Kulturelle Kontinuität: Das Konzept der Parallel-Polis

Matteo Perez d’Aleccio - Die Befestigungsanlagen von Valetta auf der Insel Malta (gemeinfrei)

In den 1970er Jahren entwickelten Bürgerrechtler der in der damaligen Tschechoslowakei aktiven Bewegung Charta 77 ein Konzept, das kulturelle Kontinuität während der Zeit totalitärer Herrschaft sicherstellen und die Grundlage für spätere Erneuerung der Kultur legen sollte. Der Urheber des Konzepts, der katholische Intellektuelle Václav Benda, bezeichnete dieses Konzept als „Parallel-Polis“.

Die Voraussetzung für den Fortbestand der Kultur unter den Bedingungen totalitärer Herrschaft sei eine von den jeweiligen Staatsapparaten geistig und materiell unabhängige Zivilgesellschaft, die geistige und physische Räume schaffe, in denen die Regeln, denen der Rest der jeweiligen Gesellschaften unterworfen werde solle, nicht gelten würden.

  • Der Schutz dieser Räume würde den Einsatz für Freiheitsrechte erfordern, welche die staatlichen Möglichkeiten zum Eingriff in diese Räume soweit wie möglich begrenzen und reduzieren sollen.
  • Innerhalb dieser Räume könne eine von staatlichen Eingriffsversuchen oder sonstigen ungünstigen Umfeldbedingungen unabhängige Kultur gepflegt werden. Dies beinhalte etwa auch ein unabhängiges Bildungswesen sowie unabhängige Medien und Kommunikationsplattformen sowie geistes- und kulturwissenschaftliche Tätigkeit.
  • Weiterhin betreibe sie eigene Solidarstruktur, die von staatlichen Sozialsystemen unabhängig sei und auf Gegenseitigkeit sowie Vertrauen innerhalb der kulturtragenden Bevölkerung beruhe.
  • Außerdem würden entsprechende Netzwerke sonstige Strukturen aufbauen, die sie von staatlicher Infrastruktur so weit wie möglich unabhängig machen und auch dann zur zuverlässig zur Verfügung stehen, wenn die staatliche Infrastruktur vorübergehend oder dauerhaft ausfällt oder Menschen aus weltanschaulichen Gründen von ihrer Inanspruchnahme ausgeschlossen werden.
  • Entsprechende Netzwerke würden sich zudem unabhängig von staatlicher Außenpolitik international vernetzen und international gegenseitig unterstützen.

Die Parallel-Polis würde sich dabei nicht als Gegner des sie umgebenden Umfelds oder als Gegner des Staates verstehen, sondern als Kern seiner Erneuerung, der sich zu diesem Zweck von bestimmten Verfallserscheinungen und korruptiven kulturellen Tendenzen isolieren müsse.

Václav Havel, einer der geistigen Führer der Bewegung, betrachtete das Konzept nicht nur als eine Antwort auf die kommunistische Variante moderner, utopischer Ideologien. Auch den in der westlichen Welt erstarkenden Ideologien wohne ein totalitärer Impuls inne, der kulturtragende Akteure mittel- bis langfristig mit ähnlichen Herausforderungen konfrontieren könne, wie sie mit der Herrschaft des Kommunismus verbunden waren:

Havel identified, in the free as well as the unfree world, “a power grounded in an omnipresent ideological fiction which can rationalize anything without ever having to brush against the truth.”  […] Individual freedom and social cohesion were no less under threat in the depoliticized capitalist democracies of the West. “A person who has been seduced by the consumer value system,” he wrote, and who has “no sense of responsibility for anything higher than his own personal survival, is a demoralized person.

Das Konzept der Parallel-Polis beruht vor allem auf Erfahrungen christlicher Gemeinschaften, die seit dem Frühchristentum routinemäßig von ablehnenden bis feindseligen Umfeldern umgeben waren, die sie oft auch unter schwierigsten Bedingungen schließlich erneuern konnten. Die meisten gegenwärtig im europäischen Kulturraum diskutierten Konzepte kultureller Kontinuität gehen entweder direkt auf dieses Konzept zurück oder gehen in eine ähnliche Richtung. (ts)