Demographie: Europas schwindender Wille zur Dauer und seine Ursachen

George Romney - The Children of Granville, 2nd Earl Gower (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der katholische Theologe George Weigel  ist vor allem für seine Schriften zu Fragen der politischen Philosophie bekannt und zählt zu den führenden konservativen Denkern in den USA.  In einem aktuellen Beitrag im christlichen Philosophiemagazin First Things setzt er sich mit den geistigen Ursachen der demographischen Krise Europas auseinander.

  • Europa begehe „demographischen Selbstmord“. Es laufe seit einiger Zeit der gravierendste Bevölkerungsschwund in Europa seit den Pestepidemien im vierzehnten Jahrhundert. Da Europa wohlhabender, gesünder und sicherer sei als je zuvor in seiner Geschichte, schieden materielle Faktoren als Erklärung dafür aus.
  • Die Ursachen der demographischen Implosion seien geistiger Art. Sie liege in Weltanschauungen, die keinen Willen zur Dauer hätten. Dies sei gleichzeitig auch die Ursache migrationsbedingter und anderer Herausforderungen. Das Verhältnis Europas zum Heiligen, Transzendenten sei zutiefst gestört, weshalb es je nach weltanschaulicher Variante entweder aus der Welt verschwinden wolle oder keine über dem Individuum stehende Ordnung und keine übergenerationalen Ziele mehr anerkennen würde.
  • Ein Indikator dafür sei, dass die politischen Führungen der wichtigsten Staaten Europas durch kinderlose Politiker gestellt würden. Diese repräsentierten einen Lebensstil, dessen Horizont nicht über das eigene Leben hinausreiche.

Diese Entwicklung werde wiederum begleitet von einem „kolossalen Versagen“ von Teilen des europäischen Christentums. Große Teile auch der katholischen Kirche in Europa seien von einer von Weigel als „Catholic Lite“ bezeichneten Anpassung an die säkularen, utopischen Ideologien gekennzeichnet, die hinter dem schwindenden Willen zur Dauer ständen. „Catholic Lite“ würde diese Ideologien in christlichem Gewand verbreiten und legitimieren und dadurch zur Zerstörung einer auf dem christlichen Dienstethos beruhenden Kultur beitragen, die über den Horizont der Gegenwart hinausdenke. Eine Erneuerung Europas aus seinen christlichen Wurzeln heraus setzte daher zunächst das erfolgreiche Wirken von Erneuerungsbewegungen innerhalb der Kirche voraus. (ts)

8 Kommentare

  1. Gegenwärtig erleben wir im „besten, demokratischsten Deutschland, das wir jemals hatten“ ( http://diepresse.com/home/ausland/aussenpolitik/5156233/Gauck_Das-beste-Deutschland-das-wir-jemals-hatten ), wie virtuos unsere Widersacher alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel nutzen, um das Projekt Globalisierung und in diesem Rahmen die Auflösung des Nationalstaats Deutschlands voranzutreiben.

    https://www.youtube.com/watch?v=-6w7JEDpFF4

    Ich sehe auch keinernei Panik oder Angst unter diesen Leuten, eher Dreistigkeit, Hybris, Größenwahn oder so etwas. Sie ziehen ihr Ding durch, allerdings laufend angepasst an die jeweils vorherrschenden Verhältnisse. Dieser Sachverhalt kann empfindsame Gemüter in den Selbstmord treiben (Rolf-Peter Sieferle), robuster gestrickte Menschen suchen dennoch nach Möglichkeiten im Unmöglichen.

    https://www.youtube.com/watch?v=g_T1lweaGOY

    Das Projekt Sankt Michael zum Beispiel wurde, wie ich es sehe, von Menschen initiiert, die diesen Weg gehen.

    Den größeren Rahmen der Globalisierung steckt Richard Melisch ab:

  2. @Waldgänger

    Die stammen nicht direkt von Lichtmesz, sondern von dem sinnigerweise mittlerweile gesperrten Kolja Bonke, einem recht bekannten Establishment-Kritiker-Twitterer.

    https://t.co/VWx4EA40Vh

    Ja, ich glaube auch, das Establishment macht jetzt so langsam „den Erdogan“, um andere hysterischere Vergleiche nicht zu bemühen, die aber in dem Sinne völlig berechtigt sind. ich bin schon länger aus diesem „Grüne mit Gott_In“-Verein raus, ich mag es nicht, „Stiefellecker“ zu unterstützen und von ihnen auch noch bevormundet und jetzt beschimpft zu werden.

