Pankaj Mishra: Die Schattenseiten der Aufklärung und die globale Krise des Liberalismus

Pierre-Antoine Demachy - Das Fest des Höchsten Wesens (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der indische Essayist Pankraj Mishra ist vor allem durch Aufsätze bekannt geworden, in denen er sich mit den Folgen der Globalisierung auseinandersetzt. In einem aktuellen Gespräch äußert er sich unter anderem über die globale Krise des Liberalismus und die durch sein Wirken ausgelösten Verwerfungen.

Die Globalisierung betrachtet er dabei als praktische Umsetzung der Gedanken der Aufklärung und insbesondere der Gedanken Voltaires über eine “kosmopolitische Welt, die von Handel und unternehmerischen Individuen zusammengehalten wird.” Versuche, die entsprechende  Ideologie durchzusetzen, hätten jedoch sowohl in Europa als auch weltweit zahlreiche negative Begleiterscheinungen gehabt.

  • Die durch den Liberalismus ausgelösten Modernisierungsprozesse seien etwa “immer schon extrem gewalttätig” verlaufen. Die durch sie ausgelöste “Entwurzelung und Entfremdung” der Menschen “von ihren Familien, ihren Gemeinden, von den Dingen, die Individuen psychologischen Halt geben”, habe in der Vergangenheit in Europa die Grundlage für die Ausbreitung totalitärer Ideologien geschaffen. Dies wiederhole sich im Zuge der Globalisierung nun auch in anderen Regionen der Welt, was zudem Konflikte und “Failed States” erzeuge. Verstärkt würde dies durch die “Illusion”, dass “spezifische Gegebenheiten” etwa kultureller Art vernachlässigbare Größen darstellen würden.
  • Die Aufklärung habe zudem eine “imperialistische Kehrseite”. Zu deren ersten Zielen habe auch Deutschland im Zuge der Eroberung durch Napoleon gehört. “Zwei brutale Weltkriege, Völkermord und ethnische Säuberungen” seien Teil der Durchsetzung von Aufklärung und Liberalismus in Europa gewesen. Die Globalisierung knüpfe an diese Seite der Aufklärung an und erzeuge Widerstand in Form von nationalistischen Bewegungen, was weitere Konflikte nach sich ziehe.
  • Das Menschenbild der Aufklärung, das dem Liberalismus zugrundeliege, sei außerdem “extrem einfältig”. Die Vorstellung, dass Menschen alleine ihrem “wirtschaftlichen Eigeninteresse folgen und dadurch einen Beitrag zum Gemeinwesen leisten”, sei fehlerhaft verkürzt. Die Folgen des kulturellen Vergessens des komplexeren Menschenbildes, das auch die Schwächen der Natur des Menschen und seine inneren Widersprüche ausreichend berücksichtige, seien absehbar “katastrophal”.

Mishra betrachtet den Wiederaufbau Europas nach der Herrschaft totalitärer Ideologien zudem weniger als Leistung des Liberalismus, sondern als Leistung des christlichen Konservatismus:

Es waren vor allem christlich-demokratische Politiker, meist Katholiken, mit spezifischen Vorstellungen von menschlicher Würde und Menschenrechten, die eine entscheidende Rolle beim Wiederaufbau Europas gespielt haben. Das ist für viele Atheisten eine unangenehme Tatsache. Die Zeit nach 1945 als Siegeszug des Liberalismus zu bezeichnen, scheint mir daher nicht ganz akkurat zu sein.

Bewertung und Folgerungen

Es gibt Überschneidungen zwischen der Globalisierungskritik Mishras, die vor allem die kulturellen Folgen der Durchsetzung materialistischer Weltanschauung im Zuge der Globalisierung anspricht, und der christlichen Globalisierungskritik etwa Robert Kardinal Sarahs, der in dieser Frage noch deutlicher Stellung bezieht als Mishra.

Die christliche Kritik argumentiert zugleich differenzierter und erkennt die Leistungen von Aufklärung, Liberalismus und kultureller Moderne stärker an als es Mishra tut. Papst Benedikt XVI. sagte etwa, dass es angesichts dieser Leistungen unangemessen sei, diese Weltanschauungen und Phänomene grundsätzlich zurückzuweisen. Weil es zudem weder wünschenswert wäre noch auch aus praktischen Gründen möglich sei, zu einem früheren Zustand zurückzukehren, müsse es deshalb darum gehen, die Moderne christlich zu gestalten und dabei den destruktiven Tendenzen materialistischer Ideologien entgegenzuwirken.

Der vom christlichen Denken geprägte Konservatismus hat in diesem Sinne frühzeitig damit begonnen, die Stärken des Denkens der Aufklärung und des Liberalismus zu integrieren. Dies stellte auch deshalb keine große Herausforderung dar, weil die Stärken dieser Weltanschauungen das Produkt christlich-geprägter Kultur sind. Ihre Integration folgte dabei dem aus katholischen Denken stammenden Ansatz, der davon ausgeht, dass alle geistigen Konzepte Wahrheitskerne enthielten, die mittels der Vernunft freigelegt und in das eigene Denken integriert werden könnten.

Wie das von Mishra erwähnte Beispiel des Wiederaufbaus Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Grundlage des christlichen Konservatismus zeigt, kann dieser Ansatz fruchtbar sein. Allerdings war dieser Konservatismus zu schwach, um den seit den 60er Jahren in Europa erstarkenden utopischen Ideologien wirksam zu begegnen und zu verhindern, dass diese durch ihr Wirken viele der Herausforderungen erzeugten, denen Europa und die Welt heute gegenüberstehen. (ts)