Migrationsforscher Ruud Koopmans: Schutz der Mehrheitskultur ist Voraussetzung gelungener Integration

Ambrogio Lorenzetti - Allegorie der guten Regierung (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Migrationsforscher Ruud Koopmans ist Professor für Soziologie und Migration an der Humboldt-Universität zu Berlin und zudem am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) tätig. Der Deutschlandfunk stellt aktuell Koopmans neues Buch „Assimilation oder Multikulturalismus? Bedingungen gelungener Integration“ vor. In diesem betont Koopmans das Recht der Mehrheitskultur, Migration und Integration so zu gestalten, dass die Kontinuität ihrer eigenen Kultur gewährleistet sei.

  • Migration und Integration könnten nur auf Grundlage der Akzeptanz seitens der Migranten, dass ihre kulturellen Ansprüche gegenüber der Mehrheitskultur nicht den gleichen Stellenwert hätten wie deren Wunsch nach Kontinuität ihrer eigenen Kultur und ihr Primat bei der Gestaltung der Gesellschaft. Das „Verlangen, die eigene Kultur weiterzugeben“, sei ein selbstverständlicher Wunsch der Gesellschaften, die Migranten aufnehmen. Es sei paradox, dass ethnokulturelle Gruppenidentitäten bei Minderheiten als etwas Schützenswertes gelten, bei Mehrheiten aber nicht.
  • Die Annahme, dass die Mehrheit der Muslime in Deutschland und Europa gut integriert sei, sei Ausdruck von Wunschdenken. Zwischen Bis zu 75 Prozent der Muslime in Europa würden islamistische Einstellungen aufweisen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Dies sei häufig mit feindseligen Einstellungen gegenüber Nichtmuslimen verbunden.
  • Die bedingungslose Akzeptanz von Migrantenkulturen durch die aufnehmenden Gesellschaften habe es ermöglicht, dass islamistische Vorstellungen sich in Europa entfalten konnten. Je multikulturalistischer die Politik eines Staates gegenüber muslimischen Migranten in der Vergangenheit gewesen sei, desto stärker seien in der jeweiligen muslimischen Bevölkerung problematische Einstellungen sowie sozioökonomische Probleme ausgeprägt.
  • „Verfassungspatriotismus“ sei als Konzept unzureichend, um kulturfremde Migranten zu integrieren. Von entsprechenden Migranten, etwa von Muslimen, sei „ein bestimmtes Maß an Assimilation und Respekt für die lokalen kulturellen Traditionen des Landes“ als Vorraussetzung für eine Präsenz in Europa zu einzufordern.

Hintergrund

Koopmans stößt mit seiner Forschung in Deutschland seinen Angaben zufolge bislang auf „selektives Schweigen“ seitens anderer Forscher. Er stelle „eine extreme Intoleranz in der Integrationsforschung gegenüber abweichenden Meinungen“ sowie „ein totales Desinteresse an Forschungsbefunden, die nicht ins eigene Denkschema passen“ fest. Seine Arbeit werde dabei in der Regel nicht inhaltlich kritisiert, sondern der Vorwurf erhoben, sie sei politisch nicht hilfreich.

Koopmans hat dabei in der Vergangenheit mehrfach Lücken in der Arbeit der Migrationsforschung durch konstruktive Beiträge geschlossen. So hatte er etwa darauf hingewiesen, dass jeder funktionierende und stabile Staat auf einer nationalen Kultur beruhe:

Nicht nur Deutschland, jedes Land der Erde braucht eine Leitkultur, und die stabilen Staaten haben auch alle eine nationale Kultur. […] Bisher hat es nur der Nationalstaat geschafft, Verteilungskonflikte friedlich auszutragen und einen Wohlfahrtsstaat aufzubauen.

Der Wunsch und das Streben nach Gemeinschaft auch in Form von Bindung an eine Nation oder eine nationale Kultur seien in der Natur des Menschen angelegt. Funktionierende Staaten würden auf dieser Bindung und dem Wunsch beruhen, kulturelle Gemeinsamkeiten in öffentlichen Institutionen verwirklicht zu sehen. Realitätsgerechte Politik müsse dies berücksichtigen, sonst würde sie unnötige Konflikte erzeugen.

Es sei kennzeichnend für das politische Klima Deutschlands, dass Teile der politischen und kulturellen Eliten des Landes die Folgen einer die Natur des Menschen leugnenden Politik und die daraus resultierenden migrationsbedingten Herausforderungen zunehmend leugnen würden. Dabei würden sie zugleich versuchen, realitätsgerechtere Positionen moralisch abzuwerten, um sie aus der Debatte herauszuhalten. (ts)