Steven R. Quartz: „Narrative des Niedergangs“ als mutmaßlicher Ausdruck von Wahrnehmungsstörungen

Rembrandt - Das Gastmahl des Belsazar (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Neurowissenschaftler Steven R. Quartz lehrt am California Institute of Technology. In einem Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung vertritt er die These, dass die Lage der Welt sich grundsätzlich zum Besseren verändere, und dass Kulturpessimismus daher Ausdruck einer Wahrnehmungsstörung sei.

Quartz argumentiert dabei vor allem damit, dass sich die materielle Lage der meisten Menschen in den vergangenen Jahrzehnten verbessert habe. Die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben würden, sei etwa deutlich zurückgegangen, während die Lebenserwartung allgemein zunehme. Negative Wahrnehmungen bezüglich der Entwicklungen in der Welt seien vor diesem Hintergrund irrational.

Ursache für solche Wahrnehmungen sei eine verbreitete Wahrnehmungsstörung, die zu einer Idealisierung der Vergangenheit führe und Menschen anfällig für “Narrative des Niedergangs” und Kulturpessimismus mache. Vor der Wahrnehmung einer negativen Entwicklung müsse man jedoch “auf der Hut sein”, weil sie “Urgefühle von Furcht” auslöse, “was wiederum dazu führt, dass eine rationale Einschätzung nicht mehr möglich ist.”

Bewertung und Folgerungen

Die Argumentation von Quartz weist drei wesentliche Mängel auf:

  • Quartz betrachtet das Geschehen in der Welt aus einer materialistischen Perspektive und blendet nichtmaterielle Kriterien der Bewertung des Geschehens vollständig aus. Wesentliche Aspekte menschlicher Existenz sowie gesellschaftlicher und kultureller Entwicklung bleiben für ihn somit vollständig unsichtbar; und sein Blick auf die Wirklichkeit ist in einer Weise verengt, die dieser nicht gerecht wird.
  • Er argumentiert zudem ausschließlich auf einer globalen Ebene, so dass lokale und regionale Entwicklungen nicht sichtbar werden, und blendet dabei außerdem wesentliche materielle Indikatoren aus. Ein Blick auf die konkreten Bedingungen westlicher Gesellschaften belegt jedoch bei einigen materiellen Sozialindikatoren existentielle Herausforderungen. Dies gilt etwa für die demographische Entwicklung, die in fast allen westlichen Gesellschaften seit langem nicht mehr nachhaltig ist.
  • Da Quartz auf Grundlage seiner materialistischen Ideologie blind für die kulturellen Triebkräfte der Entwicklung von Gesellschaften ist, zieht er zudem nicht die Möglichkeit von künftigen Trendbrüchen bei der Entwicklung materieller Indikatoren in Folge der Erschöpfung kultureller Substanz in Erwägung. Er ähnelt hier einem Piloten, der sich unmittelbar nach einem Triebswerksausfall dadurch zu beruhigen versucht, dass sein Flugzeug zunächst noch an Höhe gewinnt und es daher irrational sei, ein grundsätzliches Problem anzunehmen.

Quartz hat den Rahmen seiner Argumentation so gesetzt, dass für die Zukunft westlicher Gesellschaften existentiell bedeutsame negative Entwicklungen unsichtbar bleiben. Gleichzeitig versucht er, einen verengten Blick auf die Wirklichkeit zum Ausdruck überlegener Rationalität zu erklären. Ein umfassenderer Blick auf die Entwicklung europäischer Gesellschaften offenbart jedoch existentielle Herausforderungen, die Quartz mit seinem Ansatz nicht erkennen kann. Seine Diagnose über mutmaßliche Wahrnehmungsstörungen und Irrationalität bei den Vertretern einer skeptischeren Weltsicht scheitert somit ausgerechnet an seiner unvollständigen Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Ein rationaler Kulturpessimismus beruht auf der Erkenntnis, dass geistige und kulturelle Faktoren für die Entwicklung von Gesellschaften wichtiger sind als von ihnen abhängige materielle Faktoren. Ein solcher Kulturpessimismus ist sich zudem der Schwächen der menschlichen Natur und der Fragilität aller kulturellen Werke bewusst. Die Kontinuität von Gemeinwesen beruht darauf, dass wachsame Eliten einen solchen Kulturpessimisus pflegen, denn nur er ermöglicht es, strategische Herausforderungen auf der entscheidenden geistig-kulturellen Ebene angemessen zu erkennen und ihnen rechtzeitig und wirksam zu begegnen. (ts)

1 Kommentar

  1. Einst verkündete Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“ und ergötzte sich an der Vorstellung, dass die Menschheit zu einem Einheitsbrei globaler Nomaden, zu einer austauschbaren Masse von Konsumenten und Arbeitskräften gefleischwolft wird.
    Herr Fukuyama ging aber nicht so weit, alle, die seine Vision nicht teilen, pauschal zu engstirnigen Dumpfbacken oder gar wahrnehmungsgestörten Kranken zu erklären.
    Herr Quartz hingegen tut sich keinen Zwang an, wann greift er die Forderung von Herr Barnett auf, all diese Gestörten einfach zu töten?

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