Ethnologin Susanne Schröter: Die islamistische Bürgerkriegsstrategie

Józef Brandt - Die Schlacht von Wien (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die Ethnologin Susanne Schröter lehrt an der Goethe-Universität Frankfurt und ist Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam (FFGI). In der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt sie über die Bürgerkriegsstrategie militanter Islamisten in Europa und flankierende Aktivitäten deutscher Islamverbände.

  • Die aktuelle Welle islamistischer Anschläge in Europa sei Ausdruck einer globalen Strategie des militanten Salafismus bzw. des Dschihadismus, die der Islamist Abu Musab al-Suri 2005 in seinem „Aufruf zum weltweiten islamischen Widerstand“ beschrieben habe. Teil dieser Strategie sei die Mobilisierung muslimischer Jugendlicher für Bürgerkriege in westlichen Gesellschaften. Ziel des militanten Islamismus sei in diesem Kontext die „Eroberung Europas“.
  • Auch wenn diese Bürgerkriege derzeit noch nicht stattfänden, weise militanter Islamismus dennoch „ungebrochene Attraktivität für Jugendliche“ auf, und Kämpfer würden von vielen muslimischen Jugendlichen „wie Popstars gefeiert“. Dschihadisten würden verbreitet als „Elitetruppe des Islams“ wahrgenommen.
  • Die Mobilisierung muslimischer Jugendlicher durch militante Islamisten erfolge dabei auch auf Grundlage der im Islam auch über das islamistische Spektrum hinaus verbreiteten und in Koran und Sunna angelegten Abwertung von Nichtmuslimen. Ebenso sei die Vorstellung, dass der Herrschaftsbereich des Islams durch militärische Gewalt ausgeweitet werden solle, „bereits in der Frühzeit des Islams konstitutiv für die muslimische Gemeinschaft“ gewesen.

In diesem Zusammenhang kritisiert Schröter die Aktivitäten von Islamverbänden in Deutschland. Diese leugneten problematische Tendenzen im Islam und verweigerten jegliche Auseinandersetzung mit ihnen. Sie blieben zudem  weitgehend untätig, was die Bedrohung durch islamistische Akteure angehe, würden diese zum Teil aktiv und passiv unterstützen und ließen zudem „klare Grenzen zum Salafismus und Dschihadismus vermissen“.

  • Angesichts des vorhandenen Islambezugs militanter Islamisten sei es „beunruhigend, dass deutsche muslimische Verbände mit stoischer Unbeirrbarkeit tönen, der islamistische Terror habe nichts mit dem Islam zu tun; Islam sei Frieden.“
  • Islamverbände würden sich eher in einem Konflikt mit der „als penetrant empfundenen Mehrheitsgesellschaft“ als im Konflikt mit Islamisten sehen. Selbst Distanzierungen von Islamisten würden ihnen schwerfallen. Darüber hinaus fände kein Engagement gegen Islamisten statt, bzw. dieses werde sogar vehement abgelehnt.

Sie nennt zudem Beispiele für Verbindungen zwischen Islamverbänden und Islamisten sowie für die Unterstützung islamistischer Aktivitäten.

  • Der von Aiman Mazyek geführte Zentralrat der Muslime in Deutschland etwa beinhalte als mitgliederstärksten Einzelverband die „Islamische Gemeinschaft in Deutschland“, die nach Bewertung deutscher Sicherheitsbehörden der Muslimbruderschaft nahestehe.
  • Die Ditib als größter Islamverband in Deutschland würde „christenfeindliche und antiwestliche Hetze“ verbreiten und habe in einigen Fällen, etwa in  Wolfsburg und Dinslaken, „nachgewiesene Verbindungen in die salafistische Szene“ geduldet.
  • Nichtislamistische Ansätze im Islam würden von Islamverbänden zudem verbreitet abgelehnt und deren Vertreter bekämpft, etwa durch Versuche sie zu „diskreditieren und aus dem Amt zu treiben.“

Bewertung und Folgerungen

Der französische Sozialwissenschaftler Gilles Kepel, der als einer der führenden Islamismusexperten weltweit gilt, hatte kürzlich gewarnt, dass islamistische Kräfte in Europa erstarken und langfristig Bürgerkriege anstreben würden. Der Islam bilde zunehmend die Grundlage einer Gegenidentität, die sich über die Ablehnung europäischer Kultur definiere. Jüngere Muslime seien dabei häufig schlechter integriert als die Generation ihrer Eltern und würden häufiger radikalen Islamvorstellungen anhängen.

