Dienstvorhaben und kulturelle Erneuerung: Die christliche Strategie der Zellen

Thomas Rose Miles - Launch of the Lifeboat (gemeinfrei)

Der protestantisch-freikirchliche Theologe Stefan Vatter setzt sich in seinem Werk „Finden, fördern freisetzen – Die Gabe des apostolischen Dienstes“ mit dem Ethos und der Praxis des christlichen Dienstes auseinander. In diesem Zusammenhang geht er näher auf die „Strategie der Zellen“ ein, mit der iroschottische Mönche im frühen Mittelalter neben anderen christlichen Orden an der kulturellen Erneuerung Europas mitwirkten.

Insbesondere auf dem Gebiet des späteren Deutschlands spielten diese Mönche eine wichtige Rolle bei der Bildung von Identitätskernen, um die herum sich diese Erneuerung vollzog. Auch wenn Persönlichkeiten wie die im 7. und 8. Jahrhundert im heutigen Süddeutschland aktiven iroschottischen Mönche Gallus, Magnus und Columban heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind, so wären ohne ihr Wirken die Erneuerung Europas nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches so nicht möglich gewesen.

Diese Mönche seien Apostel („Gesandte“) im christlichen Sinne gewesen. Die Bedeutung des Begriffes erschließe sich laut Vatter aus seinem Ursprung. So habe der Begriff ursprünglich Kommandanten griechischer Marineexpeditionen und Siedlungsvorhaben bezeichnet.

Die kulturelle Leistung und apostolische Wirkung der iroschottischen Mönche habe ganz in diesem Sinne darin bestanden, von ihren dem Chaos der Zeit während des Übergangs von der Spätantike zum Frühmittelalter entzogenen Klosterstützpunkten in Irland und Schottland aus Zellen Nord- und Westeuropa zu gründen, die Inseln der Ordnung in von Auflösung gekennzeichneten Umfeldern darstellten. Von hier aus verbreiteten sie zudem eine Kultur, die den Stämmen der damaligen Zeit eine homogene Grundlage gab, die sie zu größeren Verbänden zusammenwachsen lies.

Vatter zufolge seien diese Mönche nicht „bürgerlich gemütliche Gemeindeonkels oder gesellschaftlich nette Weltverbesserer“ gewesen, sondern Mitglieder „furchterregender“ Männerbünde. Ihre „Missionsstrategie der Zellen“ habe die folgenden Elemente beinhaltet

  • Die als „Zellen“ bezeichneten Missionsposten seien an strategisch wichtigen Orten errichtet worden, um von dort aus in ihr Umfeld hineinzuwirken und es zu verändern.
  • Die im Unterschied zu ihrem heidnischen Umfeld über eine gute Bildungsgrundlage und eine Schriftkultur verfügenden Mönche hätten Seelsorge mit praktischen Dienstvorhaben wie etwa der Anwendung von Verbreitung von landwirtschaftlichem Wissen, Urbarmachung des Landes oder medizinischer Versorgung verbunden.
  • Mit ihrem Wirken hätten sie alle Lebensbereiche in ihrem Umfeld durchdrungen und „Zellen umfassenden gesunden Lebens“ geschaffen. Sie seien  auf diese Weise ein „ordnendes Kraftfeld inmitten von sozialen, politischen und religiösen Wirren“ gewesen.
  • Die Zellen hätten nicht nur die fähigeren und intelligenteren Teile der Bevölkerung um sich gesammelt, sondern auch „sozial Schwache und Asoziale“ sinnvoll in die Gesellschaft eingebunden und Milieus kultureller Verwahrlosung aufgelöst.
  • Es sei der praktische Dienst dieser Zellen und ihr erfolgreiches Wirken gewesen, das ihrem geistigen Wirken die Glaubwürdigkeit verliehen habe, welche die rasche Verbreitung des Christentums zu dieser Zeit ermöglicht habe.

