Christian Trull: Das Ethos des Dienstes des Soldaten

Die Streiter Christi - Darstellung auf dem Genter Altar (gemeinfrei)

Generalmajor a.D. Christian Trull hat vor allem Verwendungen in der Panzer- und Panzergrenadiertruppe durchlaufen und ist durch eine Rede bekannt geworden, in der er 2005 eine traditionsorientierte Position zur Frage des Ethos des Dienstes des Soldaten bezogen hatte. In der aktuellen Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat er sich vor dem Hintergrund der aktuellen Verwerfungen in der Bundeswehr erneut zu dieser Frage geäußert.

Dabei betonte er, dass der Dienst des Soldaten sich nicht auf materielle Motive stützen könne:

Soldaten wollen und benötigen Vorbilder, die auch selbst gekämpft haben. Denn die Ausbildung muss zwingend auf Einsatz und Gefecht vorbereiten. Und das geschieht nicht nur durch das Hinstellen von Waffen, sondern durch die Vermittlung einer Motivation, die es dem Soldaten ermöglicht, das Gefecht durchzustehen. Die wird man nicht allein aus der Geschichte der Bundeswehr ableiten können, deshalb muss auf zeitlich entferntere Beispiele zurückgegriffen werden – ohne dass man den politischen Hintergrund nur eine Minute für richtig hält oder die Geschichte verdrängt.

Außerdem betonte er, dass der Dienst des Soldaten besondere Werte und Tugenden erfordere, die oft im Gegensatz zu denen der modernen Gesellschaft stehen würden:

Der Soldat muss sich an Werte halten, die von der Zivilgesellschaft überwiegend zurückwiesen werden. Daraus erwächst ein Gegensatz, weil der Soldat nur die Realität, nicht aber die Illusion kennen darf. Wir wissen, dass bisweilen Gewalt eingesetzt werden muss, um zu schützen, zu bewahren, zu verteidigen. Zwar die Gewalt des Guten, aber eben doch Gewalt. Und wir müssen immer mit eigenen Verlusten rechnen. Politiker und Gesellschaft verdrängen das gerne. […] Im Bendlerblock tut man so, als ob es im Grundbetrieb der Bundeswehr gar nicht um töten und getötet werden ginge. Das ist Ausfluss der überwiegend pazifistischen Ausrichtung unserer Zivilgesellschaft. Deren Leitbilder sind aber unvereinbar mit dem Ethos einer Truppe, die in Einsatz und Kampf geschickt wird: Tapferkeit, Gehorsam, Disziplin, Zusammenhalt – übrigens alles Tugenden, die im Soldatengesetz gefordert werden, weil Einsatz und Gefecht besondere Haltungen und Einstellungen erzwingen.

Einige dieser Gedanken kamen bereits in General Trulls Rede aus dem Jahr 2005 zum Ausdruck, die er mit den Worten „Gott schütze sie, ich melde mich ab“ beendet hatte.

Bewertung und Folgerungen

Das Verständnis von Soldatentum, das in den Worten General Trulls zum Ausdruck kommt, geht auf das christliche Konzept des Rittertums zurück. Dieses betont etwa den schützenden, dienenden Aspekt des Soldatentums sowie den Aspekt des freiwillig geleisteten, dem Gehorsam gegenüber Gott und dem Gewissen nachgeordneten Gehorsams gegenüber einer Führung, solange diese guten und gerechten Anliegen wie etwa dem Schutz der Ordnung oder des Gemeinwesens dient und daher „das Schwert nicht ohne Grund trägt“ (Röm 13,4). Dieser besondere Dienst des Soldaten beinhaltet auch besondere Pflichten, welche die Inkaufnahme von Risiken für das eigene Leben selbstverständlich mit einschließen.

Diesem Verständnis diametral entgegengesetzt ist das moderne Verständnis, das im Soldatentum eine Form der Erwerbstätigkeit sieht. In diesem Verständnis dient der Soldat nicht, sondern ist aus primär materiellen Motiven für einen Arbeitgeber tätig, der ihn weitgehend losgelöst von Verpflichtungen auf das Gemeinwohl oder den Schutz und die Verteidigung des Gemeinwesens einsetzen kann. In dieser Hinsicht ähnelt der Soldat im modernen Verständnis eher dem klassischen Bild des Söldners.

Da der Söldner jedoch in der Regel insbesondere beim Wegfall seiner individuellen materiellen Vorteile seine Tätigkeit einstellt oder in ihrem Rahmen nur begrenzt risikobereit ist, ist ein Gemeinwesen, das sich auf Söldner stützt, in Krisenzeiten verwundbarer als ein Gemeinwesen, das sich auf ein kulturell mit dem Christentum verbundenen Verständnis von Soldatentum stützt. Dieser Gedanke findet sich außerhalb eines militärischen und politischen Kontexts auch in einem Gleichnis im Johannes-Evangelium (Joh 10, 12-13):

Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe. Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, lässt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Er flieht, weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt.

Ein Dienst des Christentums am Gemeinwesen besteht darin, dieses dienende Ethos durch persönlichen Einsatz in alle Bereiche des Lebens, darunter auch die Politik und die Streitkräfte, hineinzutragen. Auch hier ist es eine Aufgabe des Christentums, die kulturelle Substanz zu schaffen und zu regenerieren, von welcher der säkulare, freiheitliche Staat abhängt ohne sie selbst schaffen zu können. Auch säkulare Weltanschauungen sind ihrer Betonung von Individualismus und Eigennutz dazu nicht in der Lage, wie auch General Trull mit seinem Verweis auf den Gegensatz zwischen der Kultur des Soldatentums und derjenigen der modernen Zivilgesellschaft betont. (ts)

1 Kommentar

  1. Wer weiß, vielleicht bereitet Frau von der Leyen die Bundeswehr auf den Übergang zu einer Söldnerarmee vor – nicht in diesem, aber vielleicht im nächsten Jahrzehnt? Es würde zur aktuellen Lage passen, in der staatliche Funktionen zunehmend nur noch simuliert werden, z.B. Grenzschutz.

    Dem faktischen Wandel geht immer ein kultureller Wandel voraus, den Frau vdL wohl als ihr Erbe ansieht (Flachbildfernseher, Schwangerschaftsuniformen), und auch die gegenwärtige Entwicklung zu einer postdemokratischen, multikulturell fragmentierten Gesellschaft wäre ohne die vorausgehenden Werteverschiebungen nicht denkbar. In sofern kam der Bundesministerin der „Fall Franco A.“ gelegen, nicht nur als Ablenkung vom darüber hinausgehenden Skandal (grundlegendes Versagen des Asylsystems), sondern als Anlass zu einer politisch-kulturellen Säuberung der Bundeswehr. Das Alte raus, das Neue rein.

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