Ernst Jünger: Das Christentum als Wurzel der Erneuerung Europas

Der Schriftsteller, Philosoph und Offizier Ernst Jünger stand dem Widerstand im Dritten Reich nahe. Als Mitarbeiter des Widerstandskämpfers General Carl-Heinrich von Stülpnagel verfasste er 1943 eine Denkschrift mit dem Titel „Der Friede“, in der er eine mögliche Ordnung für ein Europa nach dem Sturz der nationalsozialistischen Herrschaft skizzierte. In dieser Schrift stellte er das Christentum den totalitären Utopien und Ideologien seiner Zeit gegenüber und betrachtete es als Wurzel einer möglichen Erneuerung Europas.

Jünger, der sich im Lauf seines Lebens immer stärker dem Christentum zuwandte und schließlich Katholik wurde, sah nur im Christentum das Potential, „inmitten der Katastrophe“ die kulturellen Ressourcen bereitzustellen, die für eine solche Erneuerung erforderlich seien:

Vorerst hat in Europa die christliche Kirche nur Gegner, die verneinen und die sie überdauern wird, denn immer noch ist sie das stärkste der alten Bänder, welche die Zeiten der nationalen Trennung überdauerten. Auch faßt sie in ihrem Schoß die größte Summe von Glauben, die noch lebendig geblieben ist. Sie zeigte sich in den Feuerwelten und in den Malstromwirbeln des Nihilismus als Macht, die noch das Heil von Millionen beschirmte, nicht nur vor ihren Kanzeln und Altären, sondern auch in den Geistesdomen ihrer Lehre und in der Aura, die den Gläubigen umgibt und die ihn auch in der Stunde des Todes nicht verläßt. Es zeugten neue Märtyrer für sie.

Auch mußte der Mensch erfahren, daß ihm inmitten der Katastrophe keines der ausgeklügelten Systeme und keine seiner Lehren und Schriften Rat gewährte, es sei denn zum Schlimmeren. Sie führten alle auf Tötung zu und auf Verehrung der Gewalt. Dagegen trat in den Wirbeln des Unterganges deutlicher als jemals die Wirklichkeit der großen Bilder der Heiligen Schrift und ihrer Gebote, Verheißungen und Offenbarungen hervor. In den Symbolen des göttlichen Ursprungs, der Schöpfung, des Sündenfalles, in den Bildern von Kain und Abel, von der Sintflut, von Sodom und vom Turm zu Babel, in den Psalmen, Propheten und in der den niederen Gesetzen der Schreckenswelt höchst überlegenen Wahrheit des Neuen Testaments ist uns das Muster, das ewige Gradnetz vorgezeichnet, das menschlicher Historie und menschlicher Geographie zugrunde liegt. Daher läßt sich auf diesem Buche auch jeder Bund beschwören, so wie es die Männer von Pitcain taten, die Überlebenden von Schiff brüchigen auf einer Insel des Stillen Ozeans. Sie hatten dort wie Wölfe einander nachgestellt, bis endlich die höhere Natur in ihnen zum Frieden Kraft gewann.

Auf jenem Eiland erkannte man die Rückkehr zur Bibel als moralische Notwendigkeit und gründete auf sie die Institution. Das zeichnet sich auch für unsere Lage vor.

Da mit dem Ende nationalsozialistischer und kommunistischer Herrschaft die Herausforderung durch utopische Ideologien und ihr Wirken nicht beendet war, bleibt Jüngers Aufruf unverändert aktuell. (ts)

11 Kommentare

  1. Es ist schon bemerkenswert, wie sich der nüchterne, anfangs keineswegs religionsnahe und naturwissenschaftlich geschulte Ernst Jünger seit den späten 1930er Jahren immer mehr für das Christentum interessierte. In den „Strahlungen“ (1939 – 45) und in „Der Friede“ (1934 / 44) ist das unübersehbar, aber auch in den „Marmorklippen“ (1939) klingt bereits die Hochachtung vor dem geistigen Potential des Christentums an. Interessant übrigens, wie sehr er auch gerade die großen Bilder des Alten Testaments als zeitlos gültige Lehren ansah, während Details des Neuen Testaments oder die von Paulus entwickelte Christologie ihn offenbar weniger berührt haben.

    Jüngers Suchen nach einem tragfähigen geistigen und ethischen Fundament muss natürlich vor dem Hintergrund der Revolution des Nihilismus und der Ausweitung der Kampfzone auf alle, auf jeden und auch auf jeden Raum gesehen werden. Ohne das Zusammenbrechen aller Werte in Tyrannei, in totalem Krieg und „inmitten der Katastrophe“ hätte er diesen Schwenk womöglich nicht geschafft.

