Boris Kalbheim zur Leitkulturdebatte: „Das Grundgesetz ist kein Götze“

Pierre-Antoine Demachy - Das Fest des Höchsten Wesens (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der an der Universität Würzburg tätige katholische Theologe Boris Kalbheim kritisiert in einem Beitrag bei Deutschlandfunk Kultur Versuche, in der Leitkulturdebatte das Grundgesetz zur Quelle deutscher Kultur zu erklären oder mit ihr gleichzusetzen.

Das Grundgesetz könne diese Erwartungen nicht erfüllen, weil es ein Produkt und nicht die Quelle dieser Kultur sei:

Das Grundgesetz ist eine wunderbare Sache. […] Doch ist das Grundgesetz die Richtschnur unserer Gesellschaft? Ist es die Sammlung unserer Werte, auf die sich alle einigen? Was hat die Verteilung der Steuern zwischen Bund und Ländern oder die Farben der Bundesfahne mit unseren Werten zu tun? Welche Kraft schöpfen die Menschen in unserer Gesellschaft aus dem Artikel 27: „Alle deutschen Kauffahrteischiffe bilden eine einheitliche Handelsflotte.“? […] Nein, das Grundgesetz ist kein Götze. Es ist nicht unveränderlich. […] Weitere Änderungen stehen an: Ob die Ehe für alle oder die Auflösung der Dualität der Geschlechter – beides bedeutet Änderungen im Grundgesetz und beides wird aktiv betrieben. Vielleicht von der Mehrheit der Gesellschaft, vielleicht von einer Gruppe von Aktivisten. Aber sicher nicht vom Grundgesetz. Wer also meint, das Grundgesetz sei der Wertekanon Deutschlands, der irrt. Es ist umgekehrt: Was in Deutschland Wert gehalten wird, das wird das Grundgesetz.

Bewertung und Folgerungen

Der Begriff „Götze“ geht auf Martin Luther zurück und beschreibt eine falsche Unbedingtheit, d.h. eine falsche Setzung des höchsten Bezugspunkts des eigenen Denkens und Handelns. Das Grundgesetz als solchen Bezugspunkt zu betrachten würde bedeuten, es zu einem Götzen zu machen.

  • Dem abendländischen Ideal gemäß sind der angemessene höchste Bezugspunkt des Denkens und Handelns die Forderungen, die sich aus einer zwar interpretationsbedürftigen, Entscheidungen des Menschen aber entzogenen unveränderlichen transzendenten Ordnung ergeben. Eine Kultur oder ein Gemeinwesen entwickeln sich dieser Idealvorstellung nach gemäß dieser Forderungen bzw. Kulturziele in aufeinander aufbauenden Schritten aufwärts.
  • Moderne und postmoderne Ideologien hingegen lehnen die Vorstellung einer transzendenten Ordnung weitestgehend ab, weshalb sie Kulturziele nur willkürlich setzen oder funktional begründen können. Solchen Ideologien folgende Gemeinwesen können sich kulturell nicht mehr entwickeln weil ihnen echte Kulturziele fehlen, denen sie entgegenwachsen könnten. Sie treten daher zunächst in eine Phase kultureller Stagnation und anschließend in einen Auflösungsprozess ein, in dem sie die zuvor geschaffene kulturelle Substanz verbrauchen, bis sie zur Aufrechterhaltung des Gemeinwesens nicht mehr ausreicht.
  • Versuche, das Grundgesetz zur Quelle von Kultur zu erklären oder mit dieser gleichzusetzen, sind ein Ausdruck solcher Ideologien bzw. Ausdruck eines mangelhaften Kulturverständnisses, das funktionale und materielle Faktoren als Kulturziele betrachtet und somit falschen weil untauglichen Unbedingtheiten, also Götzen, folgt. Eine dauerhafte, höheren Zielen entgegenwachsende Kultur oder ein entsprechendes Gemeinwesen lassen sich auf diesem Denken nicht begründen. Dies könnte nur eine Religion und die mit ihr verbundene Vorstellung transzendenter Ordnung, und in den vergangenen 1500 Jahren war diese Religion in Europa das Christentum.

Die Überwindung der geistig-kulturellen Krisen Deutschlands und Europas im Sinne einer Erneuerung würde somit voraussetzen, dass es dem Christentum gelingt, seine kulturbegründende Rolle wieder einzunehmen und die Vorstellung transzendenter Ordnung bereitzustellen, an der es Deutschland und Europa als Kulturziel zunehmend mangelt. Auf die bloße Bewahrung kultureller Substanz anlegte säkulare Ideologien können dies nicht leisten, sondern Auflösungsprozesses allenfalls verzögern.

Gelingt dies dem Christentum nicht, kann es keine Überwindung dieser Krise und keine Erneuerung Europas geben. Nach dem in diesem Fall unabwendbaren Erlöschen der Kulturen Europas wird eine andere Religion dann eine andere Kultur begründen. Darauf, wie ein solches Europa aussehen würde, geben die Bedingungen, die heute im islamischen Kulturraum herrschen, einen Ausblick. (ts)

1 Kommentar

  1. Das Grundgesetz wäre nicht die einzige denkbare „falsche Unbedingtheit“ der Leitkulturdebatte. Kritisch in konservative Richtung sei angemerkt, dass auch der Erhalt der Nation kein wirkliches Kulturziel sein kann, sondern nur eine von mehreren Bedingungen die gegeben sein müssen damit eine Kultur sich entwickeln kann.

Kommentare sind deaktiviert.