Erzbischof Ludwig Schick: Leitkultur und Christentum

Das christliche Europa - Ausschnitt aus dem Genter Altar (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick hat sich vor einigen Tagen zur Leitkulturdebatte geäußert und darauf hingewiesen, dass eine Kultur nicht auf Gesetzestexten wie dem Grundgesetz beruhe, sondern dass umgekehrt vielmehr die Kultur solche und andere Werke hervorbringe.

Wer die gute politische Ordnung, die das Grundgesetz beschreibt, erhalten wolle, müsse daher die Kultur erhalten, die diese Ordnung hervorgebracht hat, und diese Kultur sei christlich. Der Auftrag der Christen in Deutschland sei es, die kulturelle Substanz zu schaffen und pflegen, die diese Ordnung voraussetzt, und ohne die sie nicht bestehen könne:

Kirche muss heute wie gute Erde und Humus in unserer Gesellschaft wirken, auf dem das Gute wächst und gedeiht. Wir reden zur Zeit wieder über Leitkultur und viele sagen, dass sie im Grundgesetz gegeben ist. Stimmt! Aber unser Grundgesetz, weder die deutsche noch die bayerische Verfassung, sind vom Himmel gefallen. Sie sind auf dem Boden unserer Tradition und Kultur entstanden. Dieser Boden war und ist das Evangelium und das Christentum, das das Judentum, die griechische Weisheit und die römische Rechtskultur integriert hat. Diese fruchtbare Erde, diesen Humus zu erhalten, ist unsere Aufgabe.

Bewertung und Folgerungen

Den Gedanken der katholischen Soziallehre, den Erzbischof Schick hier wiedergibt, hatte der ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht Ernst-Wolfgang Böckenförde in seinem Böckenförde-Diktum aus der Perspektive des säkularen Staates so formuliert:

Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. […] Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.

Das Grundgesetz hat diesbezüglich Impulse der katholischen Soziallehre aufgenommen und geht davon aus, dass Staat und Religion zwar voneinander getrennt, aber sinnvoll aufeinander bezogen sein müssen, damit der Staat die kulturelle Grundlage nicht verliert, auf der er beruht.

Im Zuge allgemeiner kultureller Auflösungserscheinungen sind jedoch so wie im ganzen europäischen Kulturraum auch in der Bundesrepublik Tendenzen zum Laizismus sowie Versuche zu erkennen, Staat und Gesetzgebung von ihrer kulturellen Grundlage zu trennen oder aktiv gegen diese zu positionieren. Ein im Zuge solcher  Tendenzen entstehender Staat könnte sich langfristig radikal von dem Staat abendländischer Tradition unterscheiden, den die Väter des Grundgesetzes anstrebten.

Da ein freiheitlicher Staat jedoch wie von Böckenförde beschrieben seine eigenen kulturellen Grundlagen nicht selbst schützen kann, bedarf insbesondere ein solcher Staat des entsprechenden dienenden Einsatzes der Christen, auf die er sich stützt. (ts)