    Heute ist die Situation allerdings anders, denn die damals stattgefundenen Rechtsbrüche, Exzesse, Terrorangriffe, Ausmordungen usw. sind heute trotz der islamistischen Anschläge und der Anmaßungen der aktuellen Machthaber für die meisten heutigen Menschen (zum Glück) ferne Vergangenheit und betreffen nicht die erlebte Gegenwart.
    Anders gesagt: Noch geht es den Leuten trotz des zuehmenden Terrors viel zu gut, als dass sie die Notwendigkeit eines tragfähigen geistig-moralischen Fundaments jenseits von Hedonismus und ziviler Pseudoreligion überhaupt als Thema und Aufgabe erkennen. Die Leute sehen die Katastrophe lediglich als ferne theoretische Möglichkeit, als Kassandrarufe der „üblichen Verdächtigen“, nicht aber als realistische Möglichkeit.

    Daraus folgt, dass die Bereitschaft, das Christentum als Fundament ernst zu nehmen, bei der großen Mehrheit (noch) fehlt. Die utopischen Ideologien der Gegenwart haben ihre Destruktivkraft noch nicht in ganzer Ausprägung offenbart. Die Lage ähnelt von daher eher den Anfängen des Zweiten Weltkriegs … Wie es aber aussieht, wenn wir wieder in „Feuerwelten“ eintreten, ist offen.

    Die nächste Frage ist natürlich, wie viel Substanz sich die Katholische Kirche heute – immerhin 73 Jahre später – noch bewahrt hat. Man darf aber annehmen, dass sie diese Kraft zumindest in bestimmten Orden und Kommunitäten noch hat.

  2. Jünger und Spengler waren große Geister, die schon auf dem Höhepunkt der Weltgeltung Europas den Geruch von Dekadenz und Verfall wahrnehmen konnten. Jünger glaubte an die Erneuerung des Abendlandes, Spengler war da weit pessimistischer. Beide sahen die Große Kapitulation vorraus, deren Höhepunkt wir entgegensteuern. Im immer kürzeren Abständen erreichen uns Hiobsbotschaften, die noch vor wenigen Jahren die Mehrheit der Bevölkerung nicht für möglich gehalten hätte…heute hat sich diese Mehrheit an den Schrecken gewöhnt. Jeder Hauch von Widerstand wird von Oben erstickt. Sicherlich hat Frau May Mitschuld an der Entwicklung, sicherlich schielt sie auf die kommenden Wahlen. dennoch hat sie sich, wenn auch unter Druck, dazu entschlossen, zumindest im Ansatz gegenzusteuern. Und das ganze Establishment heult auf vor Schmerz. Allein schon die Möglichkeit, dass ein westeuropäisches Land vom Kurs abweicht, soll unterbunden werden.
    Imre Nagy war ein überzeugter Kommunist, er wollte den ungarischen Volksaufstand von 1956 nicht. Doch er wurde von den entfesselten Kräften mitgerissen, wurde zum Freiheitskämpfer wider Willen und starb am Ende als Held einer Sache, die er fast sein ganzes Leben lang bekämpft hatte.
    So etwas fürchten die Eliten: Einen Imre Nagy, der erschossen und mit dem Gesicht nach unten verscharrt wurde, für ihn läuteten keine Totenglocken, aber sie läuteten das Ende des Ostblocks ein…sie fürchten einen Arminius, der vom priviligierten Römling zum Verteidiger einer stammesübergreifenden Freiheitsidee wurde. Arminius starb durch die Hand der eigenen Gesippen, aber durch ihn konnte das spätere Deutschland leben.
    Vielleicht leben sie; Menschen wie Imre Nagy, Arminius, Andreas Hofer, Johanna; ja bereits unter uns als bisher loyale Diener des Systems oder brave Schafe; deren Stunde kommen wird.

    • @ Atilla Vargas

      Diese Menschen gibt es.
      Was sie zurückhält, ist wahrscheinlich der Eindruck, dass ihnen dann nicht genug Leute folgen würden, sodass ihr Gang eher einem Opfergange gliche als dem eines künftigen Helden.

      Wenn dem so ist, dann bleibt diesen Freiheitskämpfern nur noch das eigene Gewissen und der Entschluss zum Handeln, damit gehandelt wird. Das Handeln selbst um den Preis des Scheiterns, um aber vor dem eigenen Gewissen, vor der Welt und der Geschichte bestehen zu können. Es ist klar, dass so ein Handeln leicht enden kann, wie bei Imre Nagy und anderen tragischen Helden.
      In einer glaubenslosen und atomisierten Zeit wie der unseren hat der tragisch scheiternde Held meist nicht das spirituelle Fundament, nicht die Hoffnung auf ein Jenseits und noch nicht mal die Vorstellung, Ruhm und Ehre zu erwerben und später von den Nachgeborenen besungen zu werden. Eher würde seine Asche verstreut werden, so wie es 1944 auf den Berliner Rieselfeldern geschah.

