Voraussetzungen kultureller Kontinuität – Jüdische Erfahrungen (Teil 2): Demographische Aspekte

Josef von Führich - Jakob und Rahel am Brunnen (gemeinfrei)

Der Historiker Shalom Salomon Wald hat für das „Jewish People Police Institute“ (JPPI) der „Jewish Agency for Israel“ unter dem Titel „Rise and Decline of Civilizations – Lessons for the Jewish People“ eine Studie über die Voraussetzungen langfristiger kultureller Kontinuität erstellt. Einige seiner Erkenntnisse sind auch in Zusammenhang mit der Betrachtung strategischer Herausforderungen für das Christentum in Europa relevant. Der erste Teil der Serie, der die Qualität von Eliten behandelt, kann hier abgerufen werden. Der aktuelle Teil unserer Serie über die Gedanken Walds stellt seine Überlegungen zum Thema Demographie vor, die zudem in unser neu erstelltes Demographieportal integriert wurden.

Demographie als kulturelle Existenzfrage

Die Frage der Entwicklung und Zusammensetzung von Bevölkerungen gehöre zu den existentiellen Aspekten der Kontinuität von Kulturen. Im Judentum sei diesem Thema von Anfang an große Bedeutung beigemessen worden. Wald verweist hier u.a. auf das Buch Genesis.

Die Stagnation oder der Rückgang der eigenen Bevölkerung seien grundsätzlich als existentielle Herausforderungen zu betrachten. Entsprechende Entwicklungen würden das physische Überleben der eigenen Kultur gefährden und Maßnahmen auf höchster politischer Ebene erfordern.

Quantitative Aspekte demographischer Herausforderungen

Wenn die eigene Kultur an einen Nationalstaat gebunden sei, wie es im Beispiel Israels der Fall ist, gehe es auf demographischer Ebene vor allem in demokratisch verfassten Staaten darum, die Bevölkerungsmehrheit der kulturtragenden Gruppe zu behaupten. Dies erfordere neben bevölkerungspolitischen Maßnahmen auch die Steuerung und Kontrolle der Präsenz kulturfremder Gruppen auf dem Territorium des eigenen Staates.

Die eigene Bevölkerungszahl sei zudem wichtig, wenn es um Sicherheitsfragen gehe und militärische Macht auch von der Zahl der verfügbaren Soldaten abhänge. In Minderheiten- bzw. Diasporasituationen hänge zudem der politische Einfluss, der zum Schutz der eigenen Kultur ausgeübt werden könne, von der zahlenmäßigen Stärke der eigenen Gruppe ab.

Qualitative Aspekte demographischer Herausforderungen

Davon abgesehen komme es bei der Betrachtung demographischer Fragen jedoch auch auf die Qualität der Zusammensetzung der eigenen kulturellen Gemeinschaft und nicht nur auf deren Quantität an. Insbesondere in Diasporasituationen hänge kulturelle Kontinuität weniger von der eigenen zahlenmäßigen Stärke als von der Qualität und Intensität der vorhandenen Bindungen an die eigene Kultur und Gemeinschaft ab. Je stärker vor allem religiöse Bindungen seien, desto höher sei zudem auch die durchschnittliche Kinderzahl, weshalb die Qualität von Bindungen auch quantitative Auswirkungen habe.

Das Beispiel marktdominierender Minderheiten zeige zudem, dass der Erfolg und die Kontinuität einer Kultur nicht in erster Linie von der Masse ihrer Angehörigen abhänge, sondern von deren Qualität in Form von kultureller oder wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit.

Bedeutung und Grenzen des Nationalstaates bei der Sicherstellung kultureller Kontinuität

Wald geht in seinen Ausführungen über demographische Herausforderungen auch auf die Rolle des Nationalstaates bei der Sicherstellung kultureller Kontinuität ein. Er beschreibt das Judentum in diesem Zusammenhang als eine „nicht-territoriale Kultur“, deren Angehörige an das Leben in Diasporasituationen eingestellt und sich daran kulturell so angepasst hätten, dass das Judentum fast zweitausend Jahre ohne Bindung an einen eigenen Nationalstaat überleben konnte.