Relevant ist auch, dass diese und andere Mönche nicht versuchten, das untergehende Römische Reich zu konservieren oder nach seinem Untergang wiederherzustellen, sondern seine kulturellen Stärken mit denen der heidnischen Stämme Europas im Geist des Christentums verbanden und etwas Besseres an seine Stelle setzten. (ts)

5 Kommentare

  1. @PStM
    Brasilien ist insofern interessant, als es mir als das einzige bekannte Land scheint, in dem auffälligerweise tatsächlich eine Rassenmischung als selbstverständlich aufgefasst wird, ohne dass eine Ethnie sich die andere (Stichwort kriegerische Massenvergewaltigung) „einverleibt“. Auch im – natürlich großen – kriminellen Milieu scheinen rassisch definierte Gangs kaum die Regel zu sein, also nach meiner Beobachtung. Dies natürlich im deutlichen Gegensatz zu Nordamerika und Europa, wo im letzteren Fall sogar ausländische Staatsführer und Terrorfürsten auf die Loyalität dieser Stammes-Keimzellen zählen können.

  2. „… dass diese und andere Mönche (…) seine kulturellen Stärken mit denen der heidnischen Stämme Europas im Geist des Christentums verbanden…“

    Aber hier endet doch die Analogiefähigkeit, denn die heutigen bzw. zukünftigen „heidnischen Stämme“ bestehen ja nicht gerade nicht aus anderen Europäern, sondern sind gänzlich farbiger Abstammung. Man muss ja gar kein Ethno-Fanatiker sein, um hier eine ganz andere Ausgangslage zu sehen. Europa wird in weiten Teilen de-europäisiert sein.

    • @Graurabe
      In der Tat gibt es für die Bewältigung der erwähnten anderen Ausgangslage keine optimistisch stimmenden Präzedenzfälle, worauf hier ja auch schon hingewiesen wurde. Zu den anzusprechenden „Heiden“ kann man wohl auch viele jener Anhänger utopischer Ideologien rechnen, wie sie derzeit etwa den Evangelischen Kirchentag prägen. Was aber die von Ihnen erwähnten Herausforderungen angeht, gibt es m.E. kein plausibel herleitbares Szenario, dass langfristig eine positivere Zukunft vorhersagt als Bedingungen die denen des heutigen Brasiliens oder Südafrikas ähneln. Und das sind, wie gesagt, die positiven Szenarien. Auf dem Balkan oder in Ruanda hatte das Christentum in ethnischen Konflikten keine relevante Wirkung, was Prävention oder gar Lösungen anging, weshalb solche völlig neu entwickelt werden müssten. Realistischer dürfte aber wohl die Annahme sein, dass christliche Akteure nicht mehr relevant genug sind, um überhaupt noch Prävention oder gar Lösungen anbieten zu können. Wesentliche Teile der Kirche v.a. in Deutschland haben sich ja sogar soweit in die Gefolgschaft säkularer, utopischer Ideologien begeben, dass sie aktiv an der Schaffung absehbar konfliktträchtiger Bedingungen mitarbeiten. Realistischer ist daher wohl die Annahme, dass Christen langfristig nur eine von vielen Gruppen in Europa darstellen werden, die in einem schwierigen Umfeld bewegen und behaupten werden müssen.

      • Also könnte es darum gehen, Burgen=Refugien zu bauen, Marken zu organisieren und alternative Strukturen zu erschaffen, wenn die staatlichen zusammenbrechen? Oder gehen wir hier von einem Szenario aus, wie die vor einiger Zeit in einer deutschen Zeitung abgedruckte Landkarte, welche BRD aufgeteilt zeigt in ein Kalifat Alemanya und Restdeutschland(ehemalige DDR+Bayern)?
        In diesem Fall wird das Christentum zu dem, was ein Freund von mir- Atheist aus Sachsen- neulich sagte: Eine Fahne, um die sich all jene sammeln, die noch nicht verblödet sind oder aufgegeben haben. Eine schöne Vorstellung, aber nicht mit den Kirchen-Karrikaturen, die zwischen Atlantik, Oder und Leitha herumalbern.

      • @Attila Varga
        Es geht in die erste von Ihnen beschriebene Richtung, die unabhängig davon hilfreich sein dürfte, welches Szenar am Ende eintritt.

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