Leszek Kolakowski: „Das Überleben unseres religiösen Erbes ist die Bedingung für das Überleben der Zivilisation“

Karl Friedrich Schinkel - Gotischer Dom am Wasser (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der polnische Philosoph und Dissident Leszek Kolakowski war während der Zeit der kommunistischen Herrschaft in Polen einer der Akteure der Vorbereitung der kulturellen Erneuerung des Landes. In einem kurz vor seinem Tod im Jahre 2009 geführten Gespräch mit der Zeitung „Die Welt“ sprach er über die geistigen Ursachen der mit dem Ende des Kommunismus nicht überwundenen Krise Europas und der gesamten europäisch geprägten, westlichen Welt.

Eine westliche Welt, die „ihr religiöses Erbe und ihre historische Tradition vergessen hat“, könne trotz allen technologischen und sonstigen Fortschritts keine Zukunft haben:

  • Moderne, sich rational wähnende Ideologien würden in ihrem utopischen Denken die Natur des Menschen missverstehen oder leugnen, weshalb sie der Wirklichkeit und ihren Erfordernissen nicht entsprechende politische Entscheidungen treffen würden, was Krisen begünstige. Ein Beispiel sei die Leugnung der Bedeutung natürlicher Bindungen des Menschen, der das Bedürfnis habe, „einem Stamm zuzugehören“.
  • Die moderne Annahme, dass es keine „Grenzen der Veränderung“ gäbe und „die Gesellschaft ein unendlich flexibles Ding wäre“, sei „eine der gefährlichsten Illusionen unserer Zivilisation“. Die Ursache dieser Illusion sei der Verlust des Sinns für das Heilige, nicht dem Willen des Menschen Unterworfene durch die Moderne. Nur Religion könne utopischem Denken, das den Menschen leugnet und sich letztlich gegen ihn wendet, vorbeugen und die nötigen Grenzen setzen.
  • Kulturen könnten eine höhere moralische Ordnung nicht ohne eine religiöse Fundierung aufrechterhalten. Die Annahme der Existenz einer unveräußerlichen Menschenwürde etwa sei nicht rational zu begründen. Ohne diese Annahme sei Politik aber stets gefährdet, totalitär zu werden.
  • Die Annahme, dass Menschen aus Vernunfteinsicht alleine an moralischen Normen festhalten würden, sei eine weitere moderne Illusion. Wenn eine Gesellschaft „aus Umsicht allein an moralischen Normen festhält, ist sie extrem schwach und ihr Stoff reißt bei der kleinsten Krise“, bzw. wenn es nicht mehr mit Risiken verbunden ist gegen Normen zu verstoßen oder nicht mehr mit Vorteilen verbunden ist, an ihnen festzuhalten.
  • Nur Religion könne die asketische Haltung in Form einer Distanz des Menschen zu seinen materiellen Wünschen hervorbringen und begründen, die auch aus ökologischen Gründen erforderlich seien. Moderne Ideologien hingegen würden Fortschritt mit materiellem Zuwachs jeglicher Art gleichsetzen und irgendwann diese natürlichen Grenzen mit „katastrophischen“ Folgen überschreiten.

Ohne Wiederanbindung Europas an seine religiösen Wurzeln seien weder eine Erneuerung noch ein Überleben Europas möglich:

Das Überleben unseres religiösen Erbes ist die Bedingung für das Überleben der Zivilisation. […] Die moderne Chimäre, die dem Menschen totale Freiheit von der Tradition oder jeglichem vorexistentem Sinn verspräche, weit davon entfernt, ihm eine Perspektive göttlicher Selbsterschaffung zu eröffnen, schickt ihn in eine Finsternis, in der alles mit gleicher Gleichgültigkeit betrachtet wird. Das utopische Vertrauen in die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu erfinden, die utopische Hoffnung auf grenzenlose Perfektion könnte das wirkungsvollste Instrument des Selbstmords sein, das die menschliche Kultur je geschaffen hat.

Um die Hypothesen und Argumente christlich-inspirierter politischer Philosophie prüfen und nachvollziehen zu können, ist kein christlicher Glaube erforderlich. Diese Philosophie, die Illusionen und Utopien vorbeugt und dauerhafte, menschenwürdige Gemeinwesen begründen kann, ist daher ein Dienst, den das Christentum an allen Menschen Europas leisten kann. (ts)