Politikwissenschaftler Fareed Zakaria: Identitätspolitik und Bruchlinienkonflikte in westlichen Gesellschaften

Jacques Bertaux - Der Tuileriensturm (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der amerikanische Politikwissenschaftler Fareed Zakaria ist einer der am stärksten wahrgenommenen Publizisten des Landes zu außenpolitischen und strategischen Fragen. Vor kurzem warnte er in der Washington Post vor dem zunehmenden Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts in westlichen Gesellschaften. Dort sei verstärkt eine Tendenz zu Identitätspolitik zu beobachten, die Bruchlinien in diesen Gesellschaften vertiefe und politisch nicht lösbare Konflikte erzeuge.

Er bezieht sich dabei vor allem auf eine Studie der Politikwissenschaftler Ronald Inglehart und Pippa Norris, die entsprechende Entwicklungen in Europa und den USA untersucht hatten.

Partisanship today is more about identity. […] [I]n the past few decades, people began to define themselves politically less by traditional economic issues than by identity — gender, race, ethnicity, sexual orientation. I would add to this mix social class, something rarely spoken of in the United States but a powerful determinant of how we see ourselves. Last year’s election had a lot to do with social class, with non-college-educated rural voters reacting against a professional, urban elite. […] But if the core issues are about identity, culture and religion (think of abortion, gay rights, Confederate monuments, immigration, official languages), then compromise seems immoral. American politics is becoming more like Middle Eastern politics, where there is no middle ground between being Sunni or Shiite.

Politische Auseinandersetzungen würden in diesem Zusammenhang immer weniger Sachfragen zum Gegenstand haben und in abnehmendem Maße mittels Argumenten ausgetragen.

Bewertung und Folgerungen

Die von Zakaria, Inglehart und Norris beobachteten Konflikte sind im Wesentlichen die Folge von Migration, kulturellen Modernisierungsprozessen und der Identitätspolitik progressiver Akteure.

  • In allen westlichen Gesellschaft ist ein Verlust an kulturellen Gemeinsamkeiten zu beobachten, die in der Vergangenheit die Grundlage eines gesellschaftlichen Konsenses waren, der dazu führte das Identitätsfragen politisch keine zentrale Rolle spielten. Geteilte Kultur erzeugte dabei die Wahrnehmung, einem Gemeinwesen anzugehören, und erlaubte es, politische Sachfragen bei der Verfolgung eines Gemeinwohls in den Vordergrund zu stellen. Die Ursachen dieses Verlusts an kulturellen Gemeinsamkeiten sind vor allem Migration aus fremden Kulturkreisen sowie die Abwendung insbesondere der gesellschaftlichen Eliten von ihren kulturellen Wurzeln im Zuge von Modernisierungsprozessen.
  • Die entstehenden Bruchlinien werden seit den 1960er Jahren durch bestimmte Formen des politischen Aktivismus weiter vertieft. Dieser beruht darauf, dass Akteure sich zum Fürsprecher von Gruppen erklären, die sie als Opfer von Benachteiligung durch den früheren kulturellen Konsens darstellen und so gegen diesen in Stellung bringen. Im Gegenzug für die Forderung von gruppenbezogenen Privilegien im Namen dieser Gruppen fordern diese Akteure dabei politische Unterstützung von ihnen. Die „Ehe für alle“ ist ein Beispiel für diese Art der Identitätspolitik.

Diese Entwicklungen verbrauchen die noch vorhandene kulturelle Substanz des Gemeinwesens und erzeugen balkanisierte Gesellschaften. Diese werden langfristig von Konflikten zwischen den Identitätsgruppen gekennzeichnet sein. Ein stabiler Zustand ist dabei möglich, wenn auf Grundlage eines stabilen Machtgleichgewichts zwischen den Gruppen ein Modus Vivendi gefunden wird. Ansonsten eskalieren solche Konflikte solange, bis sich entweder ein solches Machtgleichgewicht herausbildet oder eine der Gruppen sich durchsetzt und entweder mittels Zwang oder durch Überzeugung einen neuen kulturellen Konsens schafft. (ts)

2 Kommentare

  1. „Ansonsten eskalieren solche Konflikte solange, bis sich entweder ein solches Machtgleichgewicht herausbildet oder eine der Gruppen sich durchsetzt und entweder mittels Zwang oder durch Überzeugung einen neuen kulturellen Konsens schafft.“

    Das scheint mir sehr optimistisch. Historisch gesehen scheinen Massaker und ethnische Säuberungen das wahrscheinlichere Ende einer solchen Entwicklung.

  2. „Ansonsten eskalieren solche Konflikte solange, bis sich entweder ein solches Machtgleichgewicht herausbildet oder eine der Gruppen sich durchsetzt und entweder mittels Zwang oder durch Überzeugung einen neuen kulturellen Konsens schafft.“

    Ansonsten eskalieren solche Konflikte solange, bis die Mächtigen mittels Medien und anderer Manipulationstechniken die Gruppen endgültig auFeinanderjagen.

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