Eine vor einigen Wochen erschienene Studie des „American Jewish Committee“ (AJC) hatte entsprechende Tendenzen unter muslimischen Jugendlichen in Berlin beschrieben und den Anteil der islamistischen Vorstellungen nahestehenden Jugendlichen an einem Jahrgang dabei auf rund 30-40 Prozent geschätzt. Dieser Anteil nehme weiter zu, und diese Entwicklung sei mit zunehmender Feindseligkeit gegenüber Nichtmuslimen sowie mit hoher Gewaltbereitschaft verbunden.

Die Darstellungen Schröters unterstreichen in diesem Zusammenhang, dass gegenwärtig keine relevanten Kräfte im Islam in Europa erkennbar sind, die den Trend des Erstarkens islamistischer Strömungen in dieser Religion umkehren könnten, und dass die wesentlichen Islamverbände in Deutschland überwiegend als Teil des Problemkomplexes Islamismus agieren.

Es existieren innerhalb des Islams zwar Gegenkräfte, die jedoch weitgehend isoliert sind und auch von den Islamverbänden bekämpft werden, wie Schröter beschreibt. Entsprechende Ansätze leiden zudem im Vergleich zu den stärkeren islamistischen Strömungen unter geringerer religiöser Glaubwürdigkeit. Während einige von ihnen Ausdruck staatlicher Versuche sind, einen besser integrierbaren Staatsislam zu etablieren, sind andere dadurch motiviert, der säkularen Lebensweise ihrer Vertreter nachträglich eine islamische Legitimation zu verleihen. In beiden Fällen steht jedoch nicht die Suche nach religiöser Wahrheit im Vordergrund, sondern die Nutzung der Religion für andere Zwecke, weshalb islamistische Ansätze auf Muslime häufig glaubwürdiger und authentischer wirken.

Aus der Verbindung dieser Tendenzen und der demographischen Entwicklung in Europa ergibt sich ein erhebliches Konfliktpotential, das neben der Bedrohung durch islamistischen Terrorismus im Zusammenhang mit der von militanten Islamisten angestrebten Massenmobilisierung langfristig auch das Risiko umfassenderer Auseinandersetzungen beinhaltet. (sw)

11 Kommentare

  1. Trotz aller berechtigten Sorgen: Wo sollten die KRIEGSwaffen in ausreichendem Maße herkommen, um einen Bürgerkrieg auszufechten, der darüber hinausgeht, vll ein paar Stadtviertel ein paar Tage zu halten und massakrieren zu können ? Wenn jetzt schon außerhalb der Systemmedien das Bewusstsein für die Bedrohung überwiegt. Der Vorteil der Islamisten ist, dass sie bereits jetzt zu allem entschlossen sind und ihre softe Ausgabe (Mazyek und co.) vom iwS „Globalismus“ gepampert. Die meisten Kuffaar sehen den Konflikt noch nicht, bzw. verdrängen ihn, leben noch krampfhaft eine Illusion der ewigen 90er. Das muss aber nicht so bleiben und wird es mE auch nicht.

    • @Graurabe
      Die Bürgerkriege, die al-Suri in seiner Strategieschrift beschreibt, dürften noch einige Zeit in der Zukunft liegen. Sie könnten so aussehen:
      1. In Problemvierteln gelingt militanten Islamisten die Mobilisierung muslimischer Jugendlicher bzw. der Strukturen der Organisierten Kriminalität, in denen sie aktiv sind. Staatliche Sicherheitskräfte sind damit überfordert, gegen diese Strukturen vorzugehen, weshalb es „Sicherheitspartnerschaften“ etc. mit Islamvertretern in diesen Stadtteilen gibt. Diese garantieren relative Ruhe, wenn man ihnen die Kontrolle über die Stadtteile überlässt.
      2. Ab und zu gibt es Anschlagswellen, mit denen weitere Forderungen durchgesetzt werden, und auf die Regierungen mit weiteren Konzessionen reagieren. Das wird so dargestellt werden, dass man sagt etwas gegen die sozialen Ursachen des Terrorismus zu unternehmen, indem man Ressourcen an entsprechende Islamvertreter umlenkt oder ihnen mehr Privilegien gibt etc.
      3. Ähnliches wiederholt sich in immer mehr Stadtteilen, und der Dschihadismus/OK-Nexus wird parallel zum Schwächerwerden des Staates immer stärker. Gleichzeitig verfügen diese Strukturen u.a. über militärische Waffen, die sie bereits jetzt aus Nordafrika und vom Balkan beziehen, jedoch bislang noch vorwiegend für Zwecke der OK einsetzen.
      4. Irgendwann könnte das Kräfteverhältnis zwischen diesen Strukturen und dem Staat so günstig für die islamistische Seite aussehen, dass sie die Machtprobe mit dem Staat wagen. Das könnte dann so aussehen, dass es z.B. nach irgendeiner islamkritischen Äußerung Massendemonstrationen gibt, aus denen heraus Polizisten unter Feuer genommen werden. Diese erwidern das Feuer, woraufhin Islamisten von einem Massaker an friedlichen Demonstranten sprechen und erklären, sich nun verteidigen zu müssen, woran sich große Zahlen radikalisierter junger muslimischer Männer beteiligen, von denen einige über militärische Waffen und Kampferfahrung verfügen und unter Führung der Islamisten die staatliche Ordnung und ihre Repräsentanten in den von ihnen beanspruchten Räumen angreifen, um sie ganz von dort zu verdrängen.
      5. Darauf reagiert der Staat entweder mit den entsprechenden Mitteln (das wäre dann der Bürgerkrieg), oder er geht erneut Konzessionen ein, und das Geschehen wiederholt sich zu einem späteren Zeitpunkt erneut, bis entweder der Bürgerkrieg kommt oder vom Staat nichts mehr übrigbleibt.

