Demographie: Antinatalistische Effekte moderner Kultur und Weltanschauung

Louis Janmot - Ein Geschenk des Himmels (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Im neugegründeten Philosophiemagazin Jacobite vertritt der Autor Nick Land die These, dass die Ausrichtung moderner Gesellschaften auf die Maximierung wirtschaftlicher Effizienz eine kulturelle Fehlanpassung darstelle, welche durch ihre antinatalistischen Effekte die demographischen Grundlagen dieser Gesellschaften zerstöre:

At the demographic level, modernity selects systematically against modern populations. The people it prefers, it consumes.

Die auf materialistischer Weltanschauung beruhenden materiellen Ziele dieser Gesellschaften würden eine Kultur formen, in deren Wertmaßstäben Elternschaft und Nachkommen zunehmend als nachteilig wahrgenommen würden. Gleichzeit schaffe diese Kultur materielle Bedingungen, in denen beides zunehmend mit Nachteilen verbunden sei.

  • Die Konzentration des wirtschaftlichen Lebens auf Großstädte führe auch zur Konzentration der Menschen, von denen die Existenz moderner Gesellschaften in besonderem Maße abhänge, in diesen Städten. Dort seien jedoch die mit Kindern verbundenen Kosten so hoch, dass materielle Gründe oft gegen Nachkommen sprechen würden.
  • Kulturelle Faktoren würden dies weiter verstärken. Selbstverwirklichung sei etwa in modernen Gesellschaften mit beruflichem Erfolg gemessen an hohen Einkommen verbunden. Dies erfordere immer höhere Qualifikationen, was sich in steigenden Ausbildungskosten von Kindern äußere, die vorwiegend von Eltern zu tragen seien. Gleichzeitig werde die Berufstätigkeit von Frauen gegenüber der Mutterschaft immer stärker abgewertet. Modernen Kleinfamilien würde so zusätzlicher Aufwand für externe Kinderbetreuung entstehen.
  • Die Wahrnehmung von Bindungslosigkeit als Freiheitsgewinn oder die Auflösung traditioneller Geschlechterrollen und den damit verbundenen Idealen von Vater- und Mutterschaft komme zudem dem Leben in modernen Großstädten entgegen und werde daher gerade von den wirtschaftlich produktivsten Bevölkerungsteilen übernommen.

Das Überleben moderner Gesellschaften werde angesichts ihrer Tendenz zur Kinderlosigkeit daher zunehmend vom Import von Arbeitskräften aus fremden Kulturen abhängig, was durch das wirtschaftliche Interesse zur Ausweitung des Arbeitsmarktes zur Senkung von Lohnkosten noch verstärkt werde. Da viele der Migranten die kulturellen Annahmen der sie einführenden Gesellschaften nicht teilen und sich vielfach nicht assimilieren würden, sei das absehbare Ergebnis langfristig die sowohl demographische als auch kulturelle Selbstverzehrung dieser Gesellschaften.

Bewertung und Folgerungen

Der Autor bewertet die von ihm identifizierten Treiber der demographischen Krise westlicher Gesellschaften als Ausdruck kultureller Fehlanpassung. Dieser ursprünglich aus der Biologie stammende Begriff wurde auch von einigen Völkerkundlern wie Robert B. Edgerton übernommen, um dysfunktionale Anpassungen von Kulturen an die Herausforderungen ihrer Umwelt zu beschreiben.

Dabei ist insbesondere ein Zusammenhang zwischen Säkularität, Modernität und Kinderlosigkeit zu beobachten, wie u.a. die Forscher Sarah R. Hayford und S. Philip Morgan beobachtet hatten:

Using data from the 2002 National Survey of Family Growth (NSFG), we show that women who report that religion is “very important” in their everyday life have both higher fertility and higher intended fertility than those saying religion is “somewhat important” or “not important.” […] We show that those saying religion is more important have more traditional gender and family attitudes and that these attitudinal differences account for a substantial part of the fertility differential.

Das Christentum in westlichen Gesellschaften ist dabei in dem Maße von diesen Entwicklungen betroffen, in dem es sich moderner Kultur angepasst hat.

Der katholische Theologe George Weigel beschrieb in diesem Zusammenhang, dass in dieser Kultur das Verhältnis zum Heiligen gestört sei, weshalb dieser Kultur angehörige Menschen je nach weltanschaulicher Variante entweder aus der Welt verschwinden wollten oder keine über dem Individuum stehende Ordnung und keine übergenerationalen Ziele mehr anerkennen würden, so dass von ihnen auch die mit Nachwuchs verbundenen Opfer häufig nicht mehr als sinnvoll verstanden und daher unterlassen würden. Ein Indikator dafür sei, dass die politischen Führungen der wichtigsten Staaten Europas durch kinderlose Politiker gestellt würden. Diese repräsentierten einen Lebensstil, dessen Horizont nicht über das eigene Leben hinausreiche.

Die Wiederherstellung eines intakten Verhältnisses zum Heiligen und sowie hinreichender Übereinstimmung des Denkens und Handelns mit den Erfordernissen geistiger und materieller Wirklichkeit in den tragenden Gruppen westlicher Gesellschaften wäre somit die erste Voraussetzung zur Korrektur der demographischen Krise dieser Gesellschaften. Keine nur auf materiellen Anreizen beruhende Bevölkerungspolitik könnte diesbezügliche kulturelle Defizite angemessen ausgleichen. (ts)