  3. @Waldgänger
    Ihre ausführlichen Gedanken verdienen eigentlich eine längere Antwort, da jetzt aber bloß „Mittagspause“ ist, nur relativ kurz:

    Dieser sogenannte „Kirchentag“ ist ein klerikaler Coup gewesen, die Masken sind nun endgültig gefallen. Vonseiten der Kirche waren da nur postmoderne, sozialistische, grüne SJW-Antifa-Ideologen. Auffällig war diesmal nämlich die ungeschönte Radikalität in der Wortwahl („ausrotten“, „brauner Wind“, „Christenverfolgung nicht dramatisieren“), das ging ins Menschenverachtende m.E., und ich nutze dieses Totschlagwort selten. Martin Lichtmesz hat bei Twitter die einschlägigen Zitate retweetet und nicht nur die von der heiligen Margot der Weinkelche. Die ev. Kirche hat nun alles in eine Waagschale geworfen, sie will die unverbrüchliche Stütze des globalistischen Merkelstaats sein, die Kirchenaustritte zunehmend entfremdeter Schäflein werden einkalkuliert.

    • Volle Zustimmung!
      Ja, die Masken sind gefallen und dieser Kirchentag wird vielleicht in die Geschichte eingehen als der Kirchentag NACH der erfolgten Gleichschaltung; ähnlich den Veranstaltungen des Jahres 1933/34.
      Ich habe deshalb meine Konsequenz gezogen und die EKD ist um meine Person ärmer geworden.

      Lohnend auch der Beitrag von Sellner:
      https://www.youtube.com/watch?v=AYEYQR6M2ds

      Könnten Sie vielleicht die von Lichtmesz´ stammenden Beiträge hierzu noch einmal verlinken?!

  4. Die Chance des Salafismus liegt in der demographischen Entwicklung, aber auch an ihrer Rolle als Tröster der Armen und Verarmten. Und diese wird es, Dank der jetztigen wirtschaftlichen Entwicklung, auch in Zukunft in Massen geben.

    • @ Attila Varga

      Stimme Ihnen vollkommen zu. Bei allen Problemen und Schwächen des Islams darf man nicht übersehen, dass er für arme und verelendete Anhänger durchaus interessante Angebote macht: die Gleichheit der ameisenhaft Betenden vor Gott, die Armensteuer (zakat), das Zinsverbot, karitativee Hilfsorganisationen (z.B. Islamic Relief Worldwide), die Gemeinschaft in den Moscheen und Familien.
      Die Versprechung jenseitiger Freuden kommt noch hinzu, wird aber durch ganz konkrete Hilfsmaßnahmen ergänzt.

      Und ja, das wird – so fürchte ich – auf jene immer zahlreicheren einfachen und ungebildeten Gemüter unter den Einheimischen nicht ganz ohne Wirkung bleiben …
      Insbesondere ist zu erwarten, dass auch ein Teil der deutschen Linken hier noch mehr „umfallen“ wird als bisher schon. Theorie und Hirn haben die eh´ nicht mehr.

      Ähnlich sind um 300 n. Chr. immer mehr Römer aus den unteren Schichten ihren alten Kulten abtrünnig geworden und zum Christentum konvertiert.
      Ich entdecke in der Gegenwart sowieso immer mehr Parallelen zur religionspolitischen Situation des 4. Jahrhunderts nach der Konstantischen´schen Wende.

      Vielleicht lag ich in meinem gestrigen Beitrag hinsichtlich des Wachstumspotentials des Islams doch etwas falsch. Ich überschätzte womöglich den Anteil der Gebildeten.

