der Tschechischen Republik und Ungarn in Folge dieses präventiven Ansatzes deutlich geringer als in Westeuropa und wird voraussichtlich auch langfristig niedrig bleiben. (ts)

9 Kommentare

  1. So langsam verfängt die Argumentation nicht mehr, welche den westlichen Eliten Naivität, gutmenschelnde Realitätsverweigerung, Nächstenliebe oder ein zu rosiges Bild von Freiheit, Gleichhheit und Brüderlichkeit in Bezug auf die Migrationskrise unterstellt.
    Alle ernsthaften Prognosen sehen eine „Libanonisierung“ Westeuropas vorraus. Die Argumentation mit den fleißigen Arbeitskräften ist schon 2016 weitgehend verschwunden, das Demographieargument wird auch selten angeführt, da es die These vom Bevölkerungsaustausch untermauert. Dass sich die Migranten aus dem Orient nicht in inneneuropäische Politspielchen einspannen lassen, beweisen Artikel wie „Das katalanische Kalifat“ von Thomas Eppinger oder Erdogans Gebot, keine Parteien zu wählen, die zwar demütig im Staub der Unterwerfung kriechen, aber nicht tief genug.
    Also WAS treibt die Eliten an, die Feuerwehr in Urlaub zu schicken und den Waldbrand mit Benzin zu löschen? Und welcher Teufel reitet die Besitzer der Häuser am Waldrand, die in ihrer Mehrzahl zusehen und sich fragen, ob nicht viel mehr Benzin das Feuer löscht oder ob es helfen würde, das Benzin vorher zu kühlen?

      • Sehr geehrter Konservativer,

        muss leider gestehen, dass ich viel schlechter Englisch kann als Sie.
        Wäre für eine Übersetzung dankbar.

      • Sehr geehrter Konservativer,
        manchmal, wenn wir Ungarn zusammensitzen und bei einem Glas Wein das Weltgeschehen an uns vorbeiziehen lassen, ist ein neopaganischer Nostalgiker dabei, der, wenn es mehr als ein Glas war, auf den Tisch haut und sagt „… und den Deutschen, denen werden wir einmal die Schlacht auf dem Lechfeld heimzahlen!“
        Daraufhin erfolgt als Standardantwort ein Satz wie „Was könnten wir den Deutschen Schlimmeres antun, als sie sich selbst antun?“
        Ihr link beweist eindrucksvoll die Richtigkeit dieses Arguments. Auch unter den fanatischsten orientalischen Gotteskriegern lassen sich schwerlich Leute finden, die das deutsche Volk mehr hassen als diese dem deutschen Volk entsprossenen Netzwerker.

    • Vielleicht geht es ja darum, das ganze gegenwärtige politische System schuldig werden zu lassen.
      Je mehr Chaos, je mehr Bürgerkrieg, desto mehr haben sich die heute Mächtigen vor aller Welt diskreditiert. Das könnte dann den Weg frei machen für ganz neue Konzepte …

  2. Sehr geehrter Waldgänger

    Das erste Video ist eine deutsche Doku aus dem Kopp-Verlag, die erst kürzlich freigegeben wurde (siehe Intro).

    Das zweite die Live Version „Choir of Ancestors“ von der finnischen Musikgruppe Gazpacho

    Der Text in englisch (ich bin leider kein guter Übersetzer, vielleicht kann es ein anderer Leser tun):

    In the long line behind us of the fallen dominos
    Are the faceless men and women
    All the lives you will never know
    In the darkest nights I live through
    Hear them whisper in my dreams
    „We are the oak of a thousand branches
    and the roots have dug so deep“

    Hold on through your desert
    Oh hold on to the reins
    Oh hold on to wonder
    Our story in your veins

    Once we were children
    Above us burned the stars
    And now we come to you in your darkest hour
    As you are who we are

    We would stare into our fires
    As you have done tonight
    Let the ashes know what’s right
    Then you can decide

    „Hold on you know what we know
    Your dreams are our own
    You’ll find out in time“

    Oh hold on to memory
    Hold on to the edge
    Hold on to stories
    The decision that you made

    Oh find your direction
    Oh hang on for your life
    With yesterday just a blur of grey
    Spinning in the wheels of time

    The Great Wall of China
    Is going to crumble in the end
    And the graves that still surround it
    Echo countless wasted men

    In the brotherhood of factories
    Where the bonds are forged in steel
    By the hammer of redemption
    In the fires of gasoline

    So hold on to your brother
    Hold on to your team
    Oh fight your every hour ‚cause
    When it hurts you start to win

    Oh hold on to something
    You can do it if you try
    There’s a wedge between the will and when
    But the walls are closing in

    We were thrown out of our lives
    And across a great divide
    But as long as you hold on
    You keep us alive

    • Sehr geehrter Waldgänger

      Ich will noch einmal auf das von mir verlinkte Lied zu sprechen kommen.
      Die verschiedenen Online-übersetzer (Google: „englisch-deutsch Übersetzung“) sind leider nicht dazu in der Lage, vorliegende (eingefügte) Texte inhaltlich adäquat zu übersetzen.