      Andere Unzufriedene mögen durch Überlegungen zurückgehalten werden, die denen von Ernst Jünger in Paris des Frühsommers 1944 ähneln. Jünger hatte, obwohl wichtigen Personen des Widerstandes nahe stehend und selbst von der Bösartigkeit des Regimes überzeugt, doch gezögert sich den Verschwörern anzuschließen. Sein Zweifel, ob ein Attentat etwas am katastrophalen Ablauf der Dinge ändern könnte, überwog. Interessanterweise hatte er eben diese Konstellation – aktives Handeln oder aber Widerstand im Geiste – bereits 1939 in den „Marmorklippen“ behandelt. Er beantwortete diese Frage im Buch indirekt, indem er den namenlosen Helden zwar am Feldzug gegen den Oberförster teilnehmen lässt, gleichzeitig aber das vollkommene Scheitern der Unternehmung breit ausmalt. Am Ende ist die Lage schlimmer als zuvor und die Niederlage vollständig.

      Und doch. Die Zeit mag kommen, wo für bisher loyale Diener des Systems oder brave Schafe die Stunde gekommen sein wird.

      • Sehr geehrter Waldgänger,
        ich muss leider zugeben, dass ich nur kürzere Texte Ernst Jüngers und sein Buch über die Freicorps (das Thema liegt mir am Herzen, da einer meiner Urgroßväter 1919 in der Weißen Ungarischen Armee gegen die Räterepublik kämpfte) gelesen habe, bin aber fest entschlossen, sein Werk „Weltstaat“ zu erwerben. So wie man dieses Buch als erschreckend reale Vision unserer Zeit bezeichnen kann, so hat ihn vielleicht 1944 sein Instinkt gewarnt: Selbst wenn das Attentat und der Putsch geglückt wären, hätte dies lediglich eine Ehrenrettung der Wehrmacht mit sich gebracht.Wie ein bekannter britischer Ehrenmann schrieb, waren die beiden Weltkriege ein zweiter 30jähriger Krieg gegen ein zu starkes Deutschland, die Beseitigung des Gröfaz hätte am Ausgang nichts geändert.
        Zumindest ein Gutes hat die Krise: Sie schärft auch bei konservativen, national denkenden Menschen den Blick für das gemeinsame abendländische Erbe. Die aktuelle Bedrohung hat zum Beispiel den Ungarn und ihren Nachbarvölkern ihre Gemeinsamkeiten vor Augen geführt, die vielleicht unweit mehr wiegen, als unbeglichene historische Rechnungen. Im Sommer 2015 sah ich an einer Tankstelle an der Autobahn zwischen Budapest und Nickelsdorf slowakische Militärpolizisten oder Grenzjäger aus einem Bus steigen. Ich hätte es vorher nie für möglich gehalten, dass ich mich über den Anblick slowakischer Uniformen freuen würde!
        Vielleicht bekommen wir ja statt eines Europa der Technokraten und Lobbyisten ein Europa der Helden wider Willen- und wenn es auch nur ein Konföderation alt-europäischer Enklaven ist.

  3. @Attila Varga und Waldgänger

    Auf die Gefahr hin belehrend zu wirken, möchte ich frei Pfarrer Milch zitieren:

    „Wer ist die Rettung ? DU !“

    Ich selbst tendiere ja dazu, zu „blackpilled“ zu sein. Spengler sah unseren Niedergang recht genau voraus, weil er in Jahrhunderten statt in Jahrzehnten dachte. Er wurde aber immer insofern missverstanden, als dass er angeblich einen Zusammenbruch der Zivilisation en détail hätte vorhersagen wollen. Im übertragenen Sinne sagte er aber eher voraus, dass es im Winter eben kälter sein wird: es sind vage Voraussichten, die ausdrücklich die Veränderungskraft großer Individuen einschließen. Es liegt eben an uns, für eine Heizung zu sorgen, um im Bild zu bleiben. Spengler sagte nur, dass wir 2000 ff. erfrieren werden, wenn wir nicht dafür sorgen.