      • Uns muss klar sein, dass das Endziel der NWO-Elite nicht die Islamisierung Europas ist. Sie wollen keinen dominierenden Dar ul Islam UND sie wollen kein handlungsfähiges Europa der Vaterländer.Denken wir zurück an die letzten Jahrzehnte.
        Die Machtergreifung der schwarzen Turbane im Iran wurde zugelassen und Hekmatyar &Co wurden unterstützt, um die UdSSR zu destabilisieren und in die Bärenfalle Afghanistan zu locken, die Gotteskrieger waren unsere Helden. Dann kam der 11.September und die selben Gotteskrieger mutierten zu Superverbrechern. Beim Arabischen Frühling kam die nächste Kehrtwende, aus Terroristen wurden Freiheitskämpfer und aus Landnehmern unantastbare Heilige. Das Ganze klappt darum so prima, weil auch Salafisten in der NWO-Elite sitzen. Es würde mich nicht im Geringsten wundern, wenn schon Morgen die EU die nächste Kehrtwende einleitet und den Kampf gegen den Islam für alternativlos erklärt und Übermorgen die Salafisten zur neuen Bundeswehr erklärt, um die „Rechten“ endgültig fertigzumachen.
        Kurz: Wir Europäer werden zerrieben.
        Ihr Vergleich mit dem Imperium Romanum am Vorabend der Völkerwanderung ist natürlich richtig. Der Unterschied besteht darin, dass die Migrationsströme teils von Oben instrumentalisiert, teils gezielt ausgelöst werden.

  5. Weigel hat vollkommen recht, wenn er von einem „kolossalen Versagen“ von Teilen des europäischen Christentums spricht. Die Handlungen des aktuellen Papstes, aber auch das gerade ablaufende Spektakel des sog. „Kirchentags“ in Deutschland belegen das einmal mehr.
    Das Versagen ist so gewaltig, so umfassend und hat die Kirchen (Mehrzahl!) als Institutionen vielfach so sehr bis ins Mark geschwächt und verrotten lassen, dass es schon utopisch anmutet, eine Renaissance dieser Kirchen, ja des Christentums überhaupt für möglich zu halten.

    Was spricht denn dafür, dass die europäischen Kirchen sich wieder fangen??
    Was spricht dafür, dass viele Leute – nicht bloß einige Ordensleute – wieder etwas mit der, ach so schwierigen, christlichen Theologie anfangen können??
    Einzelne Gruppierungen mögen sich bilden und festigen, mögen als Widerstandskerne und womöglich auch als Widerstandskeime fortbestehen, doch scheint es illusionär zu hoffen, dass diese Grüppchen die nötige Breitenwirkung erzielen könnten. An dieser skeptischen Einschätzung ändert auch der Umstand nichts, dass Europa, dass Abendland zweifellos (auch) christliche Wurzeln hat.

    Die noch gegebene Stärke des Christentums in Europa (mit Ausnahme von Osteuropa) ist nur noch eine geliehene Stärke. Ohne die Unterstützung des Staates – z.B. in Form des Einziehens der Kirchensteuer oder der Finanzierung kirchlicher Hochschulen – wäre das Christentum bereits heute weitaus schwächer! Wohin die fehlende Protektion führt, zeigt heute Frankreich …

    Der Staat fördert die Kirchen nur um den Preis ihrer geistigen Gleichschaltung. Sind sie ihm doch lediglich deshalb (noch) wichtig, weil sie ihm mit ihrer links-grünen Ausrichtung ein nützliches Instrument bieten. Die Vorstellung, dass er auch identitär und abendländisch eingestellte Kirchen ebenso stützen würde, ist abwegig. Die Kirchen dienen dem Staat heute als NGO. Insofern hat unser Staat ein Interesse am Fortbestand der gegenwärtigen Verfallsform von Kirche und Christentum, bei dem den Leuten suggeriert wird, durch (politisch genehme) Werkgerechtigkeit zwar nicht zu Gott zu gelangen (an den glauben in der Führung der EKD wohl nicht mehr viele), wohl aber zu den „Guten“ zu gehören. Die katholische Entsprechung ist jenes „Catholic Lite“.

