Philosoph Jens Halfwassen: Nationalkultur und kulturelle Kontinuität

Ambrogio Lorenzetti - Allegorie der guten Regierung (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Ein Vorhaben, das kulturelle Kontinuität zum Inhalt hat, muss sich auch mit der Frage auseinandersetzen, was die Kultur ausmacht, zu deren Fortsetzung es beitragen will. Jens Halfwassen, Ordinarius für Philosophie an der Universität Heidelberg, versucht in einem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienenen Beitrag Antworten auf diese Frage zu finden.

Die von Innenminister Thomas de Maizière vorgebrachten Vorstellungen zu einer deutschen Leitkultur seien ihm zufolge zu vage, um ein Gemeinwesen darauf begründen zu können. Um zu einem belastbareren Verständnis von Nationalkultur zu finden, sei es erforderlich, zunächst “nach dem näheren Zusammenhang von Kultur, Nation und Staat” zu fragen.

  • Die Grundlage der Nation sei vor allem die Kultur, weil die Nation ohne diese Grundlage nicht gedacht werden könne.
  • Die Nationen Europas würden auf einer einheitlichen europäischen Kultur beruhen, die den “Gesamtzusammenhang der europäischen Kulturentwicklung seit den homerischen Epen, also die dreitausend Jahre europäischer Kultur, die wir aufgrund der erhaltenen Texte dieser Kultur überblicken können” umfasse. Europa bedeute “drei Jahrtausende kultureller Kontinuität”. Das kulturelle Leben Europas bestehe in der “ständigen Neudeutung dieser Ursprünge.”
  • Die Nationalkulturen Europas seien nur unter Bezugnahme auf die größere historische Sinneinheit der ihnen übergeordneten europäischen Kultur verstehbar und daher nicht autark. Die Pluralität der Nationen Europas sei dabei “eine wesentliche Quelle seiner kulturellen Dynamik.”
  • Ebenso gehe der Staat der Nation voraus. Ohne “die fast tausendjährige Zusammengehörigkeit der deutschen Länder im Heiligen Römischen Reich” hätten die deutsche Nation bzw. ein “gemeinsames deutsches Sonderbewusstsein” im 19. Jahrhundert nicht entstehen können.

Die Existenz einer europäischen Kultur stellt nach dem Verständnis Halfwassens  nicht die Existenz von Nationalkulturen in Frage, denn beide würden einander bedingen. Ebenso würde der Freiheitsgedanke als eines der Werke europäischer Kultur nur im Nationalstaat verwirklicht werden können:

Unsere Frage nach dem Zusammenhang von Kultur, Nation und Staat beantwortet sich also im Kontext der europäischen Geschichte so, dass die Kultur das Primäre, der Staat das Sekundäre und die Nation das Tertiäre ist. Diese Prioritätsordnung bedeutet nun allerdings keineswegs, dass deswegen die Nation für den Staat oder Staat und Nation für die Kultur entbehrlich wären. Das Gegenteil ist der Fall. […] Der demokratische Verfassungsstaat existiert […] historisch nur als Nationalstaat. Dass er sich im Rahmen des Nationalstaats ausgebildet hat, ist dabei kein Zufall. Denn Demokratie bedeutet Volkssouveränität, und die kann es nur geben, wo eine Nation als ihr Träger existiert. […] Für uns Europäer bedeutet das: Europa ist unsere Heimat, unsere Herkunft und unsere Zukunft, und zwar in höherem Maße als unsere Nationalstaaten. Aber das Europa, das durch die europäische Freiheitsgeschichte entstanden und ihr gemäß ist, ist ein „Europa der Vaterländer“ (de Gaulle).

Bewertung und Folgerungen

Die Bedeutung der übergeordneten Kultur als Voraussetzung der Nation scheint noch größer zu sein als von Halfwassen angenommen, da es Beispiele für Nationen gibt, die längere Zeiträume ohne eigenen Staat Bestand hatten, was die Bedeutung des Staates als Grundlage der Nation relativiert. In allen diesen Fällen war zudem die religiöse Komponente der jeweiligen Kultur stark ausgeprägt, was die Bedeutung der Religion als Faktor kultureller Kontinuität unterstreicht.

Halfwassen lehnt zudem das Konzept des christlichen Abendlandes ab, da das Christentum ohne seine hellenischen Bezüge nicht hätte entstehen können und somit in deren Zusammenhang als Teil europäischer Kultur zu verstehen sei. Dagegen kann man einwenden, dass das Christentum nicht als bloßes Produkt antiker griechischer Philosophie entstand, sondern in seinem spezifischen Geist einige ihrer Ideen mit anderen Konzepten, Werken und Ideen zur kulturellen Grundlage Europas verband. Dies widerspricht nicht Halfwassens These, derzufolge es eine dreitausendjährige kulturelle Kontinuität Europas gebe, beantwortet aber die Frage, was der formende und prägende Geist dieser Kontinuität war und wieder sein müsste, wenn diese Kontinuität nicht abbrechen soll. (ts)