  4. Lieber Graurabe,
    ich kann nicht für Waldgänger sprechen, aber ich habe mich „evolutionsmäßig“ nicht von meinen bäuerlichen Vorfahren entfernt. Diese waren davon überzeugt ,dass die „Herren“ (heute würde man „Eliten“ sagen) = der König bzw. der Kaiser in Wien, der Adel, die Kirche und der wohlhabende, gebildete Großbürger in der Stadt, bei die jüngere Tochter als Magd arbeitet, schon alles richtig machen. Der liebe Gott gab ihnen schließlich Reichtum und Macht, damit sie alles bedenken und weise walten. Die Vorfahren arbeiteten hart, zogen in den Krieg, wenn es sein musste, und kannten kein größeres Glück, als ein altes Ehepaar vor dem Haus zu sitzen, den Enkeln beim Wachsen zuzusehen und ruhigen Gewissen auf Gevatter Tod zu warten.
    Ehrlich gesagt, würde auch ich gerne so leben und mich keinen Deut um Politik oder Geschichte zu scheren. Leider haben sich unsere europäischen Eliten seit 1914 (gepriesen seien die Ausnahmen!) immer wieder als unfähige Hanswurste, Egomanen oder Verräter erwiesen, also kann ich mir Zukunftspläne dieser Art wohl abschminken. Also bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als die Aufgaben zu übernehmen, die der liebe Gott mir zu übertragen gedenkt.

  5. Einen Gruß! an PSE, verbunden mit der Frage, was Stülpnagel nun zu einem „Kämpfer“ im Zusammenhang mit dem sog. „Widerstand“ macht?

    1. Der gescheiterte Versuch, sich selbst zu richten oder 2. der gescheiterte Festnahmeversuch in Paris?
    3. Mein Lieblingskonservativer, Fernau und nicht Jünger, hat doch alles zu jenen gesagt: Dilettanten. Und 4., es greift die Legaldefinition aus § 211 Abs. 2 StGB

    Zu 1.: Unkatholisch. Unevangelisch. Unmännlich. Undeutsch.
    Zu 2.: Das würde auch jeden örtlichen Landrat zum „Krieger“ machen.
    Zu 3.: Unsoldatisch. Unmilitärisch. Unprofessionell.
    Zu 4.: Unkatholisch, unevangelisch, unsittlich, unmoralisch, undeutsch

    • @Exmeyer
      Ein persönliches Risiko ist Stülpnagel doch zweifelsfrei eingegangen. Und auch wenn das Vorhaben aufgrund diverser Mängel nicht erfolgreich war und möglicherweise selbst im Erfolgsfall nicht die gewünschte Wirkung gehabt hätte, so stellt es die Gedanken Jüngers entgegen mancher Vorhaltungen außerhalb des Kontexts, in den sie manche seiner unsachlichen Kritiker stellen wollen.

      • Ich gebe zu, denn Kern Ihrer Aussage nicht erfassen zu können.

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        @PSM: Die SiN suche ich noch höchstens einmal im Monat auf. Gründe:Zeitmangel, bewußtes Ignorieren, schlichtes Geringinteresse.
        Ihnen bleibe ich lesend treu.

      • @Exmeyer
        Ich hatte als „ts“ auf Ihren Beitrag geantwortet, weil hier künftig auch wieder andere Autoren schreiben werden und es sich nur um meine persönliche Ansicht handelt.
        Um anders auszudrücken, was ich sagen wollte: Geschichtspolitik kann aufgrund des Ziel des Vorhabens hier nicht im Vordergrund stehen bzw. würde von diesen Zielen ablenken. Bei der Widerstandsbezügen geht es darum, Lesern, die sich noch nicht näher mit dem Hintergrund Jüngers auseinandergesetzt haben, ein Mittel in die Hand zu geben, mit dem er gegen die erwartbaren Vorhaltungen in Diskussionen mit Außenstehenden zitierfähig gemacht werden kann.
        Ansonsten vielen Dank für Ihre Worte. Auf Ihre Kommentare wurde ich übrigens schon häufiger positiv angesprochen, und es wurde von anderer Seite auch schon bemerkt, dass Sie sich zwar bei SiN zurückgezogen hätten, aber sich hier noch zu Wort melden, was dieses Vorhaben natürlich ehrt.

  6. Davon getrennt, werte ich den Kommunismus marx’scher Prägung als Versuch, der Welt ein Erklärungsmuster zu geben. Und in zweiter Linie hat er sich zu einer geschlossenen Ideologie entwickelt, die, beim genauen Hinschauen, von einer ethnischen Minderheit zu Eigenzwecken gekapert wurde.

    Unterschiedlich ist die damalige Gegenbewegung nicht als Ideologie zu bewerten. Es handelte sich keinesfalls um eine geschlossenes Weltbild. Zutreffender ist der Vorwurf, nicht realistisch genug gewesen zu sein.

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