Dies war jedoch mit Herausforderungen verbunden, die zeitweise den Fortbestand des Judentums bedrohten. Die existentielle Bedeutung eines an die eigenen Kultur gebundenen Nationalstaates, in dem die Kontinuität der eigenen Kultur nicht von politischen Entscheidungen Fremder abhängig ist für die diese Kontinuität nachrangig oder unerwünscht ist, ist daher in der historischen Erfahrung des Judentums besonders präsent. Der Nationalstaat wird dabei aber nicht als Begründetrder Kultur verstanden, sondern umgekehrt als deren Ausdruck, wobei die Kultur wiederum primär als Produkt der Religion gesehen wird.

Als besonders belastbar haben sich deshalb Kulturen erwiesen, die auf vom Nationalstaat unabhängigen Institutionen beruhen und daher auch den Ausfall eines solchen Staates überleben können. Neben dem Judentum überdauerten etwa auch die Kulturen Polens oder Griechenlands längere Zeiträume ohne eigenen Nationalstaat, weil sie sich nicht in erster Linie auf diesen abstützten, sondern auf ihre Religion, die sie von ihren jeweiligen Herausforderern deutlich abgrenzte, und deren Institutionen auch nach dem Ausfall des Staates weiterwirken konnten. (ts)

3 Kommentare

  1. Erschreckend in diesem Zusammenhang sind die Bruchlinien, welche das jüdische Volk zu spalten drohen. Vor dem Großen Weltenbrand standen sich die Zionisten und die in die europäischen Nationen integrierten bzw. assimilierten Juden ( zu deren Wortführern Rathenau gehörte) als gegnerische Parteien gegenüber. Dazu kamen kleinere Gruppen wie die eng mit den Jungtürken verbundenen „Salonikier“ und radikale Linke.
    Heute wirkt Herr Soros, der Prophet der Globalisten, der alle Nationalstaaten auflösen möchte, auch den Nationalstaat Israel. Dies führte dazu, dass Herr Netanjahu in diesem Sommer Ungarn und ein Treffen der Visegrád-Gruppe besuchte. Dieser Besuch und die Annäherung der Visegrád-Staaten und Israels ging in die westlichen Medien praktisch unter, da es nicht das Schreckensbild des antisemitischen, chauvinistischen Osteuropäers passt.
    Ich fürchte, die seit den 1970er Jahren immer häufiger werdenden „kleinen“ Kriege und Konflikte werden noch zunehmen und letztlich kann heute noch niemand sagen, wer am Ende gegen wen kämpfen wird.

    • @Attila Varga
      Soros scheint einer jener Charaktere zu sein, die einmal als „postjüdisch“ bezeichnet wurden, und deren kosmopolitische Einstellung wohl auch damit zu tun hat, dass sie sich autoaggressiv gegen ihre eigene Identität wenden. Marx und Freud fielen auch in diese Kategorie.
      Hier noch ein Link zum Verhältnis von Soros gegenüber dem Staat Israel:
      http://www.jpost.com/Israel-News/Politics-And-Diplomacy/Hacked-Soros-e-mails-reveal-plans-to-fight-Israels-racist-policies-464149

      • Danke für den Link!
        Dies scheint kein spezifisch jüdisches Problem zu sein. Während die Jakobiner und auch ein Teil der bolschewistischen Revolutionäre nationalistisch-imperialistischen Neigungen frönten,, sind postmagyarische und postdeutsche Figuren in der Geschichte nicht selten.
        In Ungarn tauchte dieses Gedankengut Ende des 19. Jh, auf, trug in Person von Graf Karolyi und Oskar Jaszi maßgeblich zur Zerstörung des alten Ungarn bei (Asternrevolution 1918, Auflösung der ungarischen Armee, während sich unsere Nachbarvölker bewaffneten) und skandieren heute lautstark (nach Köln, nach den Terroranschlägen, nach dem Explodieren der Kosten der Migrationskrise!) dass die orientalisch-afrikanische Masseneinwanderung genau dass ist, was Ungarn braucht.

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