Kollektivschuld und das vierte Gebot: Eine katholische Kritik

John Martin - Die Zerstörung von Sodom und Gomorra (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der früher an der Georgetown University lehrende Jesuit und Philosoph James V. Schall unterzieht in einem aktuellen Beitrag das Konzept der Kollektivschuld einer moralischen Kritik. Anlass sind laufende Vorhaben zur Zerstörung von Denkmälern in den USA, die an historische Persönlichkeiten der amerikanischen Südstaaten erinnern.

Laut Schall sei das Konzept moralisch falsch, weil es individuelles Handeln und moralische Verantwortung entkoppele.

  • Nur eine Person könne moralisch verantwortlich handeln und sei für Handlungen daher moralisch verantwortlich, nicht jedoch ein Kollektiv wie ein Staat oder eine Organisation. Gleichzeitig höre die individuelle moralische Verantwortung für Handlungen nicht auf, sobald man im Namen oder Auftrags eines Staates oder einer Organisation handele. Das Konzept der Kollektivschuld richte sich gegen die Vorstellung einer individuellen Verantwortung und somit gegen die Grundlagen derr Moral als solcher. Es erlaube zudem Menschen, die tatsächlich schuldhaft gehandelt haben, ihre Verantwortung auf Menschen abzuwälzen, die dies nicht taten.
  • Das Konzept der Kollektivschuld beruhe auf Überheblichkeit gegenüber früheren Generationen, die nicht über das Wissen der Gegenwart verfügten und sich auch nicht mehr gegen Vorhaltungen verteidigen könnten. Umgekehrt sei aber auch das Wissen über die Umstände der Vergangenheit bei denjenigen, die entsprechende Vorwürfe erheben, meist unzureichend. Solche Überheblichkeit mache blind für die eigenen Verfehlungen und lasse die eigene Verantwortung in der Gegenwart in den Hintergrund treten.
  • Das Konzept der Kollektivschuld sei zudem eng mit Selbstgerechtigkeit verbunden, und entsprechende Unterstellungen seien häufig ein Versuch, auf Kosten früherer Generationen moralische Selbstdarstellung zu betreiben.

Das Konzept der Kollektivschuld kleide sich in ein moralisches Gewand, löse jedoch die Bindungen an die eigene Vergangenheit sowie die Vorstellung individueller Verantwortung auf, wirke daher kulturell auflösend und moralisch destruktiv und sei deshalb abzulehnen.

Bewertung und Folgerungen

Im deutschen Kontext hatte kürzlich der niederländische Soziologe und Integrationsforscher Ruud Koopmans auf die problematischen Folgen des Konzepts für den gesellschaftlichen Zusammenhalt hingewiesen,

Der französische Philosoph Alain Finkielkraut beschrieb in seiner Kritik an diesem Konzept, warum auf seiner Grundlage kein dauerhaftes Gemeinwesen begründet werden könne:

Wenn die Memorialkultur überwiegend Verbrechen erinnert, dann wird der Bezug auf die kollektive Vergangenheit negativ; und dann entschwindet die Dankbarkeit gegenüber jeglicher vorangegangenen Generation und verkehrt sich in Ablehnung. Geschieht das, dann kommt der Gegenwart die Orientierung abhanden, und sie findet nur noch Halt in einem Hypermoralismus, der selbst keine Maßstäbe mehr hat.

Dem Ziel jedes Gemeinwesens, nämlich der Sicherstellung des Gemeinwohls, ist das Konzept daher grundsätzlich abträglich.

Das Konzept der Kollektivschuld erscheint insgesamt als ein Werkzeug, das utopische Ideologien, die einen revolutionären Bruch mit einer Tradition anstreben, zur Auflösung von Bindungen und kultureller Substanz nutzen und dies durch die pauschale moralische Herabwertung der Vergangenheit erreichen wollen.

Dabei wird fast immer unhistorisch vorgegangen bzw. ignoriert, dass Kultur und Tradition sich organisch entwickeln und dabei Fehlentwicklungen nicht durch revolutionäre Brüche korrigieren, sondern durch ständigen Abgleich mit dem jeweiligen Kulturziel und, wenn erforderlich, Rückbindung an dieses. (ts)