    An das Gegenstück des absoluten Bösen zu glauben, fällt hingegen leichter, weil man hier nur die historische Faktizität von Auschwitz und Holocaust bemühen muss und sie zum Mythos fortzuentwickeln braucht (vgl. Sieferle). Soweit ist man ja schon.
    Andererseits stößt das zur (fast) gottlosen „Zivilreligion vom Guten und absolut Bösen“ weiterentwickelte evangelische Christentum trotzdem an gewisse Grenzen. Für die gutmenschlich-linken Anhänger kann die Zivilreligion zwar eine Art von Sinn stiften, doch versagt sie sowohl bei der Vermittlung von spiritueller Erfahrung als auch angesichts der permanenten Misserfolge beim „Gutmachen“ der Welt … Von daher wird sie keine historische Dauerhaftigkeit erreichen können, was allerdings nicht ausschließt, dass sie mal wieder Opfer fordern wird … Robespierre und Stalin könnten noch überboten werden.

    Zurück zum richtigen Christentum. Entscheidend für seine heutige Schwäche ist, dass es in seiner uralten theologischen Struktur selbst dann bei der Masse der Leute als Anker und geistiges Fundament nicht mehr punkten kann, wenn diese nach Halt und geistigen Wurzeln suchen.
    Wir hätten sonst nicht den Boom von Yoga, diversen esoterischen Lehren, des Buddhismus usw.

    Die geistige Leere in Europa, dieser geistig-religiöse Unterdruck, lässt auch den Islam schneller wachsen. Interessant ist in diesem Zusammenhang der Umstand, dass es doch tatsächlich bereits europäische Konvertiten gibt. Anders gesagt: Der Islam wächst nicht nur durch Einwanderung und höhere Geburtenraten, sondern auch, weil er in einer Großwetterlage geistigen Unterdrucks für einige schwache Gemüter Anziehungskraft entwickelt.

    Das Problem des Islams ist allerdings, dass er mit seiner vormodern-archaischen, irrational-ungeistigen, kollektivistischen und wenig spirituellen(!) Prägung wesentliche Bedürfnisse auch der gegenwärtigen europäischen Mischbevölkerung nicht wird befriedigen können. Trotz einiger Konvertiten wird die Masse der Europäer mit dieser Ideologie weiterhin fremdeln. Von daher sollte man das Wachstumspotential des Islams in Europa auch nicht überschätzen – zumindest nicht für die kommenden zehn oder 20 Jahre. Der einzige Weg zu einer Stärkung des Islams liegt in der Demographie – und in der durchaus realistischen Möglichkeit, dass er durch Gewalt und mittels politischer Parteien und Intrigen mehr Einfluss erlangt bzw. erlangen soll. Was de Maiziere und Schäuble kürzlich verlauten ließen, weist in bestürzendem Maße in diese Richtung („Islam als Kitt der Gesellschaft“ usw.).

    Nun wird oft gesagt, dass die Menschen – auch moderne Westler – ein grundsätzliches Bedürfnis nach Glauben und Religion haben, ein anthropologisches Bedürfnis sozusagen. Wenn dem so ist, können uns noch Überraschungen bevorstehen … Es mag sein, dass sich im Laufe der nächsten Jahrzehnte in Europa doch noch eine Art neuer Kult entwickeln wird, der sich als geistig-religiöser Widerpart zum archaisch bleibenden Islam, aber auch im Widerspruch zum materialistischen Nihilismus der Globalisten entwickelt. Wenn er erfolgreich sein sollte, wird er das Bedürfnis nach spiritueller Erfahrung bedienen können, ohne von den Anhängern dabei intellektuelle Zumutungen zu verlangen. Er wird Wissenschaft und europäische Verstandeskultur integrieren und sie der Irrationalität anderer Kulte (z.B. Islam, Hinduismus, Voodoo) gegenüberstellen. Teile der christlichen und regionalen Tradition mögen in diesem neuen Kult sogar fortleben, vielleicht sogar Elemente des Islams wie der Sufismus. Außerdem müsste diesem Kult die Balance zwischen Individualismus und dem Bedürfnis nach dem Aufgehen in der kollektiven Masse gelingen.

    Es ist allerdings auch ein anderes Szenario denkbar, bei dem sich der Islam trotz seiner geistigen Defizite, aber Kraft seiner Gewaltbereitschaft, seines Herrschaftsanspruchs, seiner Gebärmütter und Migraten tatsächlich als Religion der Massen durchsetzen wird – während es gleichzeitig daneben in gebildeten Schichten in Nischen zu einer Renaissance unterschiedlicher durchgeistigter Kulte kommt (etwa in der Art der antiken Stoa, des Taoismus oder katholischer Orden).

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