      Der dargestellte Prozess hat bereits begonnen (wir sind gerade zwischen Schritt 1 und 2), und noch vor 2050 dürfte er in einigen europäischen Staaten Schritt 4 oder 5 erreichen.

      • Die Wühl- und Lobbyarbeit islamischer Organisationen wird meiner Meinung nach eine immer größere Rolle spielen. Das bekannte Buch von Houellebeq („Unterwerfung“) zielt vermutlich auf erschreckende Weise in die realistische Richtung …

        Dazu passt dann, dass islamische Migranten schon heute in den Kartellparteien immer mehr Einfluss erlangen und diesen auch in ihrem Sinne nutzen.
        Beispiele sind Aydan Özoguz (SPD / Bundes-Integrationsbeauftragte) und Raed Saleh (Vorsitzender der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus).

        @ Sipol

        Ihre Skizzierung künftiger Szenarien scheint mir sehr gut gelungen zu sein.

        Der Prozess der zunehmenden Konfrontation könnte übrigens dadurch forciert werden, dass die normale Ordnung durch außerplanmäßige Versorgungsprobleme oder sonstige Extremsituationen zusammenbricht.

        Nehmen wir einmal an, dass die Stromversorgung in einer Gegend für eine Woche ausfällt … Das ist nicht sooo unmöglich.
        Was wäre zu erwarten?
        Einbrüche, Raub, Plünderungen usw. usw.
        Direkte Konfrontation mit Polizei, Bundespolizei, vielleicht Bundeswehr … Es erfordert nicht viel Fantasie, sich hier Situationen vorzustellen, die völlig aus dem Ruder laufen und auch auf andere Regionen übergreifen können!

        Das Szenario kann auch dergestalt variiert werden, dass die Ordnung durch gezielte flächig wirkende Anschläge (z.B. schmutzige Bombe, chemische oder biologische Kampfstoffe) oder Terrorakte gegen wichtige Versorgungseinrichtungen (Stromleitungen, Kraftwerke, Wasserwerke) Schaden nimmt und regional zusammenbricht …

        Nehmen wir mal an, aus was für Gründen auch immer fällt es dem Staat immer schwerer, die Eingewanderten, die ja zumeist Transferempfänger sind, zu alimentieren. Über die einzelnen Gründe einer solchen Lage muss hier nicht breit geredet werden – vollkommen ausgeschlossen sind solche Finanz- / Versorgungsengpässe nicht … Auch hier dürfte das Konfliktpotenzial anwachsen, allerdings nicht so schnell wie bei den oberen Beispielen.
        @ Attila Varga wird nun mit Recht sofort an die Westgoten in den Jahren 377 / 378 im heutigen Bulgarien denken. Auch sie erhielten zuletzt nicht mehr die erwarteten Mittel … Die Sache lief dann ziemlich rasch aus dem Ruder.

