Kardinal Sarah: Das Christentum muss den Kampf gegen revolutionäre Ideologien und den Islamismus aufnehmen

Ambrogio Lorenzetti - Die Gerechtigkeit (Ausschnitt aus 'Die Allegorie der guten Regierung', Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der aus Guinea stammende Robert Kardinal Sarah gilt als eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der katholischen Kirche der Gegenwart und als ein möglicher Kandidat für das Amt des Papstes. In einer Predigt, die er vor wenigen Tagen während eines Besuchs in der Vendée in Frankreich hielt, ging er auch auf den dort zwischen 1793 – 1796 aktiven Widerstand gegen den Terror der französischen Revolution ein und zog Parallelen zur Gegenwart. Er rief in diesem Zusammenhang Christen zum Kampf gegen revolutionäre Ideologien und den Islamismus auf:

Wir Christen brauchen den Geist der Bewohner der Vendée! […] Wie sie müssen wir unsere Aussaat, unsere Ernte, die von unseren Pflügen gezogenen Furchen verlassen, um zu kämpfen – nicht für die Verteidigung menschlicher Interessen, sondern für Gott! Wer wird also heute für Gott aufstehen? Wer wird es wagen, sich den modernen Verfolgern der Kirche entgegenzustellen? […] Heute sterben unsere christlichen Brüder im Nahen Osten, in Pakistan, in Afrika für ihren Glauben, vernichtet von den Kolonnen des sie verfolgenden Islamismus. […]
Liebe Freunde, das Blut der Märtyrer fließt in Euren Adern. Seid ihm treu! […] Nur die großzügige Liebe und die uneigennützige Hingabe des eigenen Lebens können den Haß gegen Gott und die Menschen besiegen, der Ursprung jeder Revolution ist. Die Bewohner der Vendée haben uns gelehrt, allen diese Revolutionen zu widerstehen. Sie haben uns gezeigt, daß es auf die Höllenkolonnen, die nationalsozialistischen Vernichtungslager, die kommunistischen Gulag, die islamistischen Barbarei nur eine Antwort gibt: Die völlige Selbsthingabe des eigenen Lebens.

Er zog zudem eine Linie vom Terror der französischen Revolution zu den utopischen Ideologien der Gegenwart:

Heute wieder, vielleicht heute sogar mehr denn je, wollen die Revolutionsideologen den natürlichen Ort der Selbsthingabe, der freudigen Großzügigkeit und der Liebe vernichten – ich meine die Familie! Die Gender-Ideologie, die Verachtung der Fruchtbarkeit und der Treue sind die neuen Leitsprüche der Revolution. Die Familien sind zu vielen Vendées geworden, die ausgerottet werden sollen. Man plant systematisch sie auszulöschen, wie man es einst gegen die Vendée getan hat. […] Überall: Die christlichen Familien müssen freudige Avantgarde eines Aufstandes gegen diese neue Diktatur des Egoismus sein!

Der Kardinal betonte dabei, dass der Widerstand in Europa gegen den „real existierenden Atheismus, der unser Leben erstickt“, ein geistiger Widerstand sein müsse, der „ohne Ressentiments und ohne Animositäten“ zu führen sei.

Hintergrund und Bewertung

Papst Benedikt XVI. hatte Kardinal Sarah in einer seiner wenigen öffentlichen Äußerungen nach seiner Emeritierung als „geistlichen Lehrer“ bezeichnet, was als Zeichen dafür gedeutet wurde, dass er Sarah als möglichen Kandidaten für das Amt des Papstes unterstützt.

Sarah hatte im April 2017 vor islambezogenen Herausforderungen für Europa und den Gefahren, die durch den in Europa zu beobachtenden Identitätsverlust entstehen, gewarnt:

Jener extremistische Islam aber, der als politische Organisation auftritt und sich dem Rest der Welt aufzwingen will, stellt nicht nur eine Gefahr für Afrika dar. Er ist ist vor allem eine Gefahr für die Gesellschaften in Europa, die allzu oft keine Identität und keine Religion mehr haben. Wenn eine Gesellschaft aber ihre eigenen Werte verdammt, die aus ihrer Tradition, Kultur und Religion hervorgegangen sind, dann ist sie dem Untergang geweiht. Denn sie hat damit jeglichen Antrieb, jegliche Energie und jeglichen Willen verloren, um für die Verteidigung ihrer Identität zu kämpfen.

Kardinal Sarah hatte zudem europäischen Regierungen zuvor Tatenlosigkeit angesichts der zunehmenden Aggressivität radikal-islamischer Akteure vorgeworfen:

Wie viele Tote braucht es, wie viele abgeschlagene Köpfe bis die europäischen Regierenden die Lage begreifen, in der sich der Westen befindet?

Er sieht das Christentum außerdem gleichermaßen durch radikale Strömungen im Islam und durch utopische säkulare Ideologien herausgefordert:

„Was im 20. Jahrhundert Nazi-Faschismus und Kommunismus waren, das sind heute westliche Ideologien über Homosexualität und Abtreibung sowie der Islamistische Fanatismus“, sagte Sarah […]. Die Kirche befinde sich zwischen dem Götzendienst westlicher Freiheit und dem islamischen Fundamentalismus, beides seien „apokalyptische Bestien“, ergänzte Sarah. „Wir befinden uns, um einen Slogan zu benutzen, zwischen ‚Gender-Ideologie und IS’“ […]. Die größten Bedrohungen für die Kirche seien auf der einen Seite schnelle und leichte Scheidungen, Abtreibungen und die Homo-Ehe. Auf der anderen Seite stünde „die Pseudofamilie im ideologisierten Islam, die Polygamie, eine Abwertung der Frau, sexuelle Sklaverei, und die Kinderheirat legitimiert“.

In jüngerer Zeit ist die Tendenz zu erkennen, dass Repräsentanten der Kirche, die nicht aus Europa stammen, den strategischen Herausforderungen für das Christentum häufig entschiedener entgegentreten als dessen europäische Vertreter und entsprechende Herausforderungen auch deutlicher benennen. Eine mögliche Ursache dafür ist neben kulturellen Fehlentwicklungen in Europa und deren Auswirkungen auf die Kirche auch, dass Christen außerhalb Europas bislang vielfach direkter mit Herausforderungen wie der durch islamistische Akteure konfrontiert sind. Impulse von Christen aus anderen Regionen der Welt können in diesem Zusammenhang eine positive Wirkung auf das Christentum in Europa haben. (ts)

2 Kommentare

  1. Es ist beruhigend zu sehen, dass es in unserer Kirche solche deutlichen Zeichen der Hoffnung gibt!

  2. „Gott oder Nichts“, das Interviewbuch mit Kardinal Sarah ist absolut lesenswert. Der Kardinal hat sehr viele gute Ansichten, welche zudem alle auch theologisch gut begründet sind. Das ist in der heutigen Zeit ja leider nicht mehr Alltag.

Kommentare sind deaktiviert.