      Worauf ich (die Musikgruppe „Gazpacho“ wohl kaum, dennoch läßt sie in ihrem Liedtext genug Spielraum für meine Interpretation) in erster Linie mit dem Lied hinauswollte mag an folgendem Text deutlich werden:

      „In der Ehe und in der Familie lernt der Mensch von Natur – zu lieben, aus der Liebe und an der Liebe zu leiden, zu ertragen und zu opfern, sich zu vergessen und denjenigen zu dienen, die ihm lieber und näher als alles sind.
      Die Familie ist berufen, zu wecken, zu unterstützen und von Generation zu Generation eine bestimmte geistig-religiöse, nationale und vaterländliche Tradition weiterzugeben. Aus dieser familiären Tradition und dank ihrer ist unsere ganze indoeuropäische und christliche Kultur entstanden – eine Kultur des hl. „Familienherdes“: mit seiner andachtsvollen Verehrung der Vorfahren: mit seiner Vorstellung des hl. Grenzhains, welcher die Familiengräber einhegt; mit seinen historisch gewachsenen Sitten und Gebräuchen.
      Die Familie hat die Kultur des Nationalgefühls und der patriotischen Treue geschaffen und zur Reife gebracht. Schon die Idee der Heimat … als auch die des Vaterlandes, des Erdensitzes meiner Väter und Vorväter, entstand aus dem Inneren der Familie als einer körperlichen und geistigen Einheit.“
      (Ilin, I.A. – „Weg der geistigen Erneuerung“, S.180 in Daniel Führing (Hrsg.) – „Gegen die Krise der Zeit“, S.72/73)

      • @ Konservativer

        Sehr geehrter Leidensgenosse,

        haben Sie Dank für die erklärende Passage von Iwan Alexandrowitsch Iljin über die Bedeutung der Familie.

        Bezogen auf seine Maßstäbe befinden wir uns heute in etwa in der DDR.
        Leider wird die Familie bei uns ausgerechnet dort und von denen in vergleichbarem Maße geschätzt, wo wir darüber keine Freude empfinden können – also etwa bei türkischen Einwanderern …

        ***

        @ Attila Varga

        Sie schreiben:
        „Also WAS treibt die Eliten an, die Feuerwehr in Urlaub zu schicken und den Waldbrand mit Benzin zu löschen? “

        Welche Eliten meinen Sie?

        Das Wahrscheinlichste ist, dass es sich letztlich einen Brand handelt, der im Interesse der Eliten in den USA ist.
        Es geht um die Schwächung, ja Ruinierung der EU und insbesondere Deutschlands, damit diese Region keine wirtschaftliche Konkurrenz für die bereits geschwächte US-Wirtschaft darstellt. Außerdem sollen die neuen alten Hauptgegner der USA, also Russland und China, keine Hilfe durch einen florierenden Handel oder technische Hilfe mit der EU erhalten. Durch die Ruinierung Deutschlands wird selbst die theoretische Möglichkeit, einer russ.- deutschen Zusammenarbeit ausgeschlossen.
        Den wirklichen Eliten ist das Schicksal Europas egal.
        Ansonsten findet sich hier einiges:
        https://www.amazon.de/Die-geheime-Migrationsagenda-Friederike-Beck/dp/3864453100#reader_B01KN7SHMC

        Unsere lokalen und regionalen Klein-„Eliten“ führen das Zerstörungsprogramm aus – vielleicht sogar insgeheim murrend – werden aber von einer gelenkten Medienlandschaft und nützlichen Idioten (Linke, Gutmenschen) getrieben.

  3. Sehr geehrter Waldgänger,
    es tut gut, gelegentlich die eigene Meinung von anderen zu hören. In Anbetracht der eigentlich für alle zugänglichen Hintergrundinformationen und der beharrlichen Weigerung der öffentlichen bzw. veröffentlichten Meinung, die Schlüsse daraus zu ziehen, kann man schon an der eigenen geistigen Gesundheit zweifeln (ich weiß, ist ´ne gute Steilvorlage).
    Wenn man sich die Entwicklung der abendländisch-orientalischen Beziehungen seit den Jahren, als die UdSSR in die afghanische Bärenfalle tappte, so ansieht, kann einem schwindlig werden, mit welch atemberaubenden Tempo Islamisten von Freiheitskämpfern zu Terroristen, von Fundametalisten zu Heiligen und wieder zurück mutieren- und unsere Eliten machen jede 180-Grad-Wendung mit bleibender Begeisterung mit.
    Ich verwende den Begriff Eliten, weil dieser inzwischen derart entwertet und besudelt wurde, dass er zu nichts anderem mehr taugt.

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