    • „Trotz aller berechtigten Sorgen: Wo sollten die KRIEGSwaffen in ausreichendem Maße herkommen, um einen Bürgerkrieg auszufechten, der darüber hinausgeht, vll ein paar Stadtviertel ein paar Tage zu halten und massakrieren zu können ? …“

      Schauen Sie sich z.B. einmal den folgenden Beitrag an:

      „Gigantisches Waffenarsenal auch für Islamisten in Europa“

      https://www.haolam.de/artikel_30565.html

      • @Konservativer
        Auf solche Beispiele hatte ich mich bezogen. Allerdings tut es mir im Inneren weh, das gute alte G3 in derartig missbräuchlicher Verwendung zu sehen, vor allem die besonders elegante Variante mit kurzem Lauf und einschiebbarer Schulterstütze. Und Mörsergranaten passen nicht zum Modus Operandi irgendwelcher krimineller Gruppen, weshalb bei diesem Fund von dschihadistischen Absichten ausgegangen werden kann.

  2. Attila Varga dachte in der Tat an die Goten in den Jahren 377/78…
    Allerdings denke ich auch meine Jugend als Angehöriger der alteingesessenen ungarischen Minderheit im Vielvölkerstaat Jugoslawien. Jeden war klar, dass das Land auseinanderfällt, sobald es den Leuten schlechter geht und sie kein Interesse mehr daran haben, die Füße stillzuhalten. Als dann in den 80er Jahren die Arbeitslosigkeit und die Inflation explodierten, war die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten.
    Auch Deutschland wird zum Vielvölkerstaat, spätestens a) wenn die afrikanische Welle richtig anrollt und b) die (bisher!) 390 000 Syrer und Iraker ihre ca. 2 Millionen Verwandten nachholen, darunter jede Menge Damen in ihren besten und fruchtbarsten Jahren. Und dann stockt die Wirtschaft oder die Sozialleistungen müssen gekürzt werden…ich fürchte, dass wir auf Schritt 4 und 5 nicht bis 2050 warten müssen.

  3. @omnibus
    Ich will nicht missverstanden werden: Chaos ist absehbar. Ich bin mir nur nicht ganz sicher, ob wirklich ein Bürgerkrieg im Sinne widerstreitender Parteien am Horizont steht. Ich rechne eher mit, naja, Chaos: Also Favelas, Gewalt, Terror, Scharmützel, Sezessionsbestrebungen. Kann man auch Bürgerkrieg nennen, aber keinen, der mit einer neuen Ordnung endet, mE. Eher mit einer Zerstückelung jeglicher Ordnung. Die Zeit der Muslimbrüder (Houellebecqs Vision) ist mE vorbei. Deren Basis und Eisscholle wird die Türkei sein.

  4. Jetzt mal eine Frage an die Gemeinschaft, die nicht direkt mit dem Thema zu tun:
    Es gibt mittlerweile etliche Menschen in Deutschland, deren Angehörige bei Terroranschlägen, Sexual- und Raubdelikten getötet oder verletzt wurden. Hat irgendjemand unter uns einen dieser Angehörigen in den Medien sprechen oder schreiben gehört bzw gesehen? Ich nicht, wie ist so etwas möglich?

    • @Attila Varga
      Es gibt darüberhinaus große Zurückhaltung, Opfer von Anschlägen etc. namentlich zu nennen oder Bilder von ihnen zu zeigen. Wobei es auch Ausnahmen gab, etwa den Fall Maria Ladenburger in Freiburg. Deren Identität wurde allerdings intensiv in den Medien thematisiert, bevor der Hintergrund des Falles bekannt wurde. Vermutlich ist den Medienschaffenden die emotionale Wirkung bekannt, die es hätte wenn die Opfer solcher Fälle ein Gesicht bekämen, weshalb man dem entgegenwirkt. Wenn die Opfer nur Zahlen darstellen, sind die leichter zu verkraften und die Politik, die dazu geführt hat, leichter zu rechtfertigen.

  5. Dann sind die Hinterbliebenen umso mehr zu bedauern. Wegen ihres Verlustes und wegen dem Druck, den die Staatsräson auf sie ausübt.

  6. Dr. Guy Millière, ein Professor an der Universität von Paris, äußert sich in seinem Beitrag „Die islamische Zukunft Europas“ am Ende folgendermaßen:
    „…
    Der Tod Europas wird mit Sicherheit gewalttätig und schmerzhaft sein: Niemand scheint gewillt, ihn aufzuhalten. Die Wähler könnten es immer noch, aber sie werden es jetzt tun müssen, schnell, bevor es zu spät ist.“

    Quelle: https://de.gatestoneinstitute.org/10948/islamische-zukunft-europa

    Wir können es in diesem Zusammenhang halten wie Odysseus, der zum Zyklopen Polyphem sagte: “Mein Name ist “Niemand”.

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