Pankraj Mishra: „Modernisierung heißt, Wurzeln auszureißen“

Pierre-Antoine Demachy - Das Fest des Höchsten Wesens (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der indische Essayist Pankraj Mishra ist vor allem durch Aufsätze bekannt geworden, in denen er sich mit den Folgen der Globalisierung auseinandersetzt. In einem aktuellen Gespräch mit der Frankfurter Rundschau äußert er sich in diesem Zusammenhang über die Entwurzelung des Menschen durch Modernisierung und Globalisierung. Letztere betrachtet er als revolutionäre Ideologien, welche die Auflösung von Bindungen anstreben würden, um traditionelle Solidarstrukturen zu zerstören und Macht über Menschen zu gewinnen.

Modernisierung und Globalisierung würden Menschen dazu gezielt aus bestehenden Bindungen herauslösen:

Zusammenhänge, in denen die Menschen bisher lebten und arbeiteten, heirateten und starben, werden zerstört. Es findet eine Atomisierung der Menschen statt. […] Die Aufklärung ist nicht der Beginn der Demokratie. Sie ist der Beginn eines der radikalsten Prozesse der Menschheitsgeschichte: der Emanzipation des Einzelnen. […] Jeder bricht mit seiner Vergangenheit, mit der Welt, in der er heranwuchs. Er bricht aus den Familien- und Stammes-, aus Kasten- und nationalen Zugehörigkeiten aus und sucht sich einen neuen Platz in der neuen globalisierten Welt. […] Wir haben es noch immer nicht verstanden, dass Modernisierung erst einmal heißt, Wurzeln auszureißen. Jeder Einzelne muss mobil und mobil gemacht werden. Mancher wirft seine Wurzeln voller Freude selbst ab. Das wird ihn später umso wütender machen. Anderen reißt der Staat ihre Wurzeln aus.

Dies mache Menschen und Gemeinwesen verwundbar, weil auf natürlichen und traditionellen Bindungen auch von Staaten und zentraler Kontrolle unabhängige Solidarstrukturen beruhen würden:

In Ländern wie zum Beispiel in Indien, in denen das überkommene Sozialgefüge noch nicht ganz zerstört ist, in dem die Menschen noch nicht zu Atomen geworden sind, da gibt es Sicherheitsnetze für den Einzelnen. Im Nahen Osten ist das ganz anders. Dort sind in den letzten zwanzig, dreißig Jahren schwache Staaten auseinandergefallen. Einer nach dem anderen. Mit ihnen alle möglichen Institutionen: Kirchen- und Moscheegemeinden, Stadtverwaltungen, Interessenvertretungen, Gewerkschaften, Kooperativen, Hilfsorganisationen, Solidargemeinschaften aller Art. In vielen Staaten im Nahen Osten wurden nach und nach die Institutionen zerstört, die eine Gesellschaft zusammenhalten. Es gibt keine Alternativen mehr, in der Menschen sich organisieren, entfalten oder auch nur unterhalten können.

Mishra misstraut daher der Freiheitsrhetorik, mit der moderne Ideologien ihren Herrschaftsanspruch legitimieren, und bewertet die Folgen ihrer globalen Durchsetzung überwiegend negativ. Angriffe auf die natürlichen Bindungen und Solidarstrukturen, innerhalb der Menschen sich bewegen, durch globalistische Ideologien „des rationalen Egoismus und Materialismus“ würden etwa auch zu Überreaktionen beim Versuch ihrer Verteidigung führen, wie er aktuell in einem Aufsatz in der Neuen Zürcher Zeitung beschreibt. Zudem seien kulturell entwurzelte Bevölkerungen besonders verwundbar für totalitäre, utopische Ideologien.

Bewertung und Folgerungen

Zuletzt hatten wir hier Thesen Mishras über die globale Krise des Liberalismus und ihre Begleiterscheinungen aufgegriffen.

Zwischen seiner Globalisierungskritik, die vor allem die kulturellen Folgen der Durchsetzung materialistischer Weltanschauung im Zuge der Globalisierung anspricht, und der christlichen Globalisierungskritik etwa Robert Kardinal Sarahs, der in dieser Frage noch deutlicher Stellung bezieht als Mishra, gibt es Überschneidungen. Diese betreffen vor allem die Ansprache der negativen Folgen der Durchsetzung moderner Ideologien. Auch Papst Benedikt XVI. sprach die problematischen Folgen insbesondere der Trennung Europas von seinen geistigen und kulturellen Wurzeln mehrfach deutlich an.

Die christliche Kritik argumentiert dabei jedoch differenzierter und erkennt die Leistungen von Aufklärung, Liberalismus und kultureller Moderne stärker an als es Mishra tut. Papst Benedikt XVI., sagte etwa, dass es angesichts dieser Leistungen unangemessen sei, diese Weltanschauungen und Phänomene grundsätzlich zurückzuweisen. Weil es zudem weder wünschenswert wäre noch auch aus praktischen Gründen möglich sei, zu einem früheren Zustand zurückzukehren, müsse es deshalb darum gehen, die Moderne christlich zu gestalten und dabei den destruktiven Tendenzen materialistischer Ideologien entgegenzuwirken.

Christliche Ansätze unterliegen daher weniger dem Risiko, bei der Verteidigung natürlicher und tradioneller Bindungen gegen sie angreifende radikale Ideologien in die extremen Überreaktionen zu verfallen, vor denen Mishra warnt. Dies wird auch daran deutlich, dass christliche Antworten auf entsprechende Herausforderungen nicht in extremem Handeln bestehen, sondern etwa im Festhalten an den Bindungen, die aufgelöst werden sollen. Alternativ geht es um die Wiederherstellung dieser Bindungen, wo sie verloren gingen, und um die Offenlegung der destruktiven Wirkungen utopischer Ideologien sowie darum, sich innerlich von ihren Irrtümern zu befreien. (ts)