Michael Lind: Die Krise westlicher Gesellschaften als Folge der „Managerial Revolution“

Der Historiker Michael Lind ist unter anderem einer der Gründer des amerikanischen Think-Tanks New America Foundation und war u.a. an der Harvard- sowie der Johns-Hopkins-Universität tätig. In einem Aufsatz im Magazin American Affairs beschreibt er die Krise westlicher Gesellschaften aus einer ökonomischen Perspektive. Er erwartet, dass diese Gesellschaften im Zuge von Globalisierungsprozessen in immer stärkeren Maße von Konflikten zwischen sich herausbildenden Oligarchien und sie herausfordernden Populisten geprägt sein werden:

The Cold War has been followed by the class war. A transatlantic class war has broken out simultaneously in many countries between elites based in the corporate, financial, and professional sectors and working-class populists. Already this transnational class conflict has produced Brexit and the election of Donald Trump to the American presidency. Other shocks are likely in store.

Die „Managerial Revolution“ als Ursache der Krise westlicher Gesellschaften

Er erklärt die sich entwickelnde Krise und die tiefer werdenden Bruchlinien zwischen Eliten und Populisten mit der Theorie James Burnhams über die „Managerial Revolution“. Als „Managerial Elite“ hatte Burnham dabei die technische, wirtschaftliche, politische und zunehmend auch kulturelle Elite bezeichnet, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus ökonomischen Erfordernissen der Industriegesellschaft heraus schrittweise in westlichen Gesellschaften entstanden sei und deren Führung übernommen habe. Dies habe zur Herausbildung einer neuen politischen Ordnung in den Formen der alten Ordnung geführt.

  • Diese Ordnung habe die Beseitigung von Hindernissen für wirtschaftliche Effizienz zum Ziel. Steigender technologischer Aufwand für die Produktion von Gütern bedeute, dass Effizienzgewinne vor allem durch Globalisierung und wirtschaftliche Konzentration erzielt werden können. Auch die Beseitigung effizienzhemmender kultureller Faktoren sei ein Ziel dieser Ordnung.
  • Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts habe sich diese Entwicklung beschleunigt, weil damit ein Motiv dieser Eliten weggefallen sei, soziale Gegensätze in westlichen Gesellschaften abzuschwächen, etwa durch stabile Beschäftigungsverhältnisse, umfassende Sozialmaßnahmen oder hohe Lohnniveaus.

Mittlerweile verfüge die Managerial Elite über ein Machtmonopol und könne ihre Agenda gestützt auf ihre wirtschaftliche Macht ohne relevanten Widerstand in allen Bereichen des Lebens umsetzen.

Die „Managerial Elite“ als Treiber und populistische Parteien als Folge der „Managerial Revolution“

Diese Elite sei kein zentral geführter einheitlicher Akteur, sondern eine in sich weitgehend homogene globale Subkultur, die in westlichen Gesellschaften bis zu 15 Prozent der Bevölkerung umfasse.

  • Ihre Angehörigen nähmen sich als kosmopolitisch wahr, würden materialistischen Werten anhängen und über hohe berufliche oder akademische Qualifikation und meist auch Einkommen verfügen und in der Regel nur wenige Kinder haben. Auch akademisch gebildete Aktivisten mit niedrigeren Einkommen würden zu dieser Elite gehören.
  • Diese Elite verbinde kulturell die aus materialistischer Weltanschauung stammende Ansicht, dass globale Vereinheitlichung und die Auflösung von Bindungen und Traditionen gleichbedeutend mit Fortschritt und Gerechtigkeit wären. Linke Migrationsaktivisten und “konservative” Globalisierungsbefürworter etwa würden auf dieser Grundlage nahtlos zusammenwirken.

Populistische Parteien seien eine Reaktion der Teile der Bevölkerungen westlicher Staaten, die den schädlichen Folgen des Handelns dieser Eliten ausgesetzt seien und diese Folgen zutreffen erkennen würden, ohne jedoch die Ursachen und Wirkungszusammenhänge des Geschehens zu erfassen. Ihre Anhänger seien in der Regel kulturell entwurzelt und würden durch die Auslagerung von Produktion in Niedriglohnländer sowie durch Migration auch wirtschaftlich immer stärker unter Druck stehen.

Bewertung und Folgerungen

Im Zuge der beschriebenen Entwicklung würden sich laut Lind klassenartige Gegensätze zwischen einer globalen Oligarchie und ihren kulturell entwurzelten oder von Entwurzelung bedrohten Bevölkerungen herausbilden. In den daraus resultierenden Konflikten würden sich voraussichtlich die Oligarchen durchsetzen, weil diese über mehr Ressourcen verfügen würden und ihre Gegner kooptieren sowie über meinungsbildende Institutionen ihre kulturellen Vorstellungen durchsetzen könnten

Dass populistische Parteien diese beschriebenen krisenhaften Entwicklungen aufhalten oder umkehren könnten, ist dabei unwahrscheinlich. Sie sprechen zwar einige der krisenhaften Tendenzen in westlichen Gesellschaften und ihre Symptome an, verfügen aber fast durchgängig nicht über eine kulturelle Vision oder langfristig wirksame Konzepte zu ihrer Überwindung oder auch nur ein Verständnis der kulturellen Ursachen der von ihnen zum Teil erkannten Krisensymptome.

Daher ist langfristig das durch den Soziologen Wolfgang Streeck beschriebene Szenario wahrscheinlicher. Dieser geht davon aus, dass die beobachteten Auflösungsprozesse mit immer größerer Polarisierung und immer stärkerer Erosion der politischen Ordnung in westlichen Gesellschaften verbunden sein werden, was in deren Zusammenbruch münden würde. Im daraus resultierenden Chaos würden dann neue Ordnungskräfte entstehen, wobei noch offen sei, wer diese sein und wie von ihnen geschaffene Ordnung aussehen könnte. (ts)

4 Kommentare

  1. Lauren Southern und Stefan Molyneux analysieren die Lage in Deutschland anhand der Geschehnisse in Hamburg:

    https://www.youtube.com/watch?v=05slPcJ0s0I

    Ich denke es kann erkenntnisfördernd sein, in diesem Zusammenhang über die „Managerial Elite“, die „Managerial Revolution“ und ihre „Früchte“ nachzudenken.

    • Zu den „Früchten“ der „Managerial Revolution“ folgendes:

      https://www.youtube.com/watch?v=kpqOyDdURdw

      200%ige Kapitalisten (die „Managerial Elite“) „koalieren“ gewissermaßen mit der „antikapitalistischen“ Linken (die Antifa ist dabei so etwas wie eine „Putztruppe“).

      Was diese ungleichen Protagonisten (wie im Artikel erwähnt) zunächst eint, ist ihr Kampf gegen den Nationalstaat. Einig sind sie nicht zuletzt auch im Kampf gegen patriotische Rechte, die sich der Auflösung der Nationalstaaten entgegenstemmen.

      Auf den Punkt gebracht lautet ihre (gemeinsame) Devise wahrscheinlich: „Erst einmal die Nationalstaaten zerschlagen, dann sehen